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Ulm

11.11.2019

Theater Ulm schockt in Oper mit Tötungsmaschine

Irgendwo in einer Strafkolonie steht die perfekte Tötungsmaschine. Sie soll eine überaus ›menschliche, wenngleich alles andere als schmerzfreie Hinrichtung garantieren.
Foto: Martin Kaufhold

Ein grausig-grotesker Apparat steht im Zentrum einer Kammeroper basierend auf einem Kafka-Text über die Grenzen der Gerechtigkeit und Freude am Leid.

Ist es tatsächlich so? Erlangt der Mensch Macht über andere, ist es mit der Menschlichkeit vorbei. Ein Jahrtausende altes Thema, aktuell in der Gegenwart wie zu allen Zeiten davor, liegt Philipp Glass´ im Jahr 2000 geschaffener Kammeroper „In the Penal Conony“(„In der Strafkolonie“) zugrunde: Warum foltern Menschen Menschen? Weshalb bringen Menschen anderen Menschen brutale Schmerzen bei und töten qua legitimierendem Urteil – zur sadistischen Vergnügung anderer wie in den Arenen des alten Rom oder oft auch zur Einschüchterung anderer, wie es häufig beispielsweise während der Zeit der Inquisition geschah? Und macht Nibelungentreue gegenüber einer totalitären Ideologie blind und vollkommen fühllos für ihre Grausamkeit, unabhängig von jeder politischen Ausrichtung?

Man denkt an Guantanamo

Eine Strafkolonie, irgendwo auf einer Insel dieser Welt. Man denkt an Guantanamo, der Ort kann aber auch fast überall sonst sein, nur auf einer europäischen Insel nicht, denn von dort kommt ein renommierter Besucher, aufgewachsen mit europäischen Werten, wie ihm vorgehalten wird – weshalb er der zwölf Stunden dauernden Hinrichtungsmethode einer Maschine skeptisch gegenübersteht.

Als Franz Kafka seine Novelle „In der Strafkolonie“ 1916 in München öffentlich las, sollen Zuhörer in Ohnmacht gefallen sein angesichts der Grausamkeiten im Text. Sich denen emotional zu entziehen, macht die Kammeroper-Version des Stoffes des US-Amerikaners Philipp Glass in der Aufführung im Podium des Theaters Ulm unmöglich. In unprogrammatischer Klarheit liefert die „Minimal Music“ des Streichquartetts der Ulmer Philharmoniker unter Leitung von Hendrik Haas einen gleichsam unbeteiligten Kontrast zu dem, was sich vor den Augen des Publikums abspielt und was Maria Rosendorfsky (als Besucher der Strafkolonie) und Martin Gäbler (als Offizier, der Legislative, Judikative und Exekutive zugleich ist und somit europäischem Rechtsempfinden entgegensteht) in schockierender Klarheit singen. Maria Rosendorfsky gibt dem Besucher eine schmallippige Ablehnung der vom früheren Strafkolonie-Kommandanten erfundenen Tötungsmaschinerie; zugleich zeigt sie, dass es dem Besucher nicht wert ist, sich die Hände schmutzig zu machen, um sich für das Leben des ohne Verteidigung Verurteilten einzusetzen.

Macht über den Hinzurichtenden

Martin Gäblers lässt sein Gesicht leuchten vor glühender Begeisterung und Verehrung, wenn er die technischen Details der Tötungsmaschine in klaren Tönen schildert. Fast sexuell-sadistisch kommt die Freude am Leid der Menschen, die in langsamer, grauenhafter Folter in der Maschine gestorben sind – und dann ist da noch die Angst, dass der neue Kommandant der Strafkolonie die Erfindung des vom Offizier verehrten Vorgängers ablehnt. Eine winzige menschliche Geste zieht sich durch die beeindruckend aufrüttelnde Inszenierung Sarah Kohrs: Der gefesselte Delinquent (Elias Hörz) lächelt. Er lächelt, immer wieder den Kopf hebend und scheu Antwort suchend in den Gesichtern des Besuchers und des Soldaten, der ihn bewacht. Und irgendwann lächelt der Bewacher (Jochen Schreiber) zurück. Zunächst vorsichtig entsteht eine Art Kumpanei zwischen den beiden stumm agierenden Männern, von denen der Befehlsempfänger als Bewacher doch Macht über den Hinzurichtenden hat. Groteske Momente entwickeln sich aus den winzigen Momenten der Menschlichkeit.

Monika Goras Bühnenbild arrangierte die Räume, in denen „In the Penal Colony“ spielt, nahezu farblos an den Außenwänden des Podiums. Am Ende der Flucht von Räumen steht die bewunderte Tötungsmaschinerie, die filigrane Muster in die Haut des Gefolterten schneidet. Mit Sicht auf all diese Räume und mit der freien Entscheidung auch, ob er Szenen vor oder hinter sich beobachten will, sitzt der Theaterbesucher auf einem Drehstuhl und ist zwangsläufig Teil der Szenerie. Er wird zum stummen Zuschauer der beginnenden Folter und Hinrichtung, kann nicht eingreifen, sondern muss geschehen lassen – vermutlich ein Gefühl, das viele erzwungene Zuschauer von Hinrichtungen zu allen Zeiten hatten.

Der freiwillige Tod des Offiziers, der seine Ideologie scheitern sieht, geschieht fast unauffällig in der Tötungsmaschine. Darf man sich über den Tod des Folterers freuen? Die vorher Machtlosen fliehen nicht, sie beobachten das Sterben des Gefürchteten mit Freude. Derart aktuell ist die Kammeroper, stellten Medien doch erst jüngst beim Tod von Abu Bakr die Frage, ob man sich über den Tod eines Tyrannen freuen darf. Das Ende der Oper kommt überraschend und anders als bei Kafka. Es lässt den Besucher erschrocken und ratlos zurück. Wie war das mit der europäischen Menschlichkeit?

Die nächsten Aufführungen der Kammeroper in einem Akt von Philip Glass nach der Erzählung von Franz Kafka und einem Libretto von Rudolph Wurlitzer finden statt am 13., 15., 19. und 21. November.

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