Mithilfe einer Schleuse, einer Schranke und einer Ampel ist die Gänstorbrücke halbseitig gesperrt. Foto: Alexander Kaya
Mindestens fünf Jahre dauert der Ersatzbau einer Brücke in Deutschland – optimistisch gerechnet. „Viel zu lang und für den innovativen Industriestandort Deutschland nicht angemessen“, kritisiert Marcello Danieli, Vorstandssprecher vom Club der Industrie (CI). Dies werde an den Beispielen Gänstorbrücke und Adenauerbrücke deutlich, die über die Donau führen und Neu-Ulm und Ulm verbinden. Letztere trägt die B10.
Die drohende Vollsperrung der Gänstorbrücke und die ebenfalls sanierungsbedürftige marode Adenauerbrücke stellen aus Sicht der Unternehmer eine belastende und nicht tragbare Situation für den regionalen und innerstädtischen Wirtschaftsverkehr dar. Die Mitglieder des Clubs der Industrie, der etwa 100 leistungsstarke Unternehmen aus der Region repräsentiert, warnen vor einem sich abzeichnenden Verkehrskollaps für Ulm und Neu-Ulm.
Gänstorbrücke und Adenauerbrücke sind Hauptverkehrsadern zwischen Ulm und Neu-Ulm
Denn die beiden Brücken seien die Hauptverkehrsadern über die Donau. Wie wichtig die Überwege sind, zeigen Zahlen des Staatlichen Bauamts Krumbach und der Stadt Ulm: Jeden Tag rollen mehr als 100.000 Fahrzeuge über die Adenauerbrücke und rund 27.000 über die Gänstorbrücke. An letzterer Zahl hat nach Angaben der Stadt Ulm auch die halbseitige Sperrung des Bauwerks nichts geändert.
Der Neubau der Gänstorbrücke soll, wenn alles nach Plan verläuft, Mitte 2025 stehen. Gleich mehrere Kritikpunkte bringt der Club der Industrie dazu an. „Die Planungs- und Genehmigungsverfahren sind zu schwerfällig, wenn es um Ersatzbrücken geht,“ kritisiert Danieli.
Logistik-Branche spürt Probleme durch marode Brücken deutlich
Der CI-Vorstandssprecher ist Geschäftsführender Inhaber des Logistikers Harder – seine Branche spürt die Probleme durch die maroden Brücken besonders deutlich. Zwischen den Projektabschnitten vergehe zu viel Zeit, führt Danieli weiter aus und listet den zeitlichen Ablauf auf: Seit dem 10. Januar 2020 besteht für die Gänstorbrücke Baurecht. Im Februar 2020 stand der Sieger des Planungswettbewerbs fest. Doch erst Ende Juni 2020 wurde dieser beauftragt, bis Mitte 2021 einen Bauwerksentwurf vorzulegen.
Ein Industrieunternehmen brauche für die Auftragserteilung nur ein paar Tage, sobald der Sieger einer Ausschreibung feststehe. Die Mitglieder des Clubs sehen die Gefahr, dass angesichts dieser zeitlichen Abläufe der Termin Mitte 2025 nicht eingehalten werden kann.
Mehr als 100000 Autos rollen täglich über die Adenauerbrücke.Foto: Alexander Kaya
Die Lösung liegt für Danieli auf der Hand. „Ersatzinvestitionen für baufällige Infrastruktur brauchen zügige und einfachere Verfahren. Dafür muss die Politik neue Wege gehen“, sagt der CI-Vorstandssprecher und denkt an die Landtage in München und Stuttgart. Baugenehmigungen könnten per Gesetz erlassen werden. Dann würden zahlreiche Vorschriften, die derzeit ein Genehmigungsverfahren verlangsamen, nicht gelten.
Dabei lohne sich ein Blick auf das Vorgehen bei Verkehrsinfrastrukturprojekten nach der Wiedervereinigung. Die damaligen Verfahren hätten dazu beigetragen, dass Deutschland schnell zu einem attraktiven Wirtschaftsstandort zusammenwachsen konnte.
Beispiel Genau: Wie Brücken auch schneller entstehen können
Auch das aktuelle Großprojekt in Italien zeige, dass ein Brückenbau mit deutlich kürzerem Planungshorizont auskomme. Die neue Morandi-Autobahnbrücke bei Genua ist im August nach eineinhalb Jahren Bauzeit für den Verkehr freigegeben worden. Das Vorgänger-Bauwerk stürzte im August 2018 ein, 43 Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben. „Nach den dortigen Maßstäben müsste die Gänstorbrücke im Sommer nächsten Jahres fertig sein“, folgert Danieli.
Die Einschätzung des Clubs der Industrie ist: Für die Gänstorbrücke kommen Überlegungen zu einer schnelleren Umsetzung zu spät, wenn sich die Landesregierungen in München und Stuttgart nicht noch zu einem politischen Kraftakt durchringen. (az/mase)
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