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Ulm

27.02.2019

Ulmer Künstler feiern die Druckkunst

Konrad Neubrand, gelernter Lithograf, Lehrer, Künstler und einer der Initiatoren der Druckwerkstatt Ulm, an einer Boston-Tiegelpresse. Beim Tag der offenen Tür am 16. März können Besucher einen Blick in das lebendige Museum werfen.
Bild: Alexander Kaya

Seit einem Jahr zählen die historischen Techniken zum Kulturerbe. Ab Freitag ist eine Ausstellung im Künstlerhaus zu sehen. Interessierte können die verschiedenen Verfahren aber auch selbst ausprobieren.

Aufstände und Revolutionen brauchen Papier und Farbe. Luthers Erfolg wäre ohne den Buchdruck nicht vorstellbar gewesen. Und der Bauernkrieg nahm Fahrt auf durch die Zwölf Artikel von Memmingen aus dem Jahr 1525 – das gedruckte Programm verbreitete sich im gesamten Heiligen Römischen Reich. Was heute Kunst ist, war einst ein unverzichtbares Mittel für Macht und Politik. „Die Setzer und Drucker waren vor Hunderten von Jahren schon linksgrün versifft“, scherzt Karl-Ernst Fetzer, gelernter Schriftsetzer, Werbefachmann und Mitglied der Druckwerkstatt Ulm.

So politisch wird es bei der Ausstellung im März nicht zugehen. „Wir feiern die Druckkunst“ heißt das Projekt der Druckwerkstatt. Vor einem Jahr, am 15. März 2018, sind die künstlerischen Drucktechniken ins deutsche Unesco-Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden. Aus diesem Anlass gibt es genau ein Jahr später einen „Tag der Druckkunst“ mit mehr als 220 Aktionen in ganz Deutschland, in zwei österreichischen Gemeinden und einer deutschsprachigen Ortschaft in Belgien. In Ulm läuft darüber hinaus von 1. bis 24. März eine Ausstellung im Künstlerhaus Ulm.

Johannes Gutenberg und Albrecht Dürer waren Pioniere aus Deutschland

Die Aktionen in Ulm und anderen Städten beleuchten die historischen, handwerklich-künstlerischen Techniken, die von Deutschen geprägt wurden: Johannes Gutenberg erfand Mitte des 15. Jahrhunderts den Buchdruck mit beweglichen Lettern. Schon vor ihm druckten unbekannte Meister Andachtsbilder und Spielkarten mit der Technik des Holzschnitts. Albrecht Dürer griff bei seinen Kupferstichen auf die Methoden von Goldschmieden und Waffengraveuren zurück, die Muster ihrer Gravuren druckten. Im 19. Jahrhundert wurde Papier über den Steindruck massenweise bedruckt. Und bis in die 80er Jahre arbeiteten Zeitungsdruckbetriebe mit Bleisatz. Nicht alle Erfindungen stammen aus Deutschland. Aber: „Die künstlerische Umsetzung ist eine deutsche Geschichte“, sagt der Maler, Bildhauer und Grafiker Bertram Bartl. Auch er ist Mitglied des Vereins, der die Druckwerkstatt trägt. Die Schau im Künstlerhaus soll nicht nur die Geschichte zeigen: „Wir wollen die alte Technik vermitteln. Wissen, das vor drei Jahrzehnten Standard war, geht verloren“, erklärt Bartl, der bei der Ausstellung auch eigene Drucke zeigen wird.

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Bei der Ausstellung geht es nicht nur ums Ansehen, sondern auch ums Ausprobieren. Bei Druckvorführungen können sich Besucher zeigen lassen, wie alte Maschinen funktionieren. Und bei Mitmachaktionen dürfen sie selbst Hand anlegen. Die Kommunikationsdesignerin Adela Knajzl, die mit Drucktechniken experimentiert, hat Linolschnitte vorbereitet, die bei früheren Aktionen vor allem bei Kindern hervorragend ankamen: einen Bären und einen Apfel zum Beispiel, mit denen T-Shirts oder Taschen bedruckt werden können. „Die Kinder waren fast nicht mehr wegzubringen. Eines hat spontan den Pullover ausgezogen“, erinnert sich Knajzl.

Druckgrafik hat für Kunstfreunde einen entscheidenden Vorteil

Auch Ideen, die die Künstler auf der Illertisser Messe Gartenlust ausprobieren konnten, greifen die Künstler der Druckwerkstatt wieder auf: Blumen und Blätter werden mit Farbe bestrichen und auf Papier gepresst, kleine und filigrane Kunstdrucke entstehen. Wer Texte drucken mag, kann sie in Styroporplatten ritzen, die mit Farbe bestrichen werden. Abwandlungen der Drucktechniken, die ohnehin schon zahlreich sind: Hochdruck, der wie ein Stempel funktioniert. Holz- und Linolschnitt. Steindruck mit fetthaltigen Teilen, die die Farbe aufnehmen. Radierungen, bei denen vertiefte Teile der Platten die Farbe aufnehmen.

Einige der Blätter-und-Blüten-Drucke haben die Künstler aufgehoben. „Ein tolles Kunstwerk“, sagt Bertram Bartl und streicht über ein postkartengroßes Blatt Papier. Es zeigt einen Abdruck in roter Farbe, wahrscheinlich von einem Buchenblatt. Zart heben sich die Adern in Weiß ab. Bartl sieht in den Drucken noch einen Aspekt: „Es ist die billigste Art, Kunst erwerben.“ Besser, als großformatige Ikea-Poster mit bekannten Bildmotiven zu kaufen.


Das Programm im Überblick:

Die Schau „Wir feiern die Druckkunst“ ist von 1. bis 24. März im Künstlerhaus im Ochsenhäuser Hof zu sehen. Gezeigt werden druckgrafische Werke der Künstler Bertram Bartl, Peter Degendorfer, Jörg Eberwein, Konrad Geyer, Adela Knajzl, Sepp Luible, Konrad Neubrand und Heinz-Dieter Zimmermann. Bei der Vernissage am Donnerstag, 28. Februar, um 19 Uhr, spricht Kulturbürgermeisterin Iris Mann ein Grußwort.

Am deutschlandweiten „Tag der Druckkunst“ am Freitag, 15. März, und an vier weiteren Tagen gibt es Druckvorführungen und Mitmach-Aktionen im Künstlerhaus. Die Termine: Freitag, 8. März, von 15 bis 17 Uhr, Sonntag, 10. März, von 11 bis 16 Uhr, Donnerstag, 21. März, von 15 bis 17 Uhr und Samstag, 23. März, von 11 bis 16 Uhr.

Einblicke in das „lebendige Museum“, wie der Verein zur Pflege historischer Druckverfahren seine Druckwerkstatt in der früheren Ulmer Pionierkaserne (Basteistraße 46, neben dem Hotel Maritim) nennt, können Besucher dann am Samstag, 16. März, bekommen. Der Tag der offenen Tür dauert von 15 bis 20 Uhr.

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