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Ulm

28.01.2020

Unverwechselbar? Viel Trubel um "Simply The Best – Die Tina Turner Story"

Schnipsen, Arme schwingen, die Choreografie zu „Proud Mary“ sitzt. Auch wenn Coco Fletchers Stimme an das Original, Tina Turner, nicht ganz heranreicht, vermittelt „Simply The Best – Die Tina Turner Show“ zumindest die Energie der Hits.
Foto: Veronika Lintner

Plus Tina Turner klagt gegen eine Show, die sich um ihr Leben dreht. Der Vorwurf: Etikettenschwindel. In Ulm zeigt sich, dass es nur ein Original gibt.

Das Publikum in Reihe vier könnte es für einen kurzen Moment ja fast glauben, denn alle sicht- und hörbaren Signale auf der Bühne des CCU sind auf Turner gepolt: Sängerin mit Zottelmähne, knappe Röcke aus Leder, Rock am Dezibellimit und eine originalgetreue Choreografie zu „Proud Mary“. Aber diese Tina ist nicht Tina. Und darum dreht sich auch der ganze Trubel, der dieses Musical verfolgt.

Tina Turner klagte höchstpersönlich gegen "Simply The Best"

„Simply The Best – Die Tina Turner Story“ erzählt das Leben der Sängerin entlang ihrer Hits. Gerade tourte die Huldigungsshow auch schon durch Deutschland – da ereilte die Veranstalter ein Veto aus der Schweiz. Tina Turner höchstpersönlich klagte gegen ein Tour-Plakat. Der Vorwurf: Etikettenschwindel. Die Darstellerin auf dem Werbebild sehe ihr viel zu ähnlich. Ein Kölner Gericht gab der Diva im Ruhestand tatsächlich Recht und erklärte: Erstens lebt die Künstlerin noch. Zweitens steht ihr Name groß auf dem Plakat. Drittens ist auf dem Foto, ohne Hinweis, ein täuschend echtes Double zu sehen. „Die beklagte Firma hat nicht das Recht, ein potenzielles Publikum über die Mitwirkung von Tina Turner zu täuschen“, erklärte das Gericht. Die Agentur der Show, „Cofo Entertainmet“, will nun die schriftliche Begründung abwarten und eventuell in Berufung gehen. In Kontakt mit Tina Turner stehe man nicht, heißt es auf Nachfrage. Man habe aber Hinweise auf Plakaten angebracht: „Tina Turner Story – Starring Coco Fletcher“.

In den 60ern bretterte Turners Stimme den Rock in neue Dimensionen. In den 70ern löste sie sich von Ike Turner, dem Tyrann an ihrer Seite. In den 80ern startete sie ihr Pop-Comeback und seit den 90ern verehrt man sie als Legende. Turners Stimme klingt noch immer in allen Ohren: Als hätte diese Frau eine ganze Käsereibe verschlungen und dann mit Whiskey kräftig nachgespült, bis daraus wundersam ein einmaliger, gänsehautrührender Sound entsteht. Im CCU erklingt jetzt „Golden Eye“, Turners Bond-Song. Schnell wird klar: Hier besteht keine Verwechslungsgefahr. Das Double Coco Fletcher erreicht mit ihrem Gesang nicht Turners Tiefen, sie tönt nicht so verraucht und geriffelt. Trotzdem: Fletchers Stimme strahlt viel Soul aus und sie zeigt in zweieinhalb Stunden keine Schwächen. Es wäre wohl auch ein hoffnungsloses Vorhaben, seine Stimme exakt so verrenken zu wollen, dass sie an das einzigartige Organ der Turner heranreicht.

Coco Fletcher hat Soul in der Stimme, doch anders als Tina Turner

Doch von dieser Diva bleibt nicht allein die Stimme. Unvergessen sind Bühnen-Momente, in denen die Original–Tina zum Turner-Galopp ansetzte: Stampfen, schnauben, Fäuste recken, sich mit aller Kraft schütteln. In der Show zeigen Videos Szenen der echten Tina, schwarzweiß und in Farbe, immer hochenergetisch. Und Coco Fletcher? Sie tanzt, aber nicht ekstatisch. Die US-Sängerin zieht ihren Stil durch und das schadet der Show nicht. Nebenbei bemerkt: Fletcher will nicht verraten, wie alt sie ist und das scheint konsequent. Tina Turner ließ sich über Jahrzehnte hinweg ja auch nicht anmerken, wie alt sie ist. Noch mit fast 70 zappelte sie wie eine Junge über Bühnen dieser Welt. Das Musical bietet indessen eine tolle Kostümparade, von Fransenkleidern der 70er bis zum Leder-Sortiment der 80er-Turner.

Der Sound, der Fletcher begleitet, ist stark. Der Gitarrist, der Ike Turner in akkurat anmaßender, schmieriger Weise darstellt und die Saiten auch mal mit der Zunge zupft, verbucht eine Grammy-Nominierung in seiner Vita. Der Bassist der Band stammt tatsächlich aus Ulm, seine Kollegen aus den USA und Kanada.

"Simply The Best" lebt von Anekdoten aus dem Leben der Tina Turner

Das Wechselspiel zwischen Hits, Sketchen und Episoden funktioniert – mit Kratzern. Gerade nimmt die Geschichte Fahrt auf, die Bühnen-Turner steht mitten in den 50er-Jahren kurz vor ihrem Durchbruch, sie geht zu Ikes Casting und ... Wackelkontakt. Mikros stottern. Den Boxen im CCU geht der Saft aus. Wäre der echten Tina Turner nie passiert, denkt man sich. Ihre Stimme läuft von allein mit 1000 Volt. Beachtlich aber, wie die Darsteller nach kurzer Zwangspause den Faden wieder aufnehmen. Der Rock von „Nutbush City Limits“ hämmert grundsolide, auch poppige Turner-Phasen klingen an. Bei „Simply The Best“ steht, tanzt und singt das Publikum. Die Musik macht Laune, immer noch.

Vieles musste Tina Turner erleiden, auch Rassismus. Das belegen Schlagzeilen aus deutschen Magazinen der 60er, die die Show zitiert. Jahre später liest sich das etwas charmanter: „Die Marika Rökk aus Tennessee“, spöttelt man da. Auch diese Hintergründe vermittelt die Revue.

Tina Turner war nie ganz weg, die Zahl ihrer offiziell endgültigen Abschiedstourneen bleibt ungezählt. 2009 sahen noch einmal eine Millionen Zuschauer ihre Tour, Millionen spülte das in ihrer Kasse. Und so ein kleiner Skandal um ein Double spinnt die Legende weiter.

Lesen Sie auch: Gericht entscheidet über Plakat von Show mit Tina-Turner-Double

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