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Neu-Ulm

17.01.2020

Vom Orchestergraben ins Rampenlicht: Tenor Klaus-Florian Vogt im Interview

So kennt man den Tenor Klaus Florian Vogt: Üblicherweise begleitet ihn ein Klavier oder ein Sinfonieorchester bei Konzerten und oft genug steht er im Kostüm auf der Opernbühne. Gelegentlich tritt er aber auch mit sinfonischen Blasorchestern auf – zum Beispiel beim Bläserkongress in Neu-Ulm.
Foto: Toti Ferrer, dpa

Plus Bayreuth-Tenor Klaus Florian Vogt ist der Stars beim Blasmusik-Kongress in Neu-Ulm. Der ehemalige Profi-Hornist verrät, warum er Sänger geworden ist.

Herr Vogt, Hand aufs Herz: Wann hatten sie zuletzt ihr Waldhorn in der Hand?

Klaus Florian Vogt: Zu Weihnachten. Da habe ich ganz klassisch Weihnachtslieder gespielt.

Als Hornist spielten Sie jahrelang im Philharmonischen Staatsorchester Hamburg, das ist eine tolle Stelle für einen Profimusiker. Aber dann starteten Sie eine Karriere als Tenor. Warum sind sie aus dem Orchestergraben ins Sängerfach gewechselt? Was hat Sie dazu bewegt?

Vogt: Der ausschlaggebende Punkt war für mich, dass diese Aussicht auf den Beruf des Sängers mir mehr Abenteuer versprochen hat. Diese Karriere als Sänger beinhaltet zudem auch eine größere künstlerische Freiheit und überhaupt alle Chancen und Perspektiven, die so ein Solistendasein mit sich bringt. Am Ende war es auch der Reiz der Herausforderung, aus der Anonymität eines Orchestermusikers herauszutreten.

Wenn Sie heute in großen Opernhäusern auf der Bühne stehen, zum Beispiel bei den „Meistersingern von Nürnberg“, bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth, denken Sie dann doch in manchen Sekunden: Jetzt würde ich lieber im Orchestergraben sitzen?

Vogt: Nein. „Lieber“ trifft es nicht. (lacht) Solche Momente kenne ich nicht. Höchstens, wenn ich ein sinfonisches Konzert besuche, wenn ich zum Beispiel Werke von Anton Bruckner höre, dann hätte ich manchmal doch schon noch große Lust, als Hornist mit dabei zu sein.

Haben Sie immer noch ein spezielles Gespür und Gehör für die Bläser im Orchester? Zittern Sie mit den Instrumentalisten mit, wenn Sie wissen: Ach, jetzt kommt gleich das große, halsbrecherische Solo im ersten Horn.

Vogt: Nein, ich zittere nicht mit (lacht), aber ich höre natürlich ganz genau hin. Diese Erfahrung schüttelt man nach all den Jahren nicht einfach ab.

Es gibt ein Zitat der Sängerin und Jazz-Legende Ella Fitzgerald. Sie sagte: Alles was ich je gelernt habe, habe ich von den Bläsern gelernt. Was kann denn ein Sänger von diesen Instrumentalisten lernen?

Vogt: Ach, da gibt es ganz schön viel: Natürlich kann man eine gute Luftführung und Atmung von Bläsern lernen. Was vielen Sängern außerdem schwerer fällt als Orchestermusikern, ist sich an andere anzupassen. Wir haben als Sänger durchaus Ensemble-Auftritte, im Quintett oder Quartett. Da ist es wichtig, sich auch einmal selbst im gesamten Klang zurückzunehmen und anderen den Vortritt zu lassen, sodass derjenige, der die führende Stimme hat, auch tatsächlich zu hören ist. Das sind wichtige Aspekte, ganz zu schweigen von der feinen Intonation und Stimmung, die Bläser beherrschen müssen. Es gibt viele Elemente, die man sich von einem Bläser, und auch von einem Bläsersatz, als Sänger zu Herzen nehmen kann.

Sie sind ihren Wurzeln als Bläser ja offensichtlich treu geblieben und haben nun beim Internationalen Blasmusikkongress in Neu-Ulm ein Konzert mit dem Stadtorchester Friedrichshafen gegeben. Wie kam es dazu?

Vogt: Wir haben dieses Programm schon einmal in Friedrichshafen aufgeführt, das ist nun bereits zwei Jahren her. Ich bin wirklich begeistert von diesem großen Bläserklang. Das hat mir so einen großen Spaß bereiten. Ich finde auch, dass diese Arrangements der Gustav-Mahler-Lieder, die ja nicht für Blasorchester gedacht waren, unglaublich gut zum Werk passen. Sofern habe ich gerne zugesagt, als sich die Möglichkeit ergab, das Programm zu wiederholen.

Puristen würden sagen: Mahler–Lieder mit Blasorchester – geht das überhaupt? Darf man das? Was spricht dafür, dass auch sinfonische Blasmusikorchester solche Werke spielen?

Vogt: Ich finde gerade zu Mahler passt das unheimlich gut. Viele seiner romantischen Kompositionen basieren ja auf Naturklängen. Auch in seinen Sinfonien spielen die Bläser immer eine ganz, ganz große Rolle. Insofern liegt das nahe, gerade Mahler mit so einer Besetzung zu machen. Da entsteht eine Klangvielfalt, die man von Bläsern vielleicht gar nicht vermutet.

Bläsermusik wird aber immer noch von vielen belächelt als etwas Krachiges, Lautes, als etwas, das nicht an die Qualität eines klassischen sinfonischen Orchesters herankommt. Bekommen Sie solche Vorurteile zu spüren?

Vogt: Diese Vorurteile gibt es schon noch, aber das liegt auch an einer gewissen Unwissenheit. Mit dem Begriff Blasorchester bringen viele immer noch Bierzeltmusik in Verbindung. Davon ist aber eben ein sinfonisches Blasorchester wie das Friedrichshafener weit, weit, weit entfernt. Ich finde, dass es in seiner Klangkultur und seinem Klangbild einem klassischen Sinfonieorchester sehr nahe steht.

Ihr Terminkalender ist prall gefüllt. Wie viel Platz bleibt denn da noch für diese Kombination, Gesang und Blasorchester?

Vogt: Selten, aber das liegt auch daran, dass es eben nicht allzu viele sinfonische Blasorchester auf diesem sehr hohen Niveau gibt. Trotzdem arbeite ich generell gerne mit Bläsern zusammen. Ich hab zum Beispiel eine Fassung der „Schönen Müllerin“, dem Liederzyklus von Schubert, mit einer Schubert-Oktett-Besetzung gesungen, in der auch Klarinette, Horn und Fagott traditionell mit dabei sind. Das bringt eine solche Klangfülle und Klangvariation mit sich. Das macht mir ganz großen Spaß.

Interview: Veronika Lintner

Klaus Florian Vogt, geboren 1970, gelang der große Durchbruch als Lohengrin am Theater Erfurt. Er hat sein Repertoire im Fach des jugendlichen Heldentenors erweitert, zu seinen Rollen zählen Stolzing in Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ und Parsifal. 2007 gab der Sänger sein Debüt bei den Bayreuther Festspielen. Vogt lebt mit seiner Frau und seinen vier Söhnen in Dithmarschen in Schleswig-Holstein. In Neu-Ulm ist Vogt beim Internationalen Blasmusik-Kongress mit dem Stadtorchester Friedrichshafen aufgetreten. Der Kongress dauert noch bis Sonntag an, weitere Infos unter ib-kongress.com.

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