Newsticker
EMA gibt grünes Licht für Johnson-Impfstoff
  1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Vor dem Abriss: Was wird aus den Künstlern im Neu-Ulmer LEW-Gebäude?

Neu-Ulm

11.02.2021

Vor dem Abriss: Was wird aus den Künstlern im Neu-Ulmer LEW-Gebäude?

Die Tage des LEW-Bauwerks am Neu-Ulmer Heiner-Metzger-Platz sind gezählt. Das neue Bauwerk, in dem auch die Bücherei ihren Platz haben wird, soll rund 60 Millionen Euro kosten. Doch wie geht es für die Künstler weiter, die hier ihre Ateliers haben?
Foto: Alexander Kaya

Plus Künstler nutzen seit 2014 Räume im alten Neu-Ulmer LEW-Gebäude als Ateliers. Jetzt blüht dem Haus der Abriss. Wie geht es weiter für die Künstler?

Großer Abschiedsschmerz klingt anders. „Vor sechs Jahren haben wir hier unsere Ateliers bezogen. Und eigentlich sollte die Zwischennutzung schon nach drei Jahren enden“, sagt Stefan Grzesina. Doch es ging immer weiter. Bis heute hat Grzesina ihn immer noch, einen eigenen kleinen Raum für seine Kunst, im alten, grauen Amtsgerichts- und LEW-Gebäude, am Neu-Ulmer Heiner-Metzger-Platz. Deshalb findet er: „Da können wir nicht meckern.“ Grzesina ist Filmemacher, Künstler, Fotograf, er arbeitet im Kollektiv „Kunstbauraum“, organisiert die Ulmer Messe „Kunst Schimmer“. Dass das Projekt LEW-Gebäude, in dem eine Gemeinschaft der Künstlerateliers entstand, langsam zu Ende geht, sieht er ein. Trotzdem – da bleiben gemischte Gefühle: „Gerne hätten wir die Studios behalten. Ich gehe nicht gerne, aber das war der Deal.“

Das alte LEW-Gebäude wird abgerissen - wo bleibt die Künstlerszene?

Grzesina beschreibt, was er vermissen wird: Den Amtsgerichts-Bürogeruch, die Wendeltreppe aus den 60ern, die sich die Stockwerke hinaufschlängelt, die Hausfront fast nur aus Glas. „Alte Fenster, doppelt verglast.“ Die hätten noch ein paar Jahrzehnte halten können, hätte man sie mal gestrichen – findet der Künstler. Auf eine Schonfrist vor dem Abriss hofft er weiter. „Noch ein Jahr, das wäre dufte.“

Das letzte Wort scheint aber fast gesprochen. Das Architektenbüro „Bloch Partners“ aus Stuttgart hat die Stadt Neu-Ulm, also den Stadtrat mit seinem Entwurf überzeugt: Das alte Amtsgerichtsgebäude soll einem Neubau weichen, mit sechs Stockwerken, Büroflächen und Wohnräumen. Platz für die Stadtbücherei und vielleicht für einen Veranstaltungsraum. Keine Ateliers.

Das LEW-Gebäude am Neu-Ulmer Heiner-Metzger-Platz - wie sieht hier die Zukunft aus?
Foto: Alexander Kaya

2014 hatten Künstler das LEW-Gebäude in Neu-Ulm bezogen

Als Eigentümerin des Hauses hatte die Stadt 2014 ihren Segen gegeben: Raum für Kunst – bis zum Abriss. Im Dezember zogen Künstler aus der Region ein, belegten 20 Räume im leeren ersten und zweiten Stock des sanierungsbedürftigen Baus. Sechs Jahre später, und kurz vor dem Abschied, bleibt für Grzesina eine Erkenntnis aus der Zeit: „Es ist unfassbar sinnvoll, so einen Leerstand zu nutzen.“ Kreative konnten dort Räume „für sehr wenig Geld“ mieten, etwa zwei Euro für den Quadratmeter. „Solche Preise kommen auf dem freien Markt nie zustande.“ Für Grzesina schafft die Zwischennutzung aber zwei Gewinner – Kunst und Stadt. „Wir zahlen einen Beitrag, die Räume werden belebt und nicht beschädigt oder illegal bewohnt.“ Deshalb hofft er jetzt auf eine Fortsetzung, ein neues Angebot der Stadt mit neuem Freiraum.

Abriss des LEW-Gebäudes: Wo ist Platz für die freie Kunstszene?

Welchen Künstler aus dem LEW-Bau man auch fragt – viele scheinen dankbar für den Einsatz der Kulturabteilung der Stadt, von Mareike Kuch und dem Dezernatsleiter Ralph Seiffert. Sie hatten den Weg für das Konzept bereitet. 15 Atelier-Mieter und weitere Künstler haben seit 2014 die Räume genutzt und hier neben- und miteinander gearbeitet. Sie knüpften Kontakte zwischen dem Neu-Ulmer und dem Sendener Kunstverein, der „Stiege“ oder der Griesbadgalerie. Maler und Bildhauer, Musiker und Theatermacher, Foto- und Videokünstler, Tür an Tür. „Ein Atelier ist immer mehr. Es ist ein Treffpunkt“, sagt Grzesina.

In seinem Studio stünden 17 Fernseher, erzählt er, alte, wuchtige Röhrenbildschirme für eine Kunst-Installation. Nur win paar Schritte weiter liegt ein kleines Puppenbauatelier und Filmstudio. Hier formt Mark Klawikowski seine Figuren und hier dreht er auch Filme. Er sei der Mann „mit dem meisten Zeug“ im Haus, sagt Klawikowski über sich selbst. Da sammeln sich Lampen, Kameras, Tonequipment, Werkzeug, Puppen und Instrumente für seine Band Songlotterie. Das Ende naht und er hat schon einen neuen Ort ins Auge gefasst: „Der wäre aber wesentlich kleiner und wesentlich teurer.“

Mark Klawikowski in seinem Studio, im alten Amtsgerichtsgebäude von Neu-Ulm.
Foto: Mark Klawikowski

Mark Klawikowski ist einer der Künstler im LEW-Gebäude

Das LEW-Gebäude gibt ihm bis heute Spielraum, hier konnte er sein Filmatelier, „Studio Gläx“, aufbauen. Als einer der wenigen Vollzeitkünstler im Haus schätzt Klawikowski aber auch die Nachbarschaft auf dem Stock: „Projekte sind entstanden, weil man sich begegnet ist. Auf dem Flur oder beim Kaffee. Das kann man gar nicht bezahlen.“ Zweimal im Jahr öffneten sich die Räume auch für Publikum, am Tag des offenen Ateliers in der Künstleretage. „So ein Ort ist so viel wert wie ein öffentliches Museum“, findet Klawikowski. Jetzt hofft er auf neue Chancen wie diese, auf jemanden, „der den Wert der Kunst sieht und den Raum zu verteilen hat“.

Stefan Grzesina erklärt: „In Ulm und Neu-Ulm ist es schwierig, von der Kunst zu leben. Vor allem in der freien Szene.“ Er erinnert sich an ähnliche Zwischennutzungs-Projekte wie die „Kulturfahrschule“ am Ehinger Tor. Vergangenheit. Und heute? „Neue Projekte wie das Gleis 44 entwickeln sich eher in eine kommerzielle Richtung, die Wilhelmsburg liegt für mich zu sehr ab vom Schuss.“ Für Grzesina ist der Kern der Stadt aber der Ort, an dem seine Kunst entsteht. „Eine günstige Scheune auf der Schwäbischen Alb zu mieten, würde mir nicht helfen.“

Wink aus dem Fenster: Wie geht es für die Künstler aus dem LEW-Gebäude weiter?
Foto: Mark Klawikowski

Neuer Freiraum für die Kultur in Neu-Ulm?

Im Sommer steht wohl der Auszug an. Manuel Stahl denkt noch nicht daran, zu räumen: „Ich werde bleiben bis zum letzten Tag“, sagt er. Stahl ist in der kulturellen Bildung aktiv, für die Kunstschule „Kontiki“ oder auch den Stadtjugendring. Vier weitere Künstler aus den LEW-Ateliers kommen aus dieser Sparte. „Das ist ein ganz konkreter Beitrag für die Gesellschaft. Wir haben den Wunsch, uns weiterhin einzubringen in das kulturelle Leben dieser Stadt.“

Stahl sagt: „Ein verfügbarer Ort als Arbeitsplatz stärkt einem als Künstler den Rücken.“ Wie es für ihn weiter geht? „Das ist die große Frage.“ Er seufzt. Aber das friedliche Ende des Projekts macht Hoffnung: „Wir steigen jetzt nicht auf die Barrikaden. Wir sind bereit, mit der Stadt in den Dialog zu gehen.“ Stahl baut auf einen zweiten Glücksfall wie den LEW-Bau, mit Ateliers und mehr, vielleicht auch mit Künstlercafé und Generationentreff. So weit die Utopie. „Dabei müssen wir uns selbst fragen: Was können wir alles an die Gesellschaft zurückgeben?“

Lesen Sie auch:

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren