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Weißenhorn

25.11.2018

"Weißenhorn Klassik" ist alles außer gewöhnlich

Ein gutes Gespann: Sängerin Esther Kretzinger (rechts) und Pianist Andrej Hovrin (links) im Fuggerschloss.
Bild: Florian L. Arnold

Die fünfte Auflage der Konzertreihe „Weißenhorn Klassik“ startet mit selten gehörten Werken von Leos Janácek und Victor Ullmann. Auch Freunde des Dichters Rilke kommen auf ihre Kosten.

Hätten es sich Esther Kretzinger und Georges-Emmanuel Schneider mit ihrem Festival „ Weißenhorn Klassik“ auch einfach machen können? Gewiss. Man hätte dem Publikum in den vergangenen Jahren leicht konsumierbare Musik präsentieren können. Dann aber wäre das Kammermusikfestival nicht zu dem geworden, was es in seinem fünften Jahr ist: eine über die Region hinauswirkende Bühne für selten und nie Gehörtes, für Experimentelles und Wiederentdeckungen. In der aktuellen Auflage von Weißenhorn Klassik geht es wieder einmal um Begegnungen – und, wie der Titel der Reihe in diesem Jahr verspricht, um „Schwärmerei“, also das, was passiert, wenn Menschen sich begeistern.

Der Eröffnungsabend im Renaissance-Saal des Weißenhorner Fuggerschlosses öffnete zunächst einmal jungen Künstlern die Bühne – auch dies eine kleine Tradition des Festivals. Die Begegnung von aktuellen und künftigen Profis. Ein Cello-Septett des Nikolaus-Kopernikus-Gymnasiums spielte Adaptionen von unter anderem Chopins „Regentropfen“-Sonate und aus Felix Mendelssohn Bartholdys „Sommernachtstraum“. Eine ungewöhnliche Umsetzung, deren sehr achtbare Interpretation großen Applaus erfuhr.

Die Schwerpunkte des Abends: Victor Ullmann und Leos Janácek, letzterer vertreten durch eine veritable Oper im Miniatur-Format: „Tagesbuch eines Verschollenen“. In Janáceks 22-teiligem Liederzyklus geht es um einen jungen Mann, den die Liebe zu einer Zigeunerin derart aus der Bahn wirft, dass er überstürzt mit ihr die Heimat verlässt. Zurück bleibt nur sein Tagebuch, Dokument seiner Liebe.

Esther Kretzinger und die anderen Musiker beeindrucken

Neben Janáceks neun Opern steht der Zyklus gleichberechtigt. Hauptfigur Janek wird von einem Solotenor verkörpert (vorzüglich: Steve Ebel), das „Orchester“ besteht lediglich aus einem Klavier. Die Sopran-Rolle übernahm Esther Kretzinger, das Vokalterzett der Hochschule für Musik in Stuttgart stellte den „Chor“ und rundete somit das Bild einer veritablen Miniatur-Oper. Diese macht, wie immer bei Janácek, höchsten Eindruck durch die Klangfarben, die dramatische Zuspitzung, die ungewöhnliche Besetzung, die Liebe und Verzweiflung im Renaissance-Saal greifbar machte. Zwischendurch ist das Klavier (Andrej Hovrin) mit einem Solosatz allein, der eine Liebesnacht darstellt. Überhaupt folgt das Klavier einer autonomen Linie wie ein zweiter Erzähler – was Pianist Hovrin plastisch hörbar, spürbar machte. Folglich also eine sehr reduzierte Kammeroper, vorzüglich umgesetzt und ideal für das Format von „Weißenhorn Klassik“.

Sperriger ging es zu in „Weise von Liebe und Tod des Cornet Rilke“, geschrieben von Rainer Maria Rilke, vertont von Victor Ullmann kurz vor seiner KZ-Ermordung 1944. Eine fordernde, auch emotional bedrückende Musik „für Sprecher und Klavier“. Mit forcierten Tempi und markanter Rhythmik setzte Ullmann die Prosadichtung in zwölf Abschnitten um. Die Rolle der Sprecherin kam Schauspielerin Gabriele Scharnitzky („Verliebt in Berlin“) zu, die ohne Mikrofon allerdings stellenweise Mühe hatte, sich gegen die expressive Klavierpartitur Gehör zu verschaffen. Hovrin gestaltete das Werk mit höchster Detailschärfe bis in die exponiertesten Klangfarben hinein.

Ein eindrückliches Werk, das in denkbar starkem Kontrast zum zartesten Beitrag des Abends stand, den spätimpressionistischen „Mélodies passagères“ von Samuel Barber für Sopran und Klavier, wiederum basierend auf Texten von Rilke. Fünf hinreißende Lieder, Debussy und Canteloube sind nicht weit entfernt in diesen berückenden Klängen, die Kretzinger subtil ausgestaltete.

Ein feiner Auftakt der fünften Auflage von „Weissenhorn Klassik“, der die Reihe als Fixstern im regionalen Musikgeschehen bestätigt.

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