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Burgrieden-Rot

09.08.2017

Wenn Kleider erzählen könnten

Brautkleid bleibt Brautkleid: Reiner Schlecker aus Neu-Ulm widmet sich in seiner Installation Liebe und Heirat.
Bild: Marcus Golling

Die Ausstellung „Die Sprachen des Textilen“ in der Villa Rot blickt künstlerisch auf den Menschen – und das, was er trägt.

Der Mensch ist, was er trägt. Oder er trägt, was er gerne sein möchte. Die Bedeutung von Kleidung ist aber nicht nur ein interessantes Thema für Soziologen, Kulturwissenschaftler und Historiker, sondern auch für die Kunst. Sechs Künstler waren im Rahmen des Projekts „inter!m-Räume“ eingeladen, für jeweils einen Monat in Münsingen zu identitätsbildenden Faktoren von Textilien auf der Schwäbischen Alb zu recherchieren und davon ausgehende eigene Arbeiten zu entwickeln. Die Ergebnisse sind nun – ergänzt um weitere Werke – im Museum Villa Rot in Burgrieden-Rot (bei Laupheim) zu sehen. Doch die Ausstellung „Die Sprachen des Textilen“ erzählt keineswegs nur von Älblern und ihrem Häs: Sie beleuchtet verschiedene Aspekte der kompliziert gestrickten Beziehung Mensch-Kleidung.

Einer der Projektteilnehmer in Münsingen war der Neu-Ulmer Reiner Schlecker, der sich mit dem Thema Mitgift beschäftigte und für die Ausstellung eine Installation mit verschiedenen Brautkleidern realisierte: eine Erinnerung daran, dass es auch in unserer postmodernen Gesellschaft noch rituelle Kleidung gibt. Begleitet werden sie – in der Art eines Mobile – von Postkarten, auf denen verschiedene Menschen die Frage „Was bedeutet Glück in der Liebe?“ beantworteten. Sie sind Teil eines Langzeitprojekts, das Schlecker schon vor vielen Jahren begann.

Zwei besonders interessante Positionen in der Ausstellung zeigt die Villa Rot abseits des Alb-Projekts. Beate Passow beschäftigte sich mit der Burka und ihrer Wahrnehmung. Gewitzt ihre „Burka-Barbies“, die krass mit dem Gegensatz zwischen Konsumkultur und Religion spielen. Anahita Razmi zeigt unter dem Titel „New Silk Road Patterns“ sich selbst in Billig-Shirts aus asiatischer Produktion. Deren inhaltlich und sprachlich fragwürdige englische Beschriftungen („Rape me ok, rob money are not“) sind zunächst lustig, verweisen aber auch auf die heutige Kluft zwischen Produzenten und Konsumenten sowie auf das Spannungsfeld Kulturimport und -export.

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Im ersten Stock der Villa Rot geht es primär um Vergangenheit und Gegenwart von Textilproduktion auf der Alb. Daniela Scheil präsentiert etwa den Bezugsstoff der ICE-Sitze, der in Meßstetten produziert wird, verwandelt das teure Spezialgewebe aber in Hosen und Taschen. Nanna Aspholm-Flik hat Stoffreste gesammelt und diese mit heute weitgehend vergessenen Textilbezeichnungen wie „Düffel“ beschriftet. Manches aus Münsingen wirkt allerdings auch etwas bemüht, etwa Andrea Tiebel-Quasts Versuch, mit einem (allerdings nicht tragbaren) Kleid eine Verbindung zwischen Schwaben und der für ihre Tracht bekannte Minderheit der Sorben in der Lausitz herzustellen.

Der großen Ausstellung zur Seite gestellt hat Villa-Rot-Kurator Marco Hompes eine Einzelschau der in Bukarest geborenen und heute in Berlin lebenden Künstlerin Anca Munteanu Rimnic, die sich zwar am Rande auch mit Textilien auseinandersetzt, vor allem aber mit Identität und Erinnerung. So zeigt das Video „Lament 3“ fünf Klageweiber, wie man sie in Rumänien anheuern kann. Sie bewegen sich in einer Art Kreistanz und rascheln dabei mit leeren Plastiktüten – die gewöhnlich mit ihrem Anteil des Leichenschmauses gefüllt werden. Immer wieder tauchen bei Munteanu Rimnic Teppiche auf. Für eine neue Serie, von der nun eine Arbeit in der Kunsthalle der Villa zu sehen ist, fotografierte sie eine Frau, die mit einem Teppich tanzt, wobei dieser ihr Gesicht und Teile des Körpers verdeckt. Es handelt sich um einen Kelim, einen Webteppich, wie er auch auf dem Balkan hergestellt wird. Ein Stück Textil, das für Heimat steht.

„Die Sprachen des Textilen“ läuft bis 8. Oktober. Das Museum ist Mittwoch bis Samstag von 14 bis 17 Uhr, Sonn- und Feiertag von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

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