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Neu-Ulm

02.01.2019

Wenn Senioren süchtig sind: Was ist zu tun?

Im Alter ändert sich das komplette Leben: Die Kinder sind aus dem Haus, der Ruhestand da. Hinzu kommen körperliche Beschwerden. Da kann der Griff zum Alkohol schnell da sein – und damit irgendwann auch die Sucht.
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Im Alter ändert sich das komplette Leben: Die Kinder sind aus dem Haus, der Ruhestand da. Hinzu kommen körperliche Beschwerden. Da kann der Griff zum Alkohol schnell da sein – und damit irgendwann auch die Sucht.
Bild: Ingo Wagner/dpa (Symbolbild)

Plus Die Diakonie Neu-Ulm bietet im Landkreis eine spezielle Beratung für Menschen ab 60 Jahren an. Welche Abhängigkeit bei diesen besonders unterschätzt wird.

Plötzlich ist das Leben anders: Die Kinder sind aus dem Haus, haben selbst eine Familie oder der Beruf, der einen über viele Jahre lang ausgefüllt hat, ist nicht mehr da – und stattdessen die Rente. Hinzu kommen Erkrankungen, körperliche Beschwerden oder der Verlust einer nahestehenden Person. Aus einem gelegentlichen Glas Wein wird irgendwann eine Flasche pro Tag – bis es nicht mehr ohne geht. Auf einmal ist sie da: die Abhängigkeit. Seit Langem beobachtet die Suchtberatung der Diakonie Neu-Ulm, dass die Zahl an älteren Menschen, die davon betroffen sind, stetig ansteigt. Deshalb gibt es seit eineinhalb Jahren eine zusätzliche Beraterin, die vom Bezirk Schwaben finanziert wird. Susanne Hessel kümmert sich als Ansprechpartnerin um die Suchtberatung im Landkreis für Menschen ab 60 Jahren.

In ihrer neuen Rolle ist Susanne Hessel freier darin, wo die Beratungsgespräche stattfinden. Die Ratsuchenden müssen nicht unbedingt direkt zur Einrichtung in Neu-Ulm oder zu den beiden Außenstellen in Weißenhorn und Illertissen kommen, Hessel kann sie einfach zu Hause oder auch im Altenheim besuchen. Ein Pluspunkt, denn: „Viele ältere Menschen haben ja oft ein Mobilitätsproblem.“ Das Angebot wurde bislang sehr gut angenommen, wie Hessel berichtet. 65 über 60-Jährige haben die Beratung im vergangenen Jahr in Anspruch genommen.

Doch warum ist überhaupt eine eigene Stelle für ältere Menschen nötig, die abhängig sind? „Diese Zielgruppe braucht einfach spezielle Ansätze“, erklärt Hessel. Der Fokus bei der Beratung liege vor allem auf der Würdigung der bisherigen Lebensleistung. Bei Menschen im mittleren Alter gehe es eher darum, sie wieder für den Beruf oder die Rolle im Familienleben fit zu machen. Senioren könnten sich dagegen eher die Frage stellen: Warum sollte sich das jetzt lohnen? Hier geht es Hessel und ihren Kollegen darum, aufzuzeigen, dass es Sinn ergibt, die verbliebenen Jahre noch vital und gesund zu verbringen und „mit Lebensfreude zu erfüllen“.

Suchtberatung im Alter: Es geht vor allem Alkohol und Medikamente

Die Beratung konzentriert sich derzeit vor allem auf die Abhängigkeit von Alkohol oder Medikamenten. Drogen werden in naher Zukunft aber sicherlich immer öfter ein Thema sein, davon geht Hessel aus. „Durch die bessere Versorgung werden auch Drogenabhängige immer älter.“ Während manche von ihren Klienten die Sucht sozusagen mit ins Alter genommen haben, werden andere erst mit den einhergehenden neuen Lebensumständen abhängig.

Der Ablauf der Beratung ist je nach Ausgangslage sehr unterschiedlich: Im Krankenhaus ist der Kontakt oft kürzer – schon allein, weil es dort nicht so ruhig zugeht. Besucht Hessel jemanden zuhause, dauert das Gespräch dagegen oft bis zu eineinhalb Stunden. „Es ist völlig flexibel, wie oft wir uns danach noch sehen.“ Die Beraterin hat Klienten, die sie über Jahre hinweg sieht, aber auch sogenannte Einmalkontakte. Zunächst müsse immer abgeklärt werden, wie groß das Suchtproblem eigentlich ist – und wie man es lösen kann. „Bei einer Alkoholabhängigkeit ist unsere Empfehlung natürlich die Abstinenz“, betont Hessel und fügt hinzu: „Gar kein Alkohol ist immer noch die beste Möglichkeit.“

Drogenberatung der Diakonie Neu-Ulm: Informieren, nicht missionieren

Es sei aber auch möglich, den Konsum zu reduzieren, sagt Hessel. „Nach dem Motto: Weniger ist besser.“ Es gebe zudem spezielle Kuren, die auf Ältere ausgelegt seien, jedoch: „Das können sich viele alte Menschen oft nicht vorstellen. Studien zeigen aber: Es entscheiden sich in höherem Alter zwar weniger für den Aufenthalt in einer Kurklinik, aber bei denen, die sich dafür entscheiden, ist die Erfolgsquote höher als bei Suchterkrankten, die Ende 30 sind.“

Weit verbreitet sind nach Hessels Erfahrungen auch Aussagen wie „Das macht meine Mutter schon immer so“ oder „Ich werde meinem 70-jährigen Vater jetzt nicht das Bier wegnehmen“. Alkohol sei gesellschaftlich anerkannt, prominentes Beispiel: das Feierabendbier. Aber Hessel und ihren Kolleginnen geht es bei ihrer Arbeit um Aufklärung. „Wir missionieren ja nicht. Wir informieren darüber, dass die Organe im Alter anders arbeiten. Die Menge an Alkohol, die man mit 40 Jahren problemlos verträgt, macht im Alter Probleme.“ Zudem arbeite die Leber langsamer und baue den Alkohol dementsprechend nicht so schnell ab.

Die Beratungsstelle informiert auch Ärzte und Einrichtungen der Altenpflege

Generell unterschätzt werde das Problem der Medikamentenabhängigkeit, so Hessel. „Da ist die Gefahr im Alter auf jeden Fall höher. Denn da werden Medikamente schneller verschrieben und unreflektierter eingenommen.“ Zudem könnten körperliche Beschwerden auch auf seelischen Schmerz zurückzuführen sein. „Und die Generation die jetzt alt ist, hat gelernt, dass man darüber nicht spricht.“ Hinzu kommen, dass viele Mittel gegen Schlafstörungen frei verkäuflich sind. „Viele denken dann, dass die in der Regel alle ungefährlich sind. Aber hier liegt die Tücke im Detail“, sagt Hessel und fügt hinzu: „Wenn einfach so mehrere Medikamente genommen werden – viele erzählen ihrem Arzt von den Schlafmitteln ja nicht – hat diese Mixtur Wechselwirkungen.“

Derzeit ist Hessel außerdem noch viel unterwegs, um das Angebot bei ambulanten Pflegediensten, Ärzten, Betreuern und Einrichtungen der Altenpflege bekannter zu machen. „Es geht um die Mitarbeiter an der Basis, die in dem Bereich vielleicht noch Unsicherheit haben. Ihnen fällt etwas auf und sie wissen dann nicht: Spreche ich das an oder nicht?“, erklärt Hessel. Man wolle die Berufsgruppen für das Thema sensibilisieren – denn das habe am Ende auch für diese Vorteile: „Zufriedenere, gesündere Senioren sind leichter zu betreuen.“

Kontakt: Die Suchtberatung in Neu-Ulm befindet sich in der Eckstraße 25. Telefonisch ist sie unter der Nummer 0731/70478-50 erreichbar, per E-Mail unter suchtberatung@diakonie-neu-ulm.de. Melden können sich neben Betroffenen auch deren Angehörige. Die Neu-Ulmer Beratungsstelle ist Montag bis Freitag von 9 bis 12 Uhr, sowie Montag bis Donnerstag zusätzlich von 15.30 bis 17 Uhr geöffnet. Termine gibt es nach Vereinbarung, abends gibt es auch Gruppenangebote.


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