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Neu-Ulm/Ulm

31.12.2020

Wie gut ist die Notarzt-Versorgung in Neu-Ulm?

An Heiligabend übernahm nachts kein Notarzt in Neu-Ulm die Schicht.
Bild: Alexander Kaya (Symbolfoto)

Plus An Heiligabend stand in Neu-Ulm stundenlang kein Notarzt bereit. Die Verantwortlichen betonen: Für die Bürger bestand keine Gefahr. So funktioniert das System.

Rund um die Uhr warten Notärzte auf der Wache in Neu-Ulm auf Einsätze, an jedem Tag im Jahr. Am 24. Dezember 2020 war das anders. Die Nachtschicht von 19 Uhr bis 7 Uhr morgens am ersten Weihnachtsfeiertag blieb unbesetzt. Ein Notarzt, der anonym bleiben möchte, sagt: So etwas sei in den vergangenen 20 Jahren nie passiert.

Jan Terboven hält dagegen: Die Region Donau-Iller gehöre bei der notfallmedizinischen Versorgung bayernweit zu den Vorbildern. Unbesetzte Schichten gebe es dennoch gelegentlich – und zwar überall. Eine Gefahr für die Bürger bestehe deswegen nicht.

Terboven ist Geschäftsführer des Zweckverbands für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung (ZRF) Donau-Iller, der für die Landkreise Neu-Ulm, Günzburg und Unterallgäu sowie für die Stadt Memmingen zuständig ist. Dass ein Bereitschaftsdienst unbesetzt bleibe, liege beispielsweise an kurzfristigen Krankmeldungen, sagt Terboven. Und erst kürzlich habe sich ein Arzt im Unterallgäu in Corona-Quarantäne begeben müssen und seinen Dienst abgesagt.

An Heiligabend blieb in Neu-Ulm eine Notarzt-Schicht unbesetzt

An Heiligabend war das in Neu-Ulm anders: Dass die Schicht unbesetzt bleiben würde, war schon frühzeitig klar. Nachdem der Dienstplan Lücken aufwies, habe die für die Einteilung zuständige Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) mehrere Suchmails zur Nachbesetzung versendet, berichtet KVB-Sprecher Axel Heise. Ein Arzt, so der Sprecher weiter, habe sich daraufhin gemeldet und angeboten, den Dienst ab 23 Uhr zu übernehmen. Aber nur unter der Bedingung, dass ihn der Fahrer des Notarztwagens im Fall eines Einsatzes von zu Hause abhole.

Normalerweise halten sich die Neu-Ulmer Notärzte während ihrer Bereitschaftsdienste in der Wache des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) am Pfaffenweg Neu-Ulm auf, dort gibt es seit der Fertigstellung des Neubaus 2019 ein eigenes Notarztzimmer. Diesen Raum hatten sich Neu-Ulmer Notärzte explizit gewünscht, berichtet Terboven.

Die BRK-Rettungswache am Pfaffenweg in Neu-Ulm: Hier haben Notärzte für ihre Schichten ein eigenes Zimmer, von hier aus starten sie zu Einsätzen.
Bild: Alexander Kaya (Archivfoto)

Nach dem Bayerischen Rettungsdienstgesetz dürfen Notärzte ihren Bereitschaftsdienst nur in Ausnahmefällen zu Hause verbringen. Diese Ausnahme hat das bayerische Innenministerium definiert: Die Mediziner müssen weniger als zwei Minuten Fahrzeit von der Wache entfernt wohnen. Denn die Standorte sind so verteilt, dass die Fahrt zu einem Einsatzort möglich kurz ist.

Der Neu-Ulmer Notarzt, der sich auf die Suchmails hin gemeldet hatte, wohnte laut KVB sechs Minuten von der Wache entfernt. ZRF-Geschäftsführer Terboven lehnte ab: „Es ist rechtlich nicht möglich“, begründet er. Und er betont: Die Patienten seien dennoch gut versorgt gewesen, vielleicht sogar besser. Denn ein Neu-Ulmer Notarzt könne auch in Senden wohnen. Da sei der Fahrtweg des diensthabenden Ulmer Kollegen im Zweifel kürzer.

"Gut funktionierendes System", falls ein Notarzt ausfällt

Für Fälle wie die unbesetzte Schicht an Heiligabend gibt es nach Angaben von KVB-Sprecher Heise „ein gut funktionierendes System, um die notärztliche Versorgung der Bevölkerung in jedem Fall zu sichern“: Im Bedarfsfall werde der nächstliegende Notarzt oder der Rettungshubschrauber informiert. Um medizinische Notfälle in der Stadt Neu-Ulm und ihrer Umgebung kümmern sich dann Mediziner aus Ulm, Weißenhorn oder Günzburg. Die benachbarten Wachen, so der KVB-Sprecher, seien in jener Schicht besetzt und einsatzbereit gewesen.

Im Landkreis Neu-Ulm gibt es drei Wachen: In der Kreisstadt, in Weißenhorn und in Illertissen. Am Ulmer Michelsberg sind zwei Notfallmediziner stationiert – auch sie helfen im bayerischen Nachbarlandkreis aus. In Baden-Württemberg werden Klinikärzte für die Bereitschaftsdienste eingeteilt, in Bayern übernehmen niedergelassene Ärzte freiwillig diese Schichten.

Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) teilt Notärzte ein

KVB-Sprecher Heise verweist auf grundsätzliche Probleme, die zu Engpässen bei der Besetzung der Standorte verursachen können: „Der Ärztemangel mache sich auch beim Notarztdienst bemerkbar. Die Teilnahme am Notarztdienst ist freiwillig, eine Verpflichtung oder Sanktionsmöglichkeiten gibt es nicht.“ Zudem hätte zunehmende Arbeitsverdichtung in Praxen und Kliniken in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass viele Ärztinnen und Ärzte im Sinne einer verbesserten Work-Life-Balance weniger Zeit für Notarztdienste aufbringen wollen. Niedergelassene Ärzte hätten darüber hinaus einen Loyalitätskonflikt ausgeliefert, wenn sie den Notarztdienst während ihrer Sprechzeiten erbringen, ergänzt der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung. Erschwerend komme bei der Suche nach Nachwuchs hinzu, dass die qualitativen Anforderungen im Rettungswesen deutlich und stetig gestiegen seien. Die heute obligatorischen Zusatzweiterbildungen brächten einen hohen persönlichen und zeitlichen Aufwand mit sich.

Einen Mangel an Notärzten sieht ZRF-Geschäftsführer Jan Terboven in Neu-Ulm allerdings nicht: 28 Mediziner übernehmen die Schichten. Deswegen und wegen der Nähe zu den umliegenden Wachen sei die Region außergewöhnlich gut versorgt. Dazu komme: Notfallsanitäter seien immer im Dienst und bestens ausgebildet. „In 70 Prozent der Fälle retten die Ihnen das Leben“, sagt Terboven. Die Bürgerinnen und Bürger, betont er, müssten sich um ihre notfallmedizinische Versorgung keine Sorgen machen.

Notarzt-Standorte in Neu-Ulm, Ulm, Günzburg, Weißenhorn und Illertissen

Die Regelung, dass Notärzte ihren Bereitschaftsdienst auf der Wache verbringen müssen, gibt es seit 2008. Eine Änderung müsste der Gesetzgeber herbeiführen, sagt KVB-Sprecher Axel Heise. Jan Terboven vom Rettungszweckverband hält das bestehende System für richtig – er verweist auf Erfahrungswerte und die wissenschaftliche Begleitung der Notarzteinsätze. Seit alle Mediziner von der Neu-Ulmer Wache aus starten, seien sie im Durchschnitt zwei Minuten schneller beim Patienten. Das sei entscheidender als das Risiko, dass eine Schicht ausnahmsweise unbesetzt bleibe.

Zudem starte der Notarzt nun immer mit einem Notfallsanitäter als Fahrer – es seien also immer zwei Helfer gleichzeitig am Einsatzort. Die Ausrüstung, berichtet Terboven, wiege 125 Kilo. Das könne einer alleine nicht heben. „Sie können nicht alleine zwei Rucksäcke tragen“, führt er als Beispiel an. Auch bei einer Wiederbelebung brauche man zwei Personen: für die Herzdruckmassage und für die Mund-zu-Mund-Beatmung.

Weitere Ärzte haben Interesse an Bereitschaftsschichten angemeldet

In Neu-Ulm hatte es bis zur Fertigstellung der neuen BRK-Rettungswache am Pfaffenweg vor eineinhalb Jahren eine Ausnahmeregelung gegeben: Notärzte durften von zu Hause aus starten. Einige Mediziner hatten vor der Umstellung gewarnt, dass dadurch Schichten unbesetzt bleiben könnten.

In Zukunft könnte es zusätzliche Ärzte geben, die den Bereitschaftsdienst in Neu-Ulm übernehmen. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung haben sich nach einem Aufruf der KVB weitere Interessenten gemeldet, deren Anträge bereits in Vorbereitung seien.

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