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Interview
05.05.2020

Ulmer Sportpsychologe: „Die Sportler haben sehr zu kämpfen“

Dennis Rodman gehörte nicht zu den einfachsten Charakteren im Basketballgeschäft. Trotzdem war er mit den Chicago Bulls sehr erfolgreich – eine Eigenschaft, die den Sportpsychologen Markus Gretz sehr interessiert.
Foto: Vincent_Laforet/dpa/picture alliance

Markus Gretz ist Jugendtrainer bei den Elchinger Basketballern und Sportpsychologe. Im Gespräch erklärt er, weshalb ein Plan B in Corona-Zeiten keine schlechte Idee ist.

Wie so viele andere Trainer hängt Markus Gretz derzeit in der Luft und weiß nicht, wann eins seiner Teams mal wieder ein Spiel bestreiten wird. Der 31-Jährige ist hauptamtlicher Jugendtrainer bei den Elchinger Basketballern und betreut dort die U10, die U12 und den Minibereich. Das ist aber nur ein Standbein des gebürtigen Allgäuers, der heute in Ulm lebt: Als studierter Psychologe betreut er Sportler. Im Interview mit unserer Redaktion erklärt Gretz, warum das Virus das Leben eines Sportlers derzeit so durcheinanderwirbelt und gibt Tipps, wie Menschen – nicht nur Sportler – das Beste aus der schwierigen Lage machen können.

Herr Gretz, im Internet nennen Sie als eine Ihrer Inspirationen den ehemaligen US-Basketballprofi Dennis Rodman von den Chicago Bulls, der wahrlich kein einfacher Profi war. Was fasziniert Sie als Sportpsychologe an ihm?

Markus Gretz: Ich fand an ihm immer sehr interessant, dass er ein ganz spezielles Ziel hatte. Ich habe zwei seiner Biografien durchgelesen und er hat sich immer sehr auf diese Ziele fokussiert, hat die dann durchgezogen und war damit sehr erfolgreich und hat seinem Team geholfen.

Wie nähert man sich als Psychologe so einem Charakter?

Gretz: Das hat sein Trainer bei den Bulls, Phil Jackson, sehr gut gemacht: Er hat ihn immer als Person genommen. Jeder ist unterschiedlich und hat mal schwierige Phasen, die er durchmachen muss. Jackson hat ihm immer wieder Vertrauen geschenkt. Obwohl Rodman manchmal über die Stränge geschlagen hat, hat Jackson immer wieder den Menschen dahinter gesehen und seine persönlichen Herausforderungen ernst genommen. Das ist im groben auch meine Herangehensweise.

Jugendtrainer der Scanplus Baskets Elchingen im Interview

Sie sprechen von „schwierigen Phasen“. In einer solchen stecken wegen Corona derzeit sehr viele Sportler. Wie schwierig ist so eine Zeit gerade für sie?

Gretz: Die Sportler haben wirklich sehr zu kämpfen, weil für sie nicht nur der sportliche Wettkampf und die Vorbereitung darauf wegfällt, was bisher den Tagesablauf bestimmt hat. Auch die finanzielle Situation steht ja infrage. Das sind viele Dinge, die da auf sie einprasseln und wegen derer sie gewöhnliche Routinen verlieren. Da müssen sie sich ganz anders motivieren.

Und wie schaffen sie das?

Gretz: Wichtig ist es, sich neue Ziele zu setzen, falls die alten weggefallen sind - wie zum Beispiel die Olympischen Spiele. Dann ist es wichtig, das Training kurzfristiger zu planen, um das langfristige Ziel etwas herunter zu brechen und zu sagen: Ich will jetzt eine bestimmte Fähigkeit trainieren.

Markus Gretz
Foto: Sammlung Gretz

Bleiben wir beim Beispiel Olympia: Sportler bereiten sich jahrelang auf so ein Turnier vor, in den Monaten unmittelbar vor dem Start sogar sehr intensiv. Und dann wird der Wettkampf um ein Jahr verschoben. Wie vermeidet man da den Reflex zu sagen: Die ganze Vorbereitung war umsonst?

Gretz: Indem man sich bewusst wird, wie man sich entwickelt hat. Also diese Entwicklung mit all ihren Verbesserungen in der Leistung zu reflektieren und so die Chance zu sehen, einen weiteren Schritt machen zu können. Durch die Verschiebung können die Sportler ja noch gezielter trainieren – ohne den Stress, den ein Wettkampf mit sich bringt.

Sie haben es angesprochen: Es geht den Sportlern nicht nur um Wettkämpfe, die derzeit wegfallen, sondern teils auch um die Existenz. Welche Tipps geben Sie betroffenen Sportlern, die sich gerade mit solchen Ängsten konfrontiert sehen?

Gretz: Da ist es wichtig, im Handeln zu bleiben und vielleicht auch über einen Plan B nachzudenken. Für manche Sportler ist es sinnvoll, mehr Zeit in ein Studium zu investieren, das sie nebenher machen und so eine Basis zu schaffen, auf der sie eine Sicherheit haben und mit der es dann weitergehen könnte. Bei Ängsten hilft es zu versuchen, das zu kontrollieren, was man kontrollieren kann. In dem Fall wäre das, eine feste Tagesstruktur zu schaffen und nicht ständig darüber nachzudenken, was außerhalb der eigenen Einflussmöglichkeit steht.

Nun haben nicht nur Sportler Existenzängste, ganz viele Menschen in der Gesellschaft machen sich derzeit solche Sorgen. Gelten für sie die gleichen Tipps?

Gretz: Ja. Es ist ja erst mal etwas ganz Normales, in eine Schockstarre zu verfallen, wenn man Angst hat und nicht weiß, was man machen soll. Da ist es sinnvoll, sich zu überlegen: Was kann ich selbst beeinflussen, was liegt in meiner Macht? Und dann kreativ zu werden und sich auch mal neue Dinge zu überlegen. Manche fangen jetzt mit Onlinekursen an, bilden sich weiter und versuchen so, die Kontrolle zu haben und neue Möglichkeiten zu suchen, wie es nach Corona weitergeht. Für andere ist es wichtiger, ihr soziales System zu stärken, und trotz Kontaktsperre soziale Beziehungen durch Nachrichten, Telefonate und Videochats zu stärken.

Ein Sportpsychologe gibt Tipps im Umgang mit Corona

Sie sind Jugendtrainer bei den Scanplus Baskets Elchingen. Wie sieht ihre Arbeit derzeit aus?

Gretz: Wir haben Videos aufgenommen, einen Online-Trainingsplan an unsere Spieler gesendet und sie aufgefordert, selber mal ein paar Videos davon zu schicken, was sie sportlich gerade machen. So haben die Kinder etwas zu tun und wissen, dass sie auch einen sozialen Kontakt innerhalb des Teams haben.

Haben die jungen Spieler überhaupt das Bedürfnis, sich mit ihren Trainern auszutauschen oder ist das in den Altersgruppen ihrer Elchinger Teams noch nicht so?

Gretz: Das ist bis jetzt noch nicht so. Da sind die Eltern oder andere Kinder wichtigere Bezugspersonen. Deshalb ermutige ich die Spieler auch dazu, mit anderen Kindern zu reden.

Auch Sie selbst stecken gerade im Homeoffice, wie gehen Sie persönlich mit der aktuellen Lage um?

Gretz: Ich habe ein paar Projekte für mich selbst gestartet. Ich arbeite nebenher als freiberuflicher Sportpsychologe, führe Online-Coachings durch und habe auch für unseren Verein eine Webinarserie gestartet. Außerdem bilde ich mich selbst mithilfe von Onlinekursen fort. Ansonsten ist es auch eine besondere Situation, die Videos für die Kinder zu drehen und mir neue Sachen einfallen zu lassen. Das ist auch für mich eine neue Herausforderung.

  • Hilfe: Für Menschen, die seelische Problemen haben, unter der aktuellen Situation leiden und eine anonyme Beratung wünschen, gibt es die Telefonseelsorge der Bundesregierung: 0800/111 0 111. Speziell an Eltern richtet sich das Elterntelefon: 0800/111 05 50. Und für junge Menschen gibt es das Kinder- und Jugendtelefon: 0800/111 333.

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