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NR-Sommerinterview

02.08.2020

Als Geschäfte in Neuburg noch einzigartig waren

Ende der 50er Jahre kam der erste Selbstbedienungsladen nach Neuburg.
Bild: Stadtarchiv/Sayle

Plus Als Stadtarchivar hat sich Patrick Wiesenbacher mit dem Einzelhandel in Neuburg auseinandergesetzt – und sogar eine Ausstellung mit geschichtlichen Fotografien konzipiert. Mit welchem Ergebnis?

Herr Wiesenbacher, was unterscheidet die heutige Geschäftswelt in Neuburg vom Einzelhandel der Stadt in den 1950er Jahren?

Patrick Wiesenbacher: Am meisten fällt auf, dass die Innenstädte in vielen Bereichen aussterben. Dass wir zum Beispiel mit dem Südpark in Neuburg, aber auch mit dem Westpark in Ingolstadt Ballungszentren an den Stadträndern haben, die mit den Autos gut erreichbar sind, die viele Parkplätze haben und die alles auf einem Fleck anbieten können. In den 50er Jahren gab es das nicht.

Wie sah der Einzelhandel in den 50ern stattdessen aus?

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Wiesenbacher: In den 50er Jahren konzentrierte sich der Einzelhandel auf die Altstädte. Wir hatten Geschäfte, die sich auf einzelne Waren spezialisierten, die auch zu Fuß schnell erreichbar waren. Gerade für ältere Leute war das wichtig. Wenn Sie heute alt oder gebrechlich sind, kein Auto haben, vielleicht auch keine gute Busverbindung, dann haben Sie es schwieriger.

Welche Werte des Einzelhandels sind auf der Strecke geblieben?

Wiesenbacher: Der Einzelhandel der 50er Jahre bezeichnete in der Regel Familienbetriebe mit einem einzigen Standort, der individuell gehalten war. Das Kaufhaus Paul, Elektro Paulus, der Angerer, der Munzinger – jedes Haus stand für sich, hatte sein eigenes Sortiment, seine eigene Warenordnung, die nicht durch eine Kette vorgegeben war. Das ist mittlerweile anders. Jeder Mediamarkt, jeder Drogeriemarkt Müller sieht gleich aus. Die Individualität ist verloren gegangen.

In den 50ern befinden wir uns in der Nachkriegszeit. Für die einen bedeutet das eine Zeit des Aufbruchs, für andere war sie ein existenzieller Kampf.

Wiesenbacher: Es gab Bürger mit einem gewissen Kapital in der Nachkriegszeit, die damit begannen, Waren aufzukaufen. Und zwar so aufzukaufen, dass ärmere Schichten kaum die Chance hatten, sich mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen. Wie Akten aus unserem Archiv zeigen, wurde dieses Problem auch im Neuburger Stadtrat besprochen. Hamsterei wurde strikt unter Strafe gestellt.

Warum versprach gerade der Einzelhandel gute Verdienstmöglichkeiten?

Wiesenbacher: Die Nachkriegszeit bot insgesamt die Chance, neu anzufangen. Es gab kein Warenüberangebot, kaum Vorgaben, keine Vorreiter, keine Spezialisierungen. Jeder konnte für sich versuchen, die Lücke in seiner Stadt zu nutzen und im örtlichen Einzelhandel erfolgreich zu werden.

Gleichzeitig haben Handelsketten ihren Ursprung in den 50er Jahren.

Wiesenbacher: Das ist richtig. Der Quelle-Versand zum Beispiel, aber auch Tchibo oder WMF sind Firmen, die es in dieser Zeit geschafft haben, vor allem durch Expansion Kunden zu gewinnen. Sie starteten erfolgreich an einem Ort, haben sich damit aber nicht zufrieden gegeben. Stattdessen expandierten sie in die Partnerstädte und in die nächsten Partnerstädte, um irgendwann deutschlandweit den Markt abzudecken. Diese Expansion sorgte aber dafür, dass ihre Individualität verloren ging.

Kann man nachvollziehen, wann der erste Supermarkt nach Neuburg kam?

Wiesenbacher: 1958 brachte Stefan Angerer den ersten Supermarkt oder Selbstbedienungsladen, wie man auch sagte, nach Neuburg. Denn in der Regel war es so: Ich ging in einen Laden hinein und erklärte, welche Dinge ich benötigte und man bediente mich. Im Selbstbedienungsladen, der das erste Mal in den USA auftauchte, bei uns 1957 in Köln, ging der Kunde dann selbst durch die Regale und nahm sich das, was er wollte, heraus. Dieses Konzept hat sich massiv durchgesetzt, wir kennen es heute kaum anders.

Gibt es andere Errungenschaften, die unser Konsumverhalten nachhaltig beeinflusst haben?

Wiesenbacher: Die Boutique nahm ihren Anfang ebenfalls in den 50er Jahren. Sie war eine Marktlücke, die genau zwischen dem Textilhandel und den Versandhäusern stand. Die Boutiquen schafften es, teure, exklusive Ware vor allem aus dem Ausland – Italien und Frankreich – anzubieten, um eine bestimmte Klientel abzugreifen, damals vor allem die Oberschicht. Heute gibt es sie immer noch, wobei sich die meisten Boutiquen für einen breiteren Markt geöffnet haben.

Patrick Wiesenbacher setzt sich als Stadtarchivar mit der Vergangenheit Neuburgs auseinander.
Bild: Elisa Glöckner

Die 50er werden klassischerweise als Wirtschaftswunderjahre bezeichnet. Gab es den Boom auch in Neuburg?

Wiesenbacher: Im Einzelhandel ja, da ging es tatsächlich bergauf. Die entbehrlichen Jahre des Krieges haben dazu geführt, dass sich die Leute wieder etwas gönnen wollten. Die gesamte Wirtschaft meint aber mehr als nur den Einzelhandel. Neuburg hat es demnach nicht geschafft, in nennenswertem Maß Industrie anzusiedeln, die ein wirkliches Wirtschaftswunder nach sich gezogen hätten. Die Stadt war bis weit in die 60er Jahre hinein klamm.

Wann hat Neuburg einen industriellen Aufschwung erlebt?

Wiesenbacher: Man hat im Jahr 1959 einen Wirtschaftsplan erstellt. Davon erhoffte man sich, einen Überblick über den gewerblichen und industriellen Grad in Neuburg zu bekommen. Und dieser Plan, der übrigens unter Professor Hans Döllgast entwickelt wurde, zeigte auf, dass die Stadt einen zu geringen Grad an Industrialisierung aufwies. Das führte dazu, dass man sich bemühte, Firmen anzusiedeln und Industriegebiete etwa an der Grünauer Straße und am Schwalbanger zu gründen. Das geschah unter Oberbürgermeister Theo Lauber.

Eines Ihrer ersten großen Projekte als neuer Stadtarchivar war es, den hiesigen Einzelhandel der 50er Jahre zu porträtieren – und zwar mit einer Ausstellung der Sayle-Fotografien.

Wiesenbacher: Insgesamt umfasst der Bestand an Sayle-Fotografien 130.000 Bilder. Ein Wahnsinnsbestand. 33 Fotos von Max Julius Sayle haben wir unter dem Schwerpunkt Einzelhandel ausgestellt, wobei wir möglichst viele Facetten der damaligen Geschäfte zeigen wollten: Kleidung, Supermarkt, Haushaltswaren, Kiosk.

Die Ausstellung wurde pandemiebedingt durch Corona unterbrochen. War sie dennoch ein Erfolg?

Wiesenbacher: Zum Glück war sie ein großer Erfolg. Trotz Mundschutz konnten wir am Ende die Besucherzahlen noch einmal deutlich nach oben pushen. Das liegt auch daran, dass viele einen persönlichen Bezug zu den Fotos haben, weil sich die älteren Neuburger noch an die Geschäfte erinnern. Außerdem sind die Sayle-Fotos technisch sehr hochwertig. Die Familie wusste, was sie tat.

Welche dieser individuellen und ursprünglichen Geschäfte sind übrig geblieben?

Wiesenbacher: Nicht viele. Das Modehaus Bullinger und Elektro Linzi. Das zeigt auch, wie unfassbar schwer es ist, gegen die Ketten anzukommen.

Wie ist der generelle Forschungsstand mit Blick auf Einzelhandel, Industrie und Co. in Neuburg?

Wiesenbacher: Die Wirtschaftsgeschichte nach 1945 ist völlig unbehandelt. Anders als die Geschichte, die das Schloss, die Pflalz oder Ottheinrich betrifft, ist sie ein weißes Feld. Für mich als Stadtarchivar ist das einerseits gut, weil ich mich austoben kann. Anderseits kann ich auf nichts zurückgreifen.

Bisher gab es drei Ausstellungen zu den Sayle-Fotografien. Ist eine vierte geplant?

Wiesenbacher: Ja, 2022. Wir schwanken noch zwischen zwei Themen. Was sich natürlich anbieten würde, ist die Industrie. Spannend wäre auch, das Sportvereinswesen in Neuburg zu zeigen. Das muss noch entschieden werden.

Zur Person: Patrick Wiesenbacher ist 1988 in Sulzbach-Rosenberg geboren. Er studierte an der Uni in Konstanz. Tätig war er im Stadtarchiv und Stadtmuseum Radolfzell, dem Stadtarchiv Nürnberg, dem Kreisarchiv Konstanz und als stellvertretender Leiter im Gräflich Douglas’schen Archiv Schloss Langenstein. Im Juli 2019 kam er zum Stadtarchiv nach Neuburg, für das er seit 2020 die Leitung übernimmt.

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