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Neuburg

11.06.2019

Borkenkäfer: Förster macht sich Sorgen um den Wald von morgen

Am Hainbüchl hat der Borkenkäfer 2017 und 2018 gewütet. Eineinhalb Hektar befallener Fichtenwald mussten gefällt werden, die Fläche wurde im Frühjahr mit Buchen, Douglasien, Lärchen, Flatterulmen und Fichten aufgeforstet, damit dort künftig ein bunt gemischter Wald wächst. 
Bild: Norbert Eibel

Plus Wie der Forstwirtschaft nach zwei Trockenjahren der Borkenkäferbefall zu schaffen macht. Im Seminarwald verfolgt Revierleiter Steffen Müller eine Strategie.

Die Schneise im Wald zieht sich, auf eineinhalb Hektar, eine Senke hinunter und sichelförmig den Hang entlang. Am Hainbüchl hat der Borkenkäfer in den beiden vergangenen Jahren dem etwa 80-jährigen Fichtenbestand den Garaus gemacht. Für Seminarförster Steffen Müller ein Alptraum, „solche Blößen habe ich vorher nicht gesehen und ich bin seit 2002 beruflich im Wald unterwegs.“ Ein Käferbaum sei dort vermutlich im Herbst vor drei Jahren übersehen worden. Der befallene Baum wurde zur Brutstätte für ganze Käfergenerationen im nächsten Jahr. „Der Klimawandel ist nicht zu leugnen“, folgert der Revierleiter, „hier zeigt sich, was reinen Fichtenbeständen und überhaupt Monokulturen im Zuge der globalen Erderwärmung droht.“ Die Bayersche Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) überwacht mit einem Monitoring seit einigen Jahren landesweit und flächendeckend die Gefahr von sogenannten Schädlingskalamitäten. Auch im Seminarwald zwischen Gietlhausen und Bergen gibt es zwei Messstellen, an den Standorten Blockhütte und Hainbüchl.

Steffen Müller leert die Borkenkäferfallen in seinem Revier einmal pro Woche.
Bild: Norbert Eibel

Dort ist jeweils ein Fallenpaar aufgestellt, eine für den Buchdrucker und eine für den Kupferstecher. Diese beiden Käferarten befallen fast ausschließlich Fichten. Im 800 Hektar großen Seminarwald stocken etwa 60 Prozent Nadelwald, rund die Hälfte davon sind Fichten. Eine Massenvermehrung des Borkenkäfers im Bestand des „Brotbaums“ Fichte bedeutet also einen großen wirtschaftlichen Schaden. In den Fallen befindet sich eine Ampulle mit Pheromonen, künstlich hergestellte Botenstoffe, die die Borkenkäfer anlocken. Einmal pro Woche kommt Steffen Müller vorbei und leert die Fallen. Dabei misst er die Menge der in einem Behälter gefangenen, nur wenige Millimeter großen Käfer. Ein Milliliter Kupferstecher entsprechen 550 Käfer, dieselbe Menge des größeren Buchdruckers 40 Käfer. Die Zahlen trägt er in ein Formblatt ein und schickt es ans LWF. Diese gesammelten Daten liefern Informationen über den Schwärmverlauf, die Anzahl der Folgegenerationen und die Käferdichte in den Regionen.

Ein verfärbter Wipfel (Mitte) ist ein untrügliches Zeichen für Borkenkäferbefall.
Bild: Norbert Eibel

Eine vom Borkenkäfer befallene Fichte muss schnell raus aus dem Wald

Bei 1000 Käfer spreche man von einem hohen Befallsdruck, erklärt Steffen Müller. Ein Buchdruckerweibchen legt in einer Vegetationsperiode bis zu 100 Eier ab. In einem heißen und trockenen Jahr wie 2018 kann ein weibliches Insekt mit drei Jungkäfergenerationen und zwei Geschwisterbruten die stattliche Zahl von 100.000 Nachkommen erzeugen. Buchdrucker und Kupferstecher überwintern in allen Entwicklungsstadien, als Larven, Puppen und Käfer, unter der Rinde befallener Bäume.

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Wenige Meter vom Forstweg entfernt liegt eine umgemachte Fichte. Steffen Müller hat den Befall vor wenigen Tagen festgestellt und den Baum für die Fällung markiert. Denn Zeit ist der wichtigste Faktor bei der Käferbekämpfung. „Das Holz muss schnell raus aus dem Wald.“ Entrindet wird es dann am Weg für den Abtransport gelagert oder auf sogenannten Polderplätzen mit genügend Abstand auch längerfristig. Mit einer Axt löst der Seminarförster ein Stück Rinde vom Stamm und legt die kalligrafisch anmutenden Fraßgänge des Buchdruckers frei. Ist er im Wald unterwegs, halte er stets nach typischen Befallkennzeichen Ausschau, verrät Müller: braunes Bohrmehl am Stammfuß, in den Rindenschuppen oder auf der Bodenvegetation, abgefallene Rinde, verfärbte Wipfel oder Kronen mit Nadelverlust.

Verpuppte Burchdrucker-Larven unter der Rinde einer bereits gefällten Fichte.
Bild: Norbert Eibel

Borkenkäfer befallen alte, dicke Bäume genauso wie junge Fichten. Sie bohren sich ins Holz ein und rufen, wenn sie erfolgreich sind, mit Lockstoffen ihre Artgenossen herbei. Ein gesunder Baum wird auf natürliche Art und Weise mit dem Schädling fertig. „Er schickt einen Harztropfen nach außen, der den Käfer verklebt“, erklärt der Fachmann. Doch das klappe nur, wenn der Baum nicht geschwächt sei. Bei Wassermangel oder starker Blüte mit hohem Zapfenansatz droht der Massenbefall. Um die Anzeichen zu erkennen, sind eine gutes Auge und viel Erfahrung nötig. Und jede Menge zurückgelegter Kilometer.

Die feuchte Witterung im Mai hat den Schwärmflug der Borkenkäfer gebremst

„Wir sind eigentlich dauernd unterwegs“, sagt Steffen Müller. Die Borkenkäfer schwärmen im Frühjahr ab April aus und fliegen bei Temperaturen ab 16 Grad aus. „Die Altkäfer bohren sich ins Holz ein, legen dort Eier ab, fressen noch ein wenig weiter und bohren sich dann wieder aus, um eine weitere Geschwisterbrut abzulegen.“ Derweil wandern die Larven im Stamm nach oben und schneiden den Saftstrom des Baumes ab. Dadurch werden die Nadeln braun, später löst sich die Rinde ab. Wichtig sei es deshalb, alle zwei Wochen im Revier flächig zu kontrollieren, vor allem die Nadelholzbestände, sagt Müller. Dafür laufen er, eine Praktikantin und ein freier Mitarbeiter das gesamte Revier längs der Rückegassen ab. Das besondere Augenmerk gilt dabei den sogenannten „Käferlöchern“, wo es bereits in den Vorjahren Befall gab.

Die Ausbeute der vergangenen Woche: Rund 10.000 Buchdrucker hat Steffen Müller in den Fallen gefunden.
Bild: Norbert Eibel

Was Steffen Müller heuer besser schlafen ließ als im letzten Frühjahr, war die feuchte Witterung im Mai. Das hat den Schwärmflug der Käfer gebremst. Zudem hat er in der Vergangenheit im Zweifel lieber einen Baum zuviel als zu wenig ummachen lassen. „Gerade am Hainbüchl ist so der Käferbefall zum Stillstand gekommen.“ Ein Rezept für alle Zeiten sei diese Strategie aber nicht. Zu viel Käferholz auf dem Markt mache die Preise kaputt und die seien für den Festmeter in der Vergangenheit um ein Drittel gefallen. Deshalb sagt der Revierförster: „Man muss sich gut überlegen, wann und wo man einschlägt.“ Für seinen Berufsstand ist er eher pessimistisch. „Was uns bevorsteht, hat mit der romantischen Vorstellung, die die Leute haben, nichts zu tun.“ Doch auch sonst schwant ihm nichts Gutes: „Ich denke, unsere Kinder werden es nicht mehr so schön haben wie wir. Der Klimawandel wird uns zu schaffen machen und das viel schneller, als uns lieb sein kann.“

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