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Neuburg

07.12.2020

Corona-Regeln: Wird in Neuburg jetzt mehr gepetzt?

So mancher hat das Gefühl, dass in Corona-Zeiten mehr gepetzt wird. Doch ist das Gefühl berechtigt? Das sagen Experten aus dem Raum Neuburg.
Bild: Thorsten Jordan (Symbol)

Plus So mancher hat das Gefühl, die Corona-Auflagen befeuern ein Denunziantentum. Eine Neuburger Psychologin erklärt, was dahinter stecken könnte, und die Polizei, ob dieses Gefühl berechtigt ist.

Sieben Personen aus verschiedenen Haushalten zusammen beim Glühwein trinken. In normalen Zeiten ein Akt von Geselligkeit, in Corona-Zeiten verboten. So kam, was kommen musste. Wegen Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz leiteten Polizeibeamte ein Bußgeldverfahren ein. Wie berichtet, ging die „Mahnwache“ von Rüdiger Mahlo und Kalle Grömmer, den Betreibern der Neuburger Wichtelhütte, kürzlich nach hinten los (lesen Sie hier mehr dazu). Auf Klappstühlen und mit Glühwein wollten sie im Hofgarten an den abgesagten Start der Wichtelhütte erinnern. Doch irgendjemand habe sie bei der Polizei hingehängt, sind sich die beiden sicher. Ist ein solches „Anschwärzen“ in Zeiten von weitreichenden Pandemie-Auflagen salonfähig geworden? Die Polizei hat dazu eine klare Einschätzung.

Ist "Anschwärzen" in Corona-Zeiten salonfähig geworden?

Eugenia Marwan ist Psychologische Psychotherapeutin und betreibt eine Praxis in Neuburg. Sie erklärt, warum derzeit viele Menschen verunsichert sind oder sogar Angst haben. „Wir haben eine Situation, in der nicht mehr klar ist, was richtig und falsch ist. Über die letzten Monate gab es immer wieder neue Erkenntnisse über das Virus. Die Handlungsweisen, die vorgeschrieben werden, werden dauernd geändert.“ Aus der Psychotherapie wisse man, dass Angst bewältigt werden kann, indem man Dinge anpacke und Situationen steuere. „Dann habe ich die Kontrolle über das Geschehen und das gibt mir Sicherheit“, sagt Marwan.

Rüdiger Mahlo und Kalle Grömmer, die Betreiber der Neuburger Wichtelhütte.
Bild: Wichtelhütte

Das sagt eine Neuburger Psychologin dazu

„Das heißt in der Pandemie, ich tue selbst, was ich für richtig halte, aber ich möchte auch, dass andere tun, was ich für richtig halte.“ So könne man nicht dulden, dass andere Regeln übertreten und schreite ein, indem man beispielsweise die Polizei ruft, damit solche Regelübertretungen gestoppt werden. „Damit habe ich das Gefühl der Kontrolle über die – eigentlich unkontrollierbare – Situation, verringere meine Ängste und fühle mich sicherer“, erklärt Marwan.

Welche Erfahrungen macht die Polizei mit einem solchen Phänomen? Das Polizeipräsidium Oberbayern Nord teilt mit, dass die Polizei die Einhaltung der geltenden Beschränkungen größtenteils im öffentlichen Raum kontrolliert. Im privaten Bereich werde die Polizei entweder aufgrund eigener Wahrnehmungen, etwa im Rahmen einer Streifenfahrt, tätig, oder aufgrund von Mitteilungen durch Bürger. Diese würden vereinzelt, zum Teil anonym, bei der Polizei eingehen, teilt ein Sprecher mit. Statistiken, woher diese Hinweise kommen, gibt es allerdings keine. Wie viele Verstöße aufgrund von Hinweisen aus der Bevölkerung festgestellt werden, könne man also nicht sagen, heißt es.

Polizei: Ein "Anschwärzen" ist nicht gewollt

Die Polizei stellt klar, dass ein pauschaler Aufruf zum „Anschwärzen“ jeglicher Verstöße mit den geltenden Regelungen weder in Einklang zu bringen, noch gewollt ist. „Insofern ist die Polizei auch auf solche Hinweise grundsätzlich nicht angewiesen.“ Generell werden alle eingehenden Hinweise sorgfältig geprüft und festgestellte Verstöße – unabhängig davon, ob diese von einer Streife oder einem Hinweisgeber stammen – konsequent zur Anzeige gebracht.

Thomas Reindel von der Polizei Neuburg sagt, dass die Hinweise aus der Bevölkerung in Pandemie-Zeiten nicht zugenommen haben. „Das ist keine coronaspezifische Erscheinung“, so die Erfahrung des Polizeihauptkommissars. Grundsätzlich gebe es immer Meldungen von Bürgern zu den verschiedensten Bereichen, unabhängig von Corona. Beispielsweise werden immer wieder Ruhestörungen oder illegale Rennen gemeldet. Die Häufigkeit oder Gewichtung solcher Hinweise habe sich in diesem Jahr nicht verändert. Die Polizei nehme diese Meldungen entgegen und arbeite sie ab. „Angewiesen sind wir darauf aber nicht“, sagt Reindel. In Bezug auf die Corona-Pandemie würde sich der Großteil der Menschen ohnehin an die bestehenden Regelungen halten.

Viele halten sich an die Auflagen

Eine Erfahrung, die auch das Polizeipräsidium Oberbayern Nord teilt. „Allgemein ist aus polizeilicher Sicht festzustellen, dass die weit überwiegende Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger die jeweils geltenden Vorschriften befolgt und sich äußerst verantwortungsbewusst und vernünftig verhält“, heißt es von dort. Diese Aussage gelte sowohl für das Frühjahr, als auch für die derzeitige Situation.

Im Zeitraum März bis Mai 2020 verfolgten die beiden Polizeiinspektionen in Neuburg und Schrobenhausen pro Monat durchschnittlich etwas mehr als 80 Anzeigen nach dem Infektionsschutzgesetz. In den Monaten Oktober und November waren es rund 70 solcher Anzeigen. Dabei handele es sich mehrheitlich um Verstöße gegen die Maskenpflicht oder gegen die aktuell geltenden Kontaktbeschränkungen. Ein direkter Vergleich der Zahlen aus dem Frühjahr mit den aktuellen sei allerdings schwierig, heißt es von der Polizei. Grund dafür seien beispielsweise die unterschiedlichen Regelungen, die im Frühjahr, während der ersten Lockdown-Phase, teilweise weitreichendere Beschränkungen vorsahen.

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