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Neuburg-Schrobenhausen

25.03.2019

Das KID-Team kommt an seine Belastungsgrenze

Seit vier Jahren gibt es den Kriseninterventionsdienst, kurz KID, im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen.
Bild: Bernhard Weizenegger

Ehrenamtliche des Kriseninterventionsteams kümmern sich um Menschen, denen es nach dem plötzlichen Tod eines Angehörigen den Boden unter den Füßen wegzieht.

„Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um diese Arbeit zu machen.“ Margot Koschmieder meint das ironisch und ernst zugleich. Denn das, was sie und ihre Kollegen des Kriseninterventionsteams (KID) Neuburg-Schrobenhausen seit vier Jahren tun, ist wahrlich kein Vergnügen. Kummer und Schmerz, Tränen und Ängste, Fassungslosigkeit und Trauer – das ist das emotionale Umfeld, in dem sie sich bewegen. Sie sind dabei, wenn die Polizei den Eltern sagen muss, dass ihr Kind bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Sie kommen, wenn sich der Vater im Dachboden erhängt hat. Sie sind da, wenn nach einem Hausbrand die Bewohner unter Schock stehen. Und vor allem: Sie bleiben, wenn alle anderen schon gegangen sind.

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Bei der Jahresversammlung des Kriseninterventionsdienstes am vergangenen Freitag in Schrobenhausen wurde einmal mehr klar: Es ist ein forderndes Ehrenamt, das die aktuell 23 Aktiven ausüben. „Wir sind da, um den Scherbenhaufen wieder zusammenzukehren“, hat ein KID-Mitglied einmal gesagt. Einer, der diese Aussage gut nachvollziehen kann, ist Neuburgs Polizeichef Norbert Bachmaier. Er kennt viele der KID-Leute, war mit ihnen schon auf Einsätzen und hat so manchen emotionalen Zusammenbruch beim Überbringen von Todesnachrichten miterlebt. Polizisten würden für solche Situationen nicht geschult, ganz abgesehen davon, dass sie weder die Zeit noch den Raum hätten, sich um die Betreuung dieser Menschen zu kümmern – insbesondere dann, wenn diese alleinstehend sind. Es sei deshalb enorm wertvoll, dass der KID diese wichtige Aufgabe übernimmt.

Hochachtung und Respekt für die Mitglieder des Kriseninterventionsdienstes

Über dessen Bedeutung waren sich an diesem Abend ohnehin alle geladenen Gäste einig. Egal ob Oberbürgermeister Bernhard Gmehling als BRK-Kreisvorsitzender, Staatssekretär Roland Weigert, Landrat Peter von der Grün, Schrobenhausens Bürgermeister Karlheinz Stephan, PI-Leiter Norbert Bachmaier, BRK-Kreisgeschäftsführer Robert Augustin oder BRK-Kreisbereitschaftsleiter Günther Reil – sie alle zollten den KID-Mitgliedern ihren höchsten Respekt. „Das ist ein ganz, ganz schwerer Dienst, den sie leisten“, sagte etwa Gmehling. Wer nicht geschult sei, wolle sich freiwillig nicht in derlei Situationen begeben. „Doch Sie haben sich dazu entschieden.“Auch Stephan sprach seine „Hochachtung“ aus. Wer sich beim KID engagiere, brauche dafür ein Grundmaß an Talent und Empathie, „denn so was kann man nicht lernen“.

Das KID-Team kommt an seine Belastungsgrenze

Immer wieder kam die Sprache auf einen Einsatz, der im vergangenen Jahr nicht nur im Landkreis, sondern auch weit darüber hinaus traurige Schlagzeilen gemachte: der tragische Unfall beim Faschingsumzug in Waidhofen. Acht KID-Mitglieder und acht Kollegen aus der Notfallseelsorge sowie das Pfarrers-Ehepaar Walter und Monika Last waren an jenem Sonntag im Februar im Einsatz, um die Familie der getöteten jungen Frau, Freunde und Unfallzeugen zu betreuen. Tags darauf kümmerten sie sich dann um Mitglieder der Feuerwehr und der Faschingsgesellschaft Waidhofen. Wen der Vorfall nicht losließ, konnte sich in den Tagen danach auch telefonisch an die Psychosoziale Notfallversorgung im Landkreis wenden. Insgesamt betreuten der KID und die Notfallseelsorge nach diesem Unfall rund 100 Menschen.

Die meisten der KID-Mitarbeiter sind seit der Gründung vor vier Jahren dabei. Bei der Jahresversammlung zeigten sie sich in den Westen, die der Landkreis noch unter Roland Weigert (Mitte) gesponsert hat. Von dem neuen Landrat Peter von der Grün (rechts) wünscht sich Fachbereichsleiterin Margot Koschmieder (rechts neben Weigert) fürs erste eine große Torte zum fünfjährigen Bestehen des KID im nächsten Jahr.
Bild: Claudia Stegmann

Wie wertvoll – auch im monetären Sinne – die Arbeit der im Jahr 2014 neugegründeten Einrichtung ist, machte Robert August deutlich. Müsste das Rote Kreuz, unter dessen Dach das KID agiert, den Dienst mit festangestellten Mitarbeitern abdecken, seien dafür zehn Vollzeitkräfte notwendig, die rund 470.000 Euro im Jahr kosten würden. Stattdessen aber basiert das Angebot auf der freiwilligen Leistung von Ehrenamtlichen. Augustin: „Das ist unbezahlbar, was ihr leistet.“

Der Kriseninterventionsdienst hat im vergangenen Jahr über 400 Menschen betreut

Was genau das KID-Team im vergangenen Jahr geleistet hat, ließ schließlich Fachbereichsleiterin Margot Koschmieder die Gäste wissen. Bei insgesamt 72 Einsätzen wurden 439 Menschen betreut – also im Schnitt sechs Personen. Auch in diesem Jahr wurde das KID schon zu drei schweren Verkehrsunfällen hinzugerufen. „Wir haben uns etabliert, aber wir kommen an unsere Grenzen.“ Seit zwei Jahren würde es das Team nur noch unter Anstrengungen schaffen, den Dienstplan zu bewältigen. Der Wunsch nach neuen Mitgliedern, die das Team verstärken, war unüberhörbar. Unterstützung erhofft sich Margot Koschmieder auch von der Politik und richtete ihren Appell gleich an Roland Weigert. Weil der KID nur akut in den ersten Stunden nach einem Schicksalsschlag betreuen kann, brauchen die Betroffenen im Anschluss die Hilfe von Familie, Freunden, Nachbarn oder sozialen Einrichtungen. Doch was ist, wenn niemand greifbar ist? „Wir können nicht übers Wochenende Wäsche waschen, Essen kochen und Kinder betreuen, bis am Montag die Sozialstation aufmacht“, beschreibt sie die Situationen, denen sich die KID-Betreuer mitunter gegenüber sehen. Deshalb brauche es für solche Fälle eine Notfallnummer, über die eine vorübergehende Betreuung sichergestellt werden könne.

Ansonsten gibt sich Margot Koschmieder bescheiden. Nächstes Jahr feiert der KID seinen fünften Geburtstag. „Da wünsche ich mir eine große Torte mit fünf Kerzen – die darf auch gerne vom Landrat sein.“

Info: Das BRK bietet dieses Jahr wieder eine Ausbildung für die Mitarbeit beim KID an. Ein genauer Termin steht noch nicht fest. Nähere Infos gibt Fachdienstleiterin Margot Koschmieder unter margot.koschmieder@kvneuburg-schrobenhausen.brk.de.

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