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Neuburg

21.03.2015

Die letzten Tage des Fliegerhorsts

Unvorstellbar: Auch in dieser Mondlandschaft sind die Flieger noch abgehoben. Kurzerhand haben die Soldaten zur Schaufel gegriffen und den Flugplatz Zell repariert. Sein Ende war dennoch nah.
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Unvorstellbar: Auch in dieser Mondlandschaft sind die Flieger noch abgehoben. Kurzerhand haben die Soldaten zur Schaufel gegriffen und den Flugplatz Zell repariert. Sein Ende war dennoch nah.

Der Bombenangriff am 21. März 1945 auf den Flugplatz Zell läutet dessen Ende ein

James Stewart? Also der James Stewart? Albrecht Weissmann lacht so tief und kurz, wie einer, der mit der Gegenfrage gerechnet hat: „Genau der James Stewart. Der Hollywood Schauspieler.“ Aber er sei sich nicht komplett sicher, ob Reservegeneral Stewart zusammen mit seinem Kameraden Walter Matthau als Kampfpiloten der 8th Air Force am 19. März 1945 den großen Bombensturm über den Zeller Flugplatz eröffnet haben. „Aber es ist wahrscheinlich.“ Eine Antwort auf einen Brief adressiert nach Hollywood hat er nie erhalten. Für Weissmann ist die Geschichte der „Hollywood Air Force“ ein Nebenaspekt, eine knappe Anekdote in einer langen Geschichte, auf die man kurz und tief auflacht – und sich anschließend den tragischen Ereignissen der späten Kriegstage in Neuburg zu widmen.

Die Tragik im Weltkriegsdrama steigert sich für die Neuburger in den späten Märztagen 1945 mit jedem Fliegeralarm. Heute vor 70 Jahren, zwei Tage nachdem die Hollywood Air Force daran scheitert, den Flugplatz gänzlich in Schutt und Asche zu legen, inszenieren die Alliierten einen „makabren Frühlingsreigen“, schreibt Weissmann. „Um 11.43 Uhr öffnen sich die Bombenschächte der ersten Maschinen, dann rauschten über 800 Tonnen Spreng- und Splitterbomben in das Inferno am Boden.“ Die Rede ist von der 15th Air Force, die mit einer Schar von 419 Liberator aus Italien und 201 Begleitjägern aus Kärnten in Richtung Oberbayern rauschen. Nach den zweieinhalb Mittagsstunden Bombenhagel gleicht das Fliegerhorst einer Kraterlandschaft.

Mehr als 80 Prozent aller Gebäude sind zerstört. Einige davon bis auf die Grundmauern. Flammen lodern vom Kasernengelände und aus den Bierzelten auf, die nach den ersten Angriffen als Behilfswerkstätten für beschädigte Flugzeuge aufgestellt werden. Strom-, Wasser- und Funkleitungen sind gekappt. Einige Soldaten glauben nicht daran, dass sich der Bombenhagel in so kurzer Zeit wiederholt und verschwinden zu spät in die Bunker. 16 Menschen sterben, 34 werden verletzt. Die umliegenden Dörfer Zell, Marienheim und Heinrichsheim ähneln Geisterorten. Die Druckwellen der Bombeneinschläge zwei Tage zuvor haben die Häuser abgedeckt und das Glas der Fenster bersten lassen. „Zell war unbewohnbar“, fasst Weissmann den Zustand des Ortes zusammen. Aufgegeben haben die Bewohner aber nicht. Der Historiker erzählt, wie die Amerikaner aus der Vogelperspektive sehen konnten, dass noch kurz vor dem zweiten großen Angriff die ersten Zeller mit Notgepäck zurück kehren.

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Ganz Historiker hat Albrecht Weissmann in den 1980er Jahren die Materialsammlung „Silberplatz C 65 317“ über die Geschichte des Flugplatzes Zell angelegt. Er hat Zeitzeugen befragt. Militärdokumente gesammelt, geordnet, analysiert. Ein Bildarchiv angelegt. Wenn man nicht wüsste, dass der 72-Jährige bis zu seinem 42. Geburtstag Pilot bei der Bundeswehr ist und erst anschließend Geschichte studiert, möchte man vom Lebenswerk sprechen.

Ordnet er die Ereignisse vom 21. März 1945 ein, erzählt er von „optimalen Bedingungen“. Er bleibt im Kontext des Zeitgeschehens und nimmt die Perspektive der Amerikaner ein. Keine Wetterprobleme. Keine Abwehrversuche der Deutschen. Und erst recht keine Flak, die bis heute in Kriegserzählungen auftaucht. Das hat Weissmann bewiesen. Der Angriff sei schulmäßig abgelaufen. Auch wenn wir heute „vollkommen falsche Vorstellungen von der Technik“ anno 1945 haben. Ein Angriff lief damals nach dem Prinzip ab: „Wenn der vorne abwirft, feuer ich mit.“ Umso beeindruckter ist der Historiker von der Präzision des Angriffs.

Dass ausgerechnet Neuburg das Ziel einer der intensivsten Bombardierungen alles deutscher Flughäfen werden sollte, liegt vor allem an einer Maschine. Die Messerschmitt Me 262. Ein Düsenjet und propagierte Wunderwaffe der Nazis „auf dem Weg zum Endsieg“. Unter dem Decknamen „Moorkultur AG“ setzten deutsche Techniker den Jet gut getarnt im Brucker Forst zusammen. Im September 1944 gelangt die Maschine auf den Flugplatz Neuburg – der damit von der unbedeutenden Ausbildungsstätte zum Hauptziel der Alliierten wird.

Mit dem 21. März ist trotz aller Schäden die Zeit des Flugplatzes noch nicht abgelaufen. Wenig später – die Brände sind noch nicht gelöscht – beobachten die Alliierten startende Maschinen aus dem Fliegerhorst. „Das ist unvorstellbar“, sagt Weissmann. Die Landebahnen, die Gebäude, alles zerstört. Wie das funktioniert? „Schippschipp“, sagt der Historiker und antwortet auf den fragenden Blick: „Handarbeit.“ Die Soldaten schippen Kies in die Krater auf den Startbahnen – und die Flugzeuge holpern gen Himmel. Der finale Akt beginnt mit einem erneuten Angriff der Hollywood Air Force am 9. April. Auch dann flogen sie noch auf dem Platz, bis die alliierten Fußsoldaten anrücken. Die letzten Techniker zerstören die Messerschmitts und das Ende ist besiegelt.

Bleibt nur noch die Frage nach Reservegeneral James Stewart. Nachdem Weissmann sämtliche weißen Flecken in der Geschichte des Flughafens mit Fakten gefüllt hat, interessiert ihn dann nicht, ob der Schauspieler wie im „Fenster zum Hof“ auf den Flugplatz gesehen hat, bevor er die Bomben abwarf? Das kann man anhand der Besatzungslisten heraus finden, sagt Weissmann. Aber das habe mit seiner Arbeit nur am Rande zu tun.

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