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Neuburg/Donau

08.05.2020

Ein halbes Leben für die Neuburger Kommunalpolitik

Fritz Goschenhofer auf Sète-Reise mit einer französischen Familie vor der „Teufelsbrücke“.
Bild: Winfried Rein

Plus 15 Neuburger Stadträte sind im neuen Plenum nicht mehr dabei. Wer sich alles aus dem Gremium verabschiedet hat.

15 von 30 Neuburger Stadträten haben jetzt ihren Abschied genommen, und wie es aussieht, muss die „Entlassfeier“ mit einer kleinen Würdigung weit verschoben werden. Oberbürgermeister Bernhard Gmehling zollt dem Plenum Respekt, man habe „viele gute Entscheidungen zum Wohle der Stadt, oft auch einstimmig, treffen können“. Für den neuen bunten Stadtrat wünscht er sich die gleiche Zielstrebigkeit kombiniert mit der Lockerheit, „nach der Sitzung gemeinsam ein Bier trinken zu können“.

Das waren noch Zeiten: Elfriede Müller mit dem jungen OB Bernhard Gmehling zu Beginn der Amtszeit.
Bild: Winfried Rein

Am Eintreten für die Sache sowohl an der Geselligkeit hat es bei den Amtsträgern der Periode 2014 bis 2020 nicht gefehlt. Für diese Grundelemente der lokalen Politik stehen insbesondere die „Urgesteine“ Michael Kettner ( SPD) und Fritz Goschenhofer. Ihre 36 beziehungsweise knapp 36 Stadtrats-Jahre erreichen Maßstäbe, wie sie früher in ländlichen Gemeinden nur die besten Bürgermeister geschafft hatten.

Die Kontaktfreudigkeit von CSU-Mann Fritz Goschenhofer ist legendär

Ein halbes Leben für die Neuburger Kommunalpolitik

Fritz Goschenhofer (76) hätte man ohne Fremdsprachenkenntnisse auch in Japan oder New York einsetzen können. Seine Kontaktfähigkeit ist legendär und kann das Eis brechen. Diese Kompetenz hätte locker zu einem Repräsentationsposten gereicht, aber es ist immer nur die Pflicht geworden. „Der Fritz“ war Eisenbahner, Sportler, CSU-Fraktionschef und einst Wahlkreisgeschäftsführer für seinen Freund Horst Seehofer. In 33 Jahren BLSV-Arbeit holte er Zuschüsse für Sportstätten und -heime mit 100 Millionen Euro Volumen heraus. Dafür danken ihm Vereine im ganzen Landkreis. 20 Jahre lang sprach er über die Ehrenamtskarte, bis sie endlich Landrat Roland Weigert einführte. „Weil ich die Menschen mag“, so begründet Fritz Goschenhofer sein langes Eintreten in der Kommunalpolitik. Für Bürgeranliegen bleibt das Original offen, „dazu brauche ich kein Mandat“. Jetzt kümmert sich der Sympathieträger und Stratege nahezu ausschließlich um seine erkrankte Ehefrau Inge.

Michael Kettner, der engagierteste Sozialdemokrat Deutschlands, sagt nach Jahrzehnten in der Kommunalpolitik Ade.
Bild: Winfried Rein

Michael Kettner (68) hätte sich seinen politischen Ruhestand auch anders vorgestellt. Wegen Erkrankung hatte er 2019 sein Stadtratsmandat zurückgegeben. Früher zählte er lückenlos die Wahlergebnisse seiner SPD auf, stürzte sich in Landrats-, Landtags- und Bundestagswahlen. Er war einer der fleißigsten Sozialdemokraten Deutschlands, kandidierte für nahezu alles und erntete späten Lohn mit der Wahl zum 3. Bürgermeister Neuburgs und danach zum stellvertretenden Landrat für Neuburg-Schrobenhausen. Da war der frühere Chefideologe zu einem bodenständigen und bürgernahen Ansprechpartner geworden. Michael Kettner pochte auf soziale Gerechtigkeit, war für den „kleinen Mann“ da und nahm in den europäischen Partnerstädten natürlich sofort Kontakt mit den Sozialisten auf. Der Stadtrat applaudierte lange und respektvoll, als sein Mandatsverzicht vollzogen wurde.

CSU-Stadträtin Elfriede Müller ging furchtlos keinem Konflikt aus dem Weg

Elfriede Müller (68) ging furchtlos keinem Konflikt aus dem Wege und widersprach, wenn ihr etwas nicht passte. Sie stand aber auch lange treu zu ihrer CSU und zu getroffenen Entscheidungen. Mit dieser Standfestigkeit ist sie immer zur Stelle, wo es etwas zu tun gibt. Das gilt für einen Faschingsball genauso wie für das Blutspenden. Als exzellente Hauswirtschaftsmeisterin dirigierte sie ihren Bereich im Krankenhaus der Elisabethinerinnen. Im Stadtrat machte sie sogar aus dem Friedhofsreferat etwas, wenngleich ihr eine Tomatenaffäre den Titel als „Verliererin des Tages“ in der Bildzeitung einbrachte. Nach 24 Jahren im Stadtrat sagt sie Ade, im Kreistag geht es noch ein bisschen weiter. Mit ihrer zupackenden Art wäre sie vor sechs Jahren gerne stellvertretende Bürgermeisterin geworden, aber Fraktion und OB entschieden anders.

Da will ich rein: Horst Winter kandidierte für das OB-Amt und wurde einer der fleißigsten Stadträte.
Bild: Winfried Rein

Rüdiger Vogt (73) bekam damals das Bürgermeisteramt. Der stoisch gelassene Westfale hatte sich nicht danach gedrängt. 2002 sprang der Allgemein- und Sportarzt vom hinteren Listenplatz in den Stadtrat, sechs Jahre später gab er sich wieder mit dem letzten Platz zufrieden. Rüdiger Vogt ist richtig in den Neuburger Stadtrat hineingewachsen, macht heute noch Nachtdienst in der Geriatrie, vertritt Kollegen und seinen Stand in der Berufsgenossenschaft. Als Bürgermeister gewann der frühere Hobbytaucher nach Übungseinheiten rasch an Souveränität und vertrat den Oberbürgermeister („Rüdiger war spitze“) bestens. Er mahnte als Finanzreferent Haushaltsdisziplin an, als Protestant geht er regelmäßig in der Fronleichnamsprozession mit. Der gebürtige Lüdenscheider ist ein Neuburger geworden und wenn die Corona-Krise vorbei ist, geht er wieder auf Weltreisen. Ob er Bittenbrunner bleibt, ist fraglich, denn Ehefrau Angela zieht es wieder nach München. Einen Wohnsitz nördlich der Donau lehnt sie ab.

Zwei SPD-Stadträte wurden Opfer des Abschwungs ihrer Partei

Heinz Schafferhans (53) und Horst Winter (67), die SPD-Stadträte, sind Opfer des Abschwungs ihrer Partei geworden. Beide hätten gerne im Plenum weitergemacht, doch nur die ersten drei Listenplatzierten erhielten ein Mandat. Der Sozialpolitiker, Umweltreferent und bekennende Stadtradler Schafferhans ist erster Nachrücker, hat aber trotzdem das Amt des Ortsvorsitzenden zurückgegeben. „Beim Wahlergebnis von 2014 wären wir wieder drin gewesen“, sinniert Horst Winter. Als OB-Kandidat, Landtagsbewerber und 3. Bürgermeister hat er in der Politik einiges erlebt. Die Ideen gingen dem gelernten Kfz-Meister nicht aus, im Stadtrat zeigte er sich bei wichtigen Themen, insbesondere Sozialwohnungsbau und Heinrichsheim, stets bestens vorbereitet. Jetzt schließt er diese Akte, er bleibt Kreisvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt.

Ein gelassener Westfale: Rüdiger Vogt verlässt sein Dienstzimmer im Rathaus und die Politik grundsätzlich.
Bild: Winfried Rein

„Urgesteine“ nimmt vor allem die CSU in Anspruch. Auch die Freien Wähler haben eins: Klaus Brems (70) aus Ried. Vor 36 Jahren stürzte er sich mit den „Unabhängigen“ (DU) und ihrem Spitzenkandidaten Hans Günter Huniar in die Kommunalpolitik. Er beteiligte sich erfolgreich an der Vereinigung aller parteilosen Kräfte (Bürgerblock, PWG, DU) zu den Freien Wählern. Stadtrat, Kreisrat, Bezirksrat – damit erreichte der „Dreirat“ einen Höhepunkt seiner politischen Aktivitäten. Der Gesundheits- und Sozialpolitiker wusste von Beginn an, dass der vollzogene Trägerwechsel beim Neuburger Krankenhaus nicht die Ideallösung ist und dass man kleine Kliniken nicht kaputtsparen darf. Der Stammtisch im Café Göbel ist auf den Namen „Brems“ reserviert. Vor OB- und Landratswahlen hatte Klaus Brems stets potenzielle Kandidaten in der Hinterhand. Vor der OB-Wahl 2020 drang er damit nicht durch, es entstanden Differenzen innerhalb der Freien Wähler. Sein größter „Coup“ war die zweimalige Wahl von Roland Weigert zum Landrat von Neuburg-Schrobenhausen. Dem Staatssekretär und seinem Freund Hubert Aiwanger bleibt er weiterhin verbunden. Aber die Prioritäten heißen jetzt: Familie, Freizeit, Fußball.

Wer sonst noch aus dem Neuburger Stadtrat ausscheidet

Bei den Freien Wählern sind neben Klaus Brems (Stadtrat von 2002 bis 2020) Max Rucker (2009-2020) und Christiane Heyne (2008-2020) nicht mehr dabei. Die Juristin aus Bergen hat sozusagen ihre Mutter in der Politik beerbt und fand rasch Beachtung im Stadtrat. Jetzt widmet sie sich mehr der Familie und dem Beruf. Max Rucker, dessen Großvater bereits OB in Neuburg gewesen war, musste als „Wackelkandidat“ bei drei von vier Wahlen auf die Nachrückerposition, so auch jetzt wieder. Im Stadtrat hat sich der Baufachmann stets wohlgefühlt.

Klaus Brems von den Freien Wählern packt seinen Aktenkoffer und seine Krawatten ein.
Bild: Winfried Rein

Die SPD-Fraktion muss künftig neben Michael Kettner (1984-2020), Horst Winter (2008-2020) und Heinz Schafferhans (2017-2020) auch auf Pfarrer Gerhard Steiner verzichten, der 2014 überraschend in den Rat gewählt worden war. Birgit Glasenapp mit der kürzesten Amtszeit (seit 2019) verfehlte den Wiedereinzug. Andreas Schwierz (2008-2020) vertrat die FDP zwei Perioden lang und trat jetzt nicht mehr an. In der CSU zog sich Eva Lanig (2008-2020) freiwillig zurück, bei Kulturreferent Markus Haninger (2008-2020) spielte auch der Zwist um die Personalpolitik der Stadtwerke eine Rolle. Neben Fritz Goschenhofer (1984-2020), Elfriede Müller (1996-2020) und Rüdiger Vogt (2002-2020) sind auch Sportreferent Christian Eschner (2014-2020) als bisher jüngster Stadtrat und Manfred Enzersberger (2014-2020) nicht mehr dabei. Der Mehrfach-Gastronom und bisherige Marktreferent bleibt aber erster Nachrücker.

Neuburger Stadtrat mit den Aus- und Einsteigern:

Ausgeschiedene Stadträte:

  • CSU: Rüdiger Vogt, Manfred Enzersberger, Christian Eschner, Fritz Goschenhofer, Markus Haninger, Eva Lanig, Elfriede Müller
  • Freie Wähler: Klaus Brems, Christiane Heyne, Max Rucker
  • SPD: Michael Kettner, Heinz Schafferhans, Gerhard Steiner, Horst Winter, Birgit Glasenapp
  • FDP: Andreas Schwierz

    Stadtrat 2020 bis 2026

  • CSU: Matthias Enghuber, Alfred Hornung (Fraktionssprecher), Hans Mayr, Doris Stöckl, Peter Segeth, Otto Heckl, Josef Götzenberger, Julia Abspacher (neu), Gabriele Kaps (neu), Wolfgang Schlegl (neu), Peter Ziegler(neu)
  • Freie Wähler: Johann Habermeyer, Bernhard Pfahler, Roland Harsch, Klaus Babel, Florian Herold (neu), Elisabeth Schafferhans (neu)
  • Bündnis 90/Die Grünen: Karola Schwarz, Theo Walter, Gerhard Schoder (neu), Norbert Mages (neu), Nina Vogel (neu)
  • SPD: Ralph Bartoschek, Sabine Schneider (neu), Bernd Schneider (neu)
  • WIND: Frank Thonig (neu), Franziska Hildebrandt (neu)
  • FDP: Bettina Häring
  • Die Linke: Michael Wittmair (neu)
  • AfD: Christina Wilhelm (neu)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Manfred Rinke: Neuburger Stadträten „Vielen Dank und viel Glück!“

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