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Schrobenhausen

19.07.2017

Fahrer von brennendem Tanklaster sieht sich nicht als Held

Man kann nur hoffen, dass es kühlt, kühlt, kühlt, sagte ein Feuerwehrmann, der von oben auf den brennenden Tanklastzug hinabschaute.
Bild: Bastian Sünkel

Jürgen Heim lenkte seinen brennenden Tanklastzug mit 35.000 Litern Kraftstoff an Bord aus Schrobenhausen. Warum er sich trotzdem nicht als Held sieht.

"Ich sitze in einem brennenden Tanklastzug mit 25.000 Litern Diesel und 10.000 Litern Benzin – und kann nicht löschen." Diesen Notruf setzte der Memminger Lkw-Fahrer Jürgen Heim am Montagmittag ab.

Danach begann eine wilde Fahrt quer durch Schrobenhausen. Das Ziel: Nur raus aus der Stadt. "Was da passiert ist und wie gefährlich das war, habe ich erst Stunden später begriffen", sagt der 49-jährige Familienvater. Wiederholen würde er seine Heldentat nicht.

Fahrer steuerte Tanklaster mit Vollgas durch ein Wohngebiet

Heim fährt seit 23 Jahren Gefahrguttransporter. Die Strecke von Vohburg an der Donau, wo er geladen hatte, nach Memmingen kennt er in- und auswendig. Als ihm auf der B 300 bei Schrobenhausen der hintere linke Reifen geplatzt war, verließ er die Straße, stieg aus und sah, dass der Reifen brannte. Obwohl er zwölf Kilogramm Pulverlöschmittel im Fahrzeug hatte, war ihm klar, dass er den Brand allein nicht in den Griff bekommen würde.

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Wie man in so einer Situation reagieren sollte, lernen die Fahrer in verschiedenen Schulungen, erklärt der Memminger. Denn wer Gefahrgut lädt, der brauche einen Zusatzführerschein und müsse alle fünf Jahre an einem Lehrgang teilnehmen. Die Devise: Zuerst sich selbst in Sicherheit bringen.

Heim tat das Gegenteil. Er stand mitten in einem Industriegebiet, neben ihm ein Autohaus mit Bürogebäuden, 200 Meter weiter eine Tankstelle. Also setzte er sich wieder hinters Steuer, wählte den Notruf und ließ sich per Telefon aus der Stadt lotsen – über rote Ampeln hinweg, hupend und mit Vollgas durch ein Wohngebiet. „Ich bin gefahren wie ein Irrer“, sagt er. Hinter ihm schlugen die Flammen immer höher.

Im Nachhinein ist er nur froh, dass ihm niemand vor das Fahrzeug gelaufen ist. „Wenn ich ein Kind überfahren hätte, wäre ich für die Leute jetzt kein Held, sondern einfach nur ein verrückter LKW-Fahrer.“

Tanklaster-Fahrer denkt über neuen Job nach

Als Held sieht er sich ohnehin nicht: „Ich habe nur meine Arbeit gemacht.“ Während des Fahrens habe er zunächst an gar nichts gedacht, außer dass er möglichst schnell aus der Stadt müsse. Richtig Angst bekam er erst, als kurz vor dem Ortsende ein zweiter Reifen platze. Noch einer mehr, und er hätte nicht weiter fahren können.

Vom verbrannten Feld aus sprühten die Feuerwehrleute Kühlmittel auf den Tanklastzug.
Bild: Bastian Sünkel

Ein Sicherheitsauflieger könne einem Brand eine Zeit lang standhalten, erklärt er. Aber wenn das Aluminium aufweiche und Kraftstoff ausläuft, werde es richtig gefährlich. Die Frage für ihn war: Wie lange hält der Tank dicht? Die Felgen und Teile des Rahmens waren schon lange geschmolzen, so dass Heim eine Spur aus Aluminium hinter sich herzog. 500 Meter weiter konnte er den Tanklastzug auf einer Wiese vor der Stadt abstellen. Er schnappte sich sein Handy und sprang aus dem Fahrzeug. Dann kam die Feuerwehr und löschte den brennenden Lkw.

Erst Stunden später, nach einem Telefonat mit seiner völlig aufgelösten Frau, wurde Heim die Situation richtig bewusst. "Ich habe mich ins Gras gesetzt und geweint", erzählt er. Ob er noch einmal so handeln würde? Da muss Heim lange überlegen: „Ich weiß es nicht, aber ich glaube nicht. Es klingt pathetisch, aber ich habe gemerkt, dass ich nur einmal lebe.“

Er denkt darüber nach, sich einen neuen Job zu suchen. "Dann hätte ich mehr Zeit meine Frau und meine Kinder – für die wichtigen Dinge eben."

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