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Neuburg-Schrobenhausen

29.08.2020

Flüchtlingskrise: „Wir waren oft an den Grenzen des Machbaren“

Willkommen in Neuburg, hieß es am 18. Juni 2015 für 100 Asylbewerber. Sie wurden von München aus nach Neuburg ist das sogenannte „Erstaufnahmelager“ gebracht, das in der Turnhalle des Descartes-Gymnasiums aufgeschlagen worden war. Von dort aus ging es für viele von ihnen weiter in die Gemeinden.
Bild: Bastian Sünkel

Plus  Vor fünf Jahren hat Kanzlerin Angela Merkel während der Flüchtlingskrise ihren berühmten Satz „Wir schaffen das“ gesagt. Doch hat der Landkreis es geschafft? 

„Ich sage ganz einfach: Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das! Wir schaffen das, und dort, wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden, muss daran gearbeitet werden. Der Bund wird alles in seiner Macht Stehende tun – zusammen mit den Ländern, zusammen mit den Kommunen –, um genau das durchzusetzen.“

Es ist der 31. August 2015, als Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Bundespressekonferenz diese Worte sagt. Hängen geblieben ist aber vor allem ein Satz: Wir schaffen das. Im Verlauf der Flüchtlingskrise, die vor fünf Jahren auch in den kleinsten Dörfern angekommen ist, wurde dieser viel zitiert, viel hinterfragt und vor allem auch viel kritisiert.

Roland Weigert: Auf einen Schlag sollten 200 Asylbewerber kommen

Vor allem die Organe, die die Vorgaben „von oben“ umzusetzen hatten, stellten Merkels Aussage oft infrage. Dazu gehörte auch das Landratsamt in Neuburg. „Meine Verwaltung war oft an den Grenzen des Machbaren, wo wir nicht wussten, ob wir das wirklich hinkriegen“, erinnert sich der damalige Landrat Roland Weigert. Etwa dann, wenn die Regierung von Oberbayern anrief und ankündigte, dass nächste Woche 200 Asylbewerber in den Landkreis geschickt würden. „Wie stellen Sie sich das vor, wo sollen wir die unterbringen?“, fragte Weigert damals den Regierungspräsidenten Christoph Hillenbrand. „Bringen Sie sie in einer Turnhalle unter“, lautete seine Antwort. Und wer komme für etwaiige Schäden auf, fragte Weigert zurück. Hillenbrand: „Wir nicht.“

Es waren Szenen wie diese, die Weigert einen zornigen Blick auf die Bundeskanzlerin werfen ließen. Probleme wurden nach unten weitergereicht – bis niemand mehr da war, der sie weitergeben konnte.

Auch wenn Weigert wusste, dass unter den Asylsuchenden auch solche waren, die keineswegs politisch verfolgt wurden, sondern als Wirtschaftsflüchtlinge der Perspektivlosigkeit ihres Heimatlandes entflohen sind, galt für ihn als oberste Prämisse: Jeder kriegt ein Dach über den Kopf. „Das war unser humanitärer Auftrag.“

Manche machten aus der Not in der Flüchtlingskrise ein Geschäft

Ein solches Dach zu finden war wahrlich nicht immer einfach. Nicht alle Gemeinden im Landkreis konnten (oder wollten) Asylbewerber aufnehmen. Die Notlage weckte in so manchem Hausbesitzer aber auch den Geschäftsgeist; Gebäude, die bis dato niemals vermietet hätten werden können, wurden nun wohlwollend angepriesen.

Die Flüchtlingskrise hat nicht nur die Behörden gefordert, sondern auch die Bürger. Nach Ansicht von Weigert seien manche von ihnen deshalb unzufrieden mit der Situation gewesen, weil sie damit überfordert gewesen seien. Die AfD habe sich diese Verunsicherung zunutze gemacht und sei „auf dieser Welle nach oben gesurft“. Gleichzeitig hätten sich viele Menschen aber auch solidarisch mit den Asylbewerbern gezeigt.

Hat der Landkreis also die Flüchtlingskrise gemeistert? Ja, sagt Roland Weigert und meint damit aber nur die Unterbringung der Menschen unter durchaus schwierigen Bedingungen. Langfristig betrachtet könne er der Aussage aber nicht zustimmen. Viele der Flüchtlinge seien längst nicht integriert. Außerdem stellt sich ihm die Frage, inwiefern die Corona-Pandemie eine neue Flüchtlingswelle auslösen wird, wenn ohnehin schon wirtschaftlich schwache Länder zusätzlich gebeutelt werden.

Ehekirchen hat als eine der ersten Gemeinden Flüchtlinge aufgenommen

Günter Gamisch erinnert sich an die Zeit vor fünf Jahren, als Bundeskanzlerin Angela Merkel den Satz „Wir schaffen das“ sagte, „als wäre es gestern gewesen.“ Seine Gemeinde sei gemeinsam mit Bergheim die erste im Landkreis gewesen sei, die beschlossen habe, ihren Teil beizutragen und zu helfen.

„Es kamen damals acht junge Männer aus dem Senegal und eine Familie aus Nigeria zu uns“, erzählt Gamisch. Die Stimmung damals sei wohl nicht anders gewesen, als in anderen Gemeinden. „Es gab natürlich Menschen, die Vorbehalte hatten. Große Probleme hat es bei uns aber nie gegeben.“ In Ehekirchen habe man versucht, mit den Asylsuchenden eine Beziehung aufzubauen. „Wir haben gute Gespräche geführt und den Menschen versucht, einige Regeln, die das Zusammenleben betreffen, an die Hand zu geben.“

Gemeinsam mit dem damaligen Landrat Roland Weigert war Gamisch in andere Gemeinden gefahren, um dort von seinen Erfahrungen zu berichten. „Das Wichtigste ist, dass man aufeinander zugeht“, sagt Gamisch heute. Aktuell leben 15 Flüchtlinge in Ehekirchen, drei davon in privaten Wohnsitzen, also nicht in einer zentralen Unterkunft. Eine große Hürde war für Gamisch damals und ist noch heute die Mobilität und ein enormer bürokratischer Aufwand. Schlussendlich will Günter Gamisch die Beantwortung der Frage, ob wir es denn geschafft haben, lieber anderen überlassen. Für ihn hat Ehekirchen, auch dank der Unterstützung vieler ehrenamtlicher Helfer, seinen Teil beigetragen.

Ohne den sehr aktiven Helferkreis hätte Karlshuld es nicht geschafft

Sein Kollege Michael Lederer war damals zweiter Bürgermeister in Karlshuld. Auch er erinnert sich gut an die Zeit. besonders im Gedächtnis geblieben ist ihm eine Infoveranstaltung im Gasthaus Greppmair. „Da war die Stimmung gespalten. Die einen haben gesagt, wir müssen helfen. Andere sagten: Bei uns nicht.“ Erstere sollten Recht behalten. Es kamen bis zu 43 Asylsuchende nach Karlshuld. „Das Gute war, dass wir die Menschen relativ dezentral unterbringen konnten“, sagt Lederer. Teilweise gehörten die Gebäude der Gemeinde, der Rest konnte angemietet werden. „Gott sei Dank ging das Ganze ohne Beschlagnahmung vonstatten.“ Ein Schreckgespenst, das zu dieser Zeit über einigen Gemeinden hing.

Lederer glaubt, dass jene Bürger, die gegen die Aufnahme von Asylbewerbern waren, enttäuscht und sauer auf die Politik der Bundesregierung waren. „So nach dem Motto: Eine Person sagt, wir schaffen das. Und wir sind diejenigen, die es schaffen müssen.“ Ohne einen sehr aktiven Helferkreis, hätte es auch in Karlshuld nicht geklappt, ist sich Michael Lederer sicher. So kann er heute sagen: „Ja, wir in Karlshuld haben es geschafft!“

Königsmoos hatte Glück und bekam nur Flüchtlingsfamilien zugeteilt

Dieser Meinung schließt sich auch Gerhard Ottillinger für die Gemeinde Königsmoos an. Der Geschäftsleiter im Rathaus erinnert sich, dass sich einerseits sehr schnell viele Helfer gefunden hätten, die sich um die neuen Mitbürger kümmern wollten. Andererseits habe es aber auch Ängste gegeben.

Diese haben sich unter anderem bei einer Bürgerversammlung in Klingsmoos gezeigt. 46 Asylbewerber waren im Sommer 2015 für Königsmoos prognostiziert – eine Zahl, die der damalige Landrat Roland Weigert erst gar nicht beschönigen wollte. „Nehmen Sie lieber nicht 46, sondern 66 Flüchtlinge an“, sagte er in der Versammlung. Dass es am Ende nur 25 Menschen sein würden, konnte damals niemand ahnen.

Die Gemeinde Königsmoos hatte bei der Zuteilung der Migranten Glück, wie Gerhard Ottillinger sagt. Denn nach Ludwigsmoos und Klingsmoos kamen ausschließlich Familien – die Vorbehalte diesbezüglich waren augenscheinlich geringer als bei alleinreisenden Männern. Bis zu 35 Helfer haben sich in Hochzeiten um die Neuankömmlinge gekümmert. „Wir als Gemeinde mussten uns deshalb quasi um nichts kümmern“, lobt Ottillinger das Engagement der Ehrenamtlichen.

Aktuell leben in Königsmoos noch zehn Asylbewerber. Rückblickend kann Ottillinger für seine Gemeinde deshalb sagen: Ja, wir haben es geschafft. Vor allem die Kinder der Asylbewerber hätten sich in der Schule bestens integriert und rasend schnell die deutsche Sprache gelernt.

Die Bewältigung der Flüchtlingskrise ist in der Realität nicht so einfach

Erfahrungen wie diese hat die Gemeinde Burgheim nicht machen können. Denn Burgheim gehörte zu jenen wenigen Kommunen im Landkreis, die in der Hochphase der Flüchtlingskrise keine Asylbewerber aufgenommen haben. „Wir hätten 13 Personen im Bahnhofsgebäude unterbringen können. Aber die Familien, denen das Gebäude angeboten wurde, wollten dort nicht wohnen“, erinnert sich Bürgermeister Michael Böhm an die Zeit vor fünf Jahren. Klar: „Schön“ im eigentlichen Sinne war es dort vor der Sanierung sicherlich nicht. „Ich bin von einer Notsituation ausgegangen, aber so war es offenbar nicht“, deutet Böhm die Absage.

Weil die Gemeinde außer dem Bahnhofsgebäude keine anderen Unterkunftsmöglichkeiten bieten konnte, blieb Burgheim frei von Asylbewerbern. Vielleicht war dies auch der Grund, warum Böhm die Stimmung in seiner Gemeinde damals als „neutral“ bezeichnet. Aktive Widerstände habe es keine gegeben – „da hätte ich mich auch dagegen verwehrt.“

„Wir schaffen das“ – Böhm hätte sich lieber auf die Zunge gebissen, als diesen Satz über die Lippen zu bringen. „So einfach ist das in der Realität nämlich nicht. Die Probleme entstehen erst, wenn die Menschen da sind – und das hängt viel mit einer falschen Erwartungshaltung zusammen.“

Burgheim nimmt erst jetzt anerkannte Flüchtlinge auf

Die Erwartung der syrischen Familien, die damals im Bahnhofsgebäude untergebracht werden sollten, war sicherlich auch eine andere. Und das lag wohl nicht nur an dem maroden Zustand des Hauses. „Wer aus Damaskus kommt, für den ist Neuburg ein Kuhdorf – und Burgheim existiert überhaupt nicht. Die wollen da gar nicht hin.“

Als anerkannter Flüchtling mag das anders sein. Mit einem Bleiberecht in der Tasche sitzt man nicht auf gepackten Koffern, sondern will ankommen – möglicherweise sogar in Burgheim. Die Gemeinde stellt dafür abermals ihr Bahnhofsgebäude zur Verfügung, das mittlerweile allerdings für über eine Million Euro saniert wurde.

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