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Neuburg/Ingolstadt

18.09.2019

"Fridays for Future": Das Land soll fürs Klima stillstehen

Die Bewegung „Fridays for Future“ hat am Freitag zum Generalstreik aufgerufen.
Bild: Symbolfoto: Christoph Lotter

Plus Klimaaktivisten haben für Freitag zum Generalstreik aufgerufen, an dem sich nicht nur die Jüngeren beteiligen sollen. Wie sich Schulen und Arbeitgeber verhalten.

Deutschland lahmlegen, das wollen Klimaaktivisten am Freitag mit ihrem Aufruf zum Generalstreik. In mehr als 500 deutschen Städten zwischen Aachen und Zwickau sind Demonstrationen geplant und beteiligen sollen sich an der „Fridays for Future“-Aktion diesmal nicht nur Schüler und Jugendliche, sondern auch Erwachsene. Der Aufruf zum Protest ist auch in Neuburg plakatiert, so am Nadelöhr, dem Durchgang von der Donaubrücke durchs Untere Tor hinauf zur Amalienstraße.

Angemeldet wurde die Versammlung von einer Privatperson aus dem Landkreis beim Landratsamt, wie Behördensprecherin Sabine Gooss auf Nachfrage mitteilt. Die Kundgebung beginnt um 12 Uhr auf dem Schrannenplatz, von wo sich die Teilnehmer auf den Weg durch die Stadt zum Bahnhof machen. Dort besteigt man um 12.30 Uhr den Zug nach Ingolstadt, wo um 13 Uhr vor dem Münster die Großveranstaltung in der Region stattfindet unter dem Motto „Für eine schnelle und sozial gerechte Mobilitätswende sowie ein grünes und buntes Ingolstadt“.

Ob der Protest der jungen Generation auch die Älteren erreicht, muss sich zeigen. Diverse Gewerkschaften und Parteien haben aufgerufen, sich anzuschließen. Für das Landratsamt kann Sabine Gooss dieses Ansinnen allerdings ausschließen. „Bei uns ist das kein Thema, wir sind eine staatliche Behörde.“ Ähnlich verhält es sich in der Stadtverwaltung Neuburg. Freigestellt werden Arbeitnehmer nicht, sagt Sprecher Bernhard Mahler. Wer teilnehmen möchte, könne aber frei nehmen. „Ausstempeln und hingehen“, so sein Rat.

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Die Schulen haben sich schon mit dem Klima beschäftigt

Die hiesigen Schulen haben sich bereits im vergangenen Schuljahr, als die Bewegung ihren Anfang nahm, auf ein Prozedere verständigt, erklärt Sonja Kalisch, Leiterin der Paul-Winter-Realschule. „Großes Problem ist das Thema Versicherung. Unsere Schüler sind minderjährig, ein unerlaubtes Fernbleiben geht nur in enger Absprache mit Eltern. Wir erteilen keine pauschalen Schulbefreiungen.“ Inhaltlich unterstütze die Realschule das Thema zu hundert Prozent, im Unterricht sei der Klimawandel in unterschiedlichsten Arbeitsgruppen präsent. Ähnlich argumentieren Peter Seyberth, Schulleiter am Descartes-Gymnasium, und Heribert Kaiser, Rektor der Maria-Ward-Realschule. Kaiser verweist auf seine Aufsichtspflicht. „Auf das Fernbleiben von Schülerinnen müssten wir reagieren, wir können so etwas aus Haftungsgründen nicht einfach ignorieren. Ich würde die Mädchen aber befreien, wenn die Eltern das beantragen. Ich habe sehr viel Sympathie für diese Bewegung und halte sie für eine gute Sache. Das rückt das Klima in den Fokus der Parteien.“ Er selbst, sagt Kaiser, würde auch hingehen, würden sich die Schulleiter daran beteiligen. Im Gymnasium seien einige Schüler bereits volljährig, ergänzt Peter Seyberth. Sie könnten sich auf eigenes Risiko an der Kundgebung beteiligen. „Sie müssen aber den Stoff selbstständig nacharbeiten und sind auch nicht von Leistungserhebungen in der Folgestunde befreit.“ Das trifft auch auf die FOS/BOS/Wirtschaftsschule und die Berufsschule zu. Deren Schulleiter Fritz Füßl hält eine besondere Herausforderung für Streikende bereit: „Wer möchte, kann hingehen, muss sich aber abmelden. Wir entscheiden von Fall zu Fall. Die Schüler müssen aber im Unterricht einen Bericht abgeben von der Aktion.“

Auch in Ingolstadt gab es schon viele Demonstrationen fürs Klima

Dass vor allem Schüler für mehr Klimaschutz auf die Straße gehen, ist nichts Neues mehr. Auch in Ingolstadt fanden bereits zahlreiche Demonstrationen statt. Doch auch Erwachsene sollen sich anschließen, nach Vorstellung der Organisatoren sollen Arbeitnehmer ihre Arbeit niederlegen. So sagt einer der führenden Köpfe der Bewegung, der Göttinger Schüler Linus Steinmetz: „Wir wollen, dass das Land an diesem Tag innehält bis zu einem gewissen Grad.“ In der Region dürfte dies allerdings Wunschdenken bleiben. Der mit Abstand größte Arbeitgeber der Region, Audi, wird sich am Streik nicht beteiligen. Den Mitarbeitern sei natürlich freigestellt, sich an der Demonstration zu beteiligen – allerdings nur in der Freizeit. Sie könnten dazu Überstunden abbauen oder Urlaub nehmen, sagt Konzernsprecherin Johanna Barth. Wie viele diese Möglichkeit jedoch genutzt haben, weiß sie nicht. Denn: „Die Mitarbeiter müssen keine Gründe angeben, wenn sie Urlaub nehmen oder sich ihres Zeitkontos bedienen“, erklärt sie.

Gewerkschaften wie Verdi und IG Metall lassen verlauten, das Anliegen zu unterstützen. Konkrete Aufrufe zur Teilnahme an Aktionen gibt es in der Region Neuburg oder Ingolstadt jedoch keine. Auch dazu, die Arbeit niederzulegen, haben die Gewerkschaften nicht aufgerufen. Hans Sterr, Pressesprecher von Verdi in Bayern, sagt, dass die Ziele von „Fridays for Future“ auch ihnen wichtig sind. „Gewisse Dinge gibt es aber noch zu beachten“, sagt er. Die Beschäftigten in einigen Branchen bräuchten hier noch Unterstützung. Ähnlich klingt die Stellungnahme der IG Metall-Geschäftsstelle in Ingolstadt. Die Gewerkschaft teilt mit, dass sie es begrüße, wenn ihre Mitglieder sich am Klimaaktionstag beteiligten und „Flagge zeigen für einen Wandel, der Klimaschutz, sichere Arbeitsplätze und soziale Gerechtigkeit verbindet“. Ende des Monats treffe man sich zudem mit den Aktivisten, um gegenseitige Positionen auszutauschen.

Fürs Klima eine Position mit Sinn und Verstand einnehmen

Zu einer Position mit Sinn und Verstand rät Hans Mayr, Kreishandwerksmeister und Wirtschaftsreferent im Neuburger Stadtrat, und zu realistischen Zielen. „Deutschland macht 1,1 Prozent der Weltbevölkerung aus, die für etwa zwei Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich sind.“ Schon vor 30 Jahren, als er als Umweltreferent im Stadtrat saß, habe man Umwelttage in Neuburg veranstaltet. „Vieles von dem, was man jetzt hört, hat man da auch schon gewusst. So neu ist das nicht. Was wir brauchen, ist eine Dekarbonisierung, mit der aber die Wirtschaft Schritt halten kann. Denn ohne Arbeitsplätze kein sozialer Frieden, sonst haben wir Mord und Totschlag in der Gesellschaft.“ Gefragt seien intelligente und kleine Lösungen vor Ort. In Neuburg, findet Mayr, sei man etwa mit der Nahwärmeversorgung dabei schon auf einem ganz guten Weg.

Lesen sie zum dem Thema auch den Kommentar von Norbert Eibel "Raus aus der Komfortzone".

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