1. Startseite
  2. Lokales (Neuburg)
  3. Gehirnjogging mit bayerischem Kulturgut

Neuburg

27.01.2019

Gehirnjogging mit bayerischem Kulturgut

Copy%20of%20Senioren%2c%20Spielenachmittag%2c%206.tif
3 Bilder
Neben den Spielkarten stehen die Geldschüsseln, gefüllt mit fünf, zehn und 20 Centstücken.
Bild: Xaver Habermeier

Einmal im Monat lädt der Seniorenbeirat zum Kartenspielen: Es wird an Strategien getüftelt, über Zähler debattiert und Punkte werden gezählt.

„Servus – toll, dass ihr wieder alle gekommen seid, ihr schaut’s guat aus und über’s Alter reden wir heute nicht!“, sagt Anna Kleimaier und strahlt zwischen Holzvertäfelungen, Schützenscheiben und Herrgottswinkel im Traditionsgasthaus Assmann-Kreil. Es herrscht eine gemütliche Wirtshausatmosphäre, 40 Frauen und Männer im Rentenalter bestellen Getränke, ratschen und amüsieren sich sichtlich. Wenige Minutenzeigerumdrehungen später wird es plötzlich ruhiger, der Spielenachmittag des Neuburger Seniorenbeirats beginnt, Schafkopf- und Canasta-Karten sowie Rummikub-Steine werden bereitgestellt. „Wir spielen, damit wir uns in geselliger Runden treffen, soziale Kontakte pflegen und auch deswegen, dass unser Hirn nicht einrostet“, erklärt Kleimaier und gibt den Startschuss.

Gehirnjogging mit Karten und Spielsteinen
Heidi Wolter überlegt die nächsten Spielzüge beim Rummikub.
Bild: Xaver Habermeier

Vor zwölf Jahren wurden die Kartenspielnachmittage des Seniorenbeirats vom Ehrenvorsitzenden Fritz Seebauer ins Leben gerufen. Nach dessen Erkrankung hat Anna Kleimaier die Organisation übernommen. Am vergangenen Mittwoch ist sie mit Blick auf die winterlichen Straßenverhältnisse anfangs noch skeptisch. Zu Unrecht: Alle kommen rechtzeitig, klopfen sich im Eingang den Schnee von den Schuhen und sichern sich drinnen in der warmen Wirtsstube ihren Stammplatz.

Pünktlich ab 14.30 Uhr dominieren für drei Stunden Fachbegriffe wie „Talon, Joker und Zweier“ beim Canasta. Acht Frauen legen sich beim Rummikub die 104 Steine in den Farben schwarz, rot, gelb und blau zurecht. Wer keine Ahnung vom Schafkopfen hat, der kommt bei den Begrifflichkeiten dieses als bayerisches Kulturgut anerkannten Spiels an den fünf Tischen ins Grübeln. Immer wieder hört man beispielsweise Schmieren, Wenz, Sauspiel, Spatzen und Schneider. „Jedem das Seine, Hauptsache es macht Spaß“, erklärt Kleimaier. Dann ruft Edith Huber ihren drei Mitspielern zu: „Ich spiele mit der Alten.“ An den Nebentischen wird darüber geschmunzelt. Was dieser Satz bedeutet, verstehen nur Kenner des Schafkopfens. Die 88-jährige Seniorin, die als eine von nur zwei Frauen Schafkopfen spielt, sagt damit ein Rufspiel mit der Eichel Sau an. „Manche sagen, man lernt es nie, ich kann es seit 50 Jahren. Aber reich werden tust damit net“, schmunzelt Huber mit Blick in ihre Geldschüssel. Gespielt wird in den Gewinnstufen fünf, zehn, 15 und 20 Cent und entsprechend dazu liegt das Kleingeld parat.

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

Beim Gehirnjogging darf auch mal gegrantelt werden

Am Tisch von Karl-Heinz Silbernagl darf auch mal gegrantelt werden. „Ein bisschen über die Politik schimpfen, oder, so wie heute, über die nur noch für Anlieger befahrbare Allee vom Audi-Kreisel zum Gut Rohrenfeld, die Unterhaltung gehört an unserem Tisch dazu“, sagt er. Zur Schafkopfrunde erklärt der Senior: „Wir spielen grundsätzlich mit der sogenannten Langen, das sind acht Karten. Und hier spielen die Profis so wie ich.“ Warum: Er durfte hier im Wirtshaus Assmann- Kreil schon als Sechsjähriger seinem Vater über die Schulter in die Karten schauen. Neben dem Spielspaß sieht er das Schafkopfen als Gehirnjogging. Denn bei jedem Spiel zählt ein guter Schafkopfer die bereits gewonnenen Punkte mit und beobachtet sehr genau, welche Trümpfe schon im Spiel waren und welche noch fehlen. Daneben sitzt Manfred Feller, der den Spielenachmittag vom Seniorenbeirat als eine tolle Veranstaltung lobt. „Ich spiele gerne Karten und ich unterhalte mich gerne, deswegen bin ich hier genau richtig“, betont er.

Karl-Heinz Silbernagl sitzt am Tisch der Schafkopf-Profis, wie er sagt. Das Spiel ist ein bayerisches Kulturgut und weit mehr als „nur“ ein Spiel.
Bild: Xaver Habermeier

Aber auch beim Rummikub rauchen laut Heidi Wolter schon mal die Köpfe. „Ein sehr gutes Gedächtnistraining“, sagt sie mit Blick auf all die Spielsteine. Was keiner sieht, an diesem Tisch wird versteckt um Geld gespielt. „Aber um einen sehr moderaten Einsatz“, so Wolter und erklärt auch gleich warum: „Von dem Geld machen wir vier Frauen jährlich einen Ausflug.“ Und beim Canasta gibt es grundsätzlich keine Schummeleien, verspricht Monika Stemmer – aber Wortwitz und neckische Sprüche gehören dazu. Egal ob beim Canasta, Rummikub oder Schafkopf, an allen zehn Tischen wird an Strategien getüftelt, über Zähler debattiert, Punkte werden gezählt und wer schließlich gewinnt, ist fast egal. „Wir haben Spaß am Spielen und wir geben der Demenz keine Chance, kommt alle beim nächsten Spielenachmittag wieder“, ruft Anni Klaimeier ins Wirtshaus und als Echo hallt es aus allen Ecken: „Sowieso!“

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren