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Karlshuld

19.08.2020

Heimatgeschichte im Donaumoos: Wo Jauchefässer und Dosenmaschinen lagern

Dieter Distl (links) und Fritz Koch betrachten einen eisenbeschlagenen Eichenholzrahmen, der als Schablone zur Ziegelherstellung diente.
Bild: Andrea Hammerl

Plus Der Kulturhistorische Verein Donaumoos muss die Alte Putzerei in Karlshuld räumen. Dort lagern Tausende Gegenstände aus längst vergangenen Tagen. 

Da gibt es die Geschichte von alten Intelligenzblättern (amtliche Mitteilungsblätter), die als Dämmung in einem Schweinestall verwendet worden waren. Josef Pollner, damals Vorsitzender des Kulturhistorischen Vereins Donaumoos, rettete sie aus jenem Schweinestall und lagerte sie vorübergehend in seinem Schlafzimmer unterm Bett. Was seine Frau die Nase rümpfen und fragen ließ: „Bist du das, der da so stinkt?“

Für manche ist es einfach nur Glump, andere wissen die Sammlerstücke zu schätzen, die von den Mitgliedern des Kulturhistorischen Vereins Donaumoos seit dessen Bestehen gesammelt wurden und nun eine neue Heimat brauchen, da die Gemeinde Karlshuld andere Pläne mit der Alten Putzerei hat, in der sich zurzeit das Hauptdepot des Vereins befindet.

Mit solch einer Wäschepresse wurden einst nasse Kleidungsstücke ausgewrungen.
Bild: Andrea Hammerl

Der Kulturhistorische Verein wird nichts wegwerfen

„Wir werden nichts wegwerfen und auch nichts auf dem Flohmarkt verscherbeln“, versichert Vorsitzender Dieter Distl und entkräftet damit oft geäußerte Befürchtungen älterer Mitglieder. „Hinter jedem Gegenstand steht eine Geschichte – daran macht sich unsere Identität fest“, ergänzt Fritz Koch, Museumsleiter am Haus im Moos und stellvertretender Vorsitzender des Kulturhistorischen Vereins. Die Exponate zu erhalten und idealerweise in einem begehbaren Depot der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist Ziel der beiden. Die Sammlerstücke seien dem Verein treuhänderisch übergeben und so würden sie auch behandelt.

Ein kleinerer Teil gehört der Stiftung Donaumoos. Etwa 9000 Einzelstücke sind es insgesamt in der Alten Putzerei, schätzt Koch, von landwirtschaftlichen Geräten wie dem Dreschwagen aus dem Jahr 1880 oder hölzernen Eggen und der Kornfege, die gelegentlich beim Museumsfest in Aktion zu sehen ist, über Alltagsgegenstände wie Nachttopf, Butterfässer, Körbe oder hölzerne Koffer bis zum Schlitten des Oberinspektors Ludwig Scherm, der 1909 zum Königlichen Kulturaufseher ernannt wurde und sich große Verdienste um die Kultivierung des Donaumooses, speziell den Roggen- und Kartoffelanbau erworben hat. Der herrschaftliche Pferdeschlitten ist nur teilweise zu sehen, da er auf einem zusätzlich eingezogenen Boden steht, doch er lässt erahnen, dass es sich um kleine Schätze handelt, die hier schlummern.

Solche hölzernen Koffer wie Fritz Koch hier einen aus dem Regal zieht, waren typisch für Kriegsheimkehrer.
Bild: Andrea Hammerl

Manche Gegenstände wurde nur im Donaumoos verwendet

Manche Geräte sind moosspezifisch, wie die hölzernen Eggen, die noch in der Nachkriegszeit benutzt wurden. „Auf dem Land ist so eine Egge völlig nutzlos, aber im Moos wurde lange damit gearbeitet“, erklärt Koch. Mit „Land“ meint der Mösler die umliegenden Dörfer, die deutlich schwerere Böden haben, die mit metallenen Geräten bearbeitet werden müssen. Typisch fürs Donaumoos war auch der sogenannte Fella-Mäher. Der Karlshulder Winterroggen wuchs gut zwei Meter hoch, erzählt Koch, weshalb andere Mähmaschinen weniger gut geeignet waren. Denn der Fella-Mäher hob die von Wind und Wetter umgelegten Getreidehalme hoch, um sie dann sauber unten abzuschneiden. „Die Maschine hat der Gustl hergezogen“, erinnert Koch an den langjährigen Zeugwart August Knöferl, der wie Pollner, Fritz Centmeier, Alfons Lehmeier, Hans Ächter, Friedrich Dilg und Ludwig Erras unermüdlich am Sammeln war – wie viele andere Vereinsmitglieder auch. „Gustl hatte einen besonderen Sinn für landwirtschaftliche Geräte“, sagt Koch, „weil er selbst als Knecht gearbeitet hatte.“

Mit solchen eisernen Töpfen wurde im Ofen gekocht. Sie wurden auch „Höllhafen“ genannt, weil sie mit einer zweizinkigen Ofengabel, wie sie die Teufel zum Schüren der Höllenfeuer benutzen, ins Feuer gestellt wurden.
Bild: Andrea Hammerl

Weiße Küchenstühle tragen auf der Unterseite noch einen Hakenkreuz-Stempel. Sie stammen aus dem Inventar des Neuburger Militärflughafens und erzählen von der Notzeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Nachdem der Flughafen bombardiert worden war, holten sich die armen Mösler dort alles, was noch brauchbar war.

Die Sammlung des Kulturhistorischen Vereins gilt als „hervorragend“

Da gibt es Maurerwerkzeug, Jauchefässer, eine Dosenmaschine wie sie zum Wursten bei Hausschlachtungen Verwendung fand, das komplette Inventar des Öxlerhauses, das nun im Freilichtmuseum steht und einige Nachlässe, die noch ungesichtet in Kisten verpackt darauf warten, aus dem Dornröschenschlaf erweckt zu werden. Beim Gang durch das Depot lässt es sich also tief eintauchen in vergangene Zeiten, und ältere Semester erinnern sich beim Anblick vertrauter Gegenstände an die eigene Kindheit. Dieses Identitätsstiftende ist es, das Sammler wie Historiker schätzen und was die Exponate in der Alten Putzerei und weiteren Depots wertvoll macht.

„Ich habe mich sehr gefreut, dass Frau Dr. Tworek unsere Sammlung als ,hervorragend’ eingestuft hat“, sagt Distl, der den Plänen der Gemeinde Karlshuld, einen Ortsmittelpunkt zu gestalten, nicht im Wege stehen will und bereit ist, die Putzerei schnellstmöglich zu räumen. „Ich bin der Meinung, dass es für das Depot keine Alternative zu einem Neubau gibt“, sagt Distl, „es muss keine Toplage sein, auch nicht zwingend am Haus im Moos, sondern da, wo schnell und sinnvoll etwas verwirklicht werden kann.“ Damit das Vermächtnis der Sammler entsprechend gewürdigt werden kann.

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