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LGBT in Neuburg

19.11.2018

Homosexualität in Neuburg: „Die Großstadt ist offener“

Die „Ehe für alle“ ist vergangenen Oktober ein Jahr alt geworden. Was halten Menschen mit homosexueller Orientierung davon? Jakob Licht hat für K!ar.Text nachgefragt.
Bild: Ralf Hirschberger, dpa (Symbolfoto)

Jenny (19) und Ben (17), der eigentlich anders heißt, sind homosexuell. In ihrer Jugend haben die Neuburger viele Erfahrungen gemacht – gute und auch schlechte.

Jenny, wann hast du gemerkt, dass du homosexuell bist?

Jenny: (lacht) Ich habe mit 16 meine ersten Erfahrungen gemacht. Eine damalige Freundin und ich haben angefangen, uns gegenseitig anzubaggern – ich weiß nicht, warum. Irgendwie hat es sich richtig angefühlt, es hat gepasst. Wir haben uns getroffen und dabei hatte ich meinen ersten Kuss.

Ben, wie war das bei dir?

Ben: Ich hatte ein Buch, in dem jemand vorkam, der homosexuell war. Mit 14 habe ich gemerkt, dass es mir genauso geht wie dieser Figur und dass ich mehr auf Jungs stehe.

Wie haben eure Familien eure sexuelle Orientierung aufgenommen?

Ben: Nach einem halben Jahr habe ich einen Brief geschrieben. Meine Mum hat’s akzeptiert, aber mein Dad nicht. Meine Schwester hat mich dafür geliebt, dass ich so mutig war, mich zu outen. Einem meiner Brüder ist es egal, der andere weiß es nicht einmal.

Jenny: Die erste Person, die Bescheid wusste, war eine meiner Schwestern. Sie hat es sehr positiv aufgenommen. Mein Dad hat nicht ganz so positiv reagiert. Ehrlich gesagt habe ich in diesem Punkt nie weiter mit ihm sprechen können, weil er dann verstarb. Meine Mum hat es anfangs nicht ernst genommen, aber mittlerweile akzeptiert auch sie es.

Ben, wie haben andere Menschen auf dein Coming-out reagiert?

Ben: In der Schule wurde ich gemobbt. Das wurde noch schlimmer, weil sie nun einen Punkt mehr gefunden haben, wie sie mich ausgrenzen konnten – es war eine reine Jungsschule. In der freien Wildbahn merkt man es mir nicht an, weil ich unter Freunden eher ruhig bin. Es gibt nicht viele in meiner Stadt, die so sind wie ich. Deswegen fühle ich mich manchmal alleine. Wenn ich jemanden kennenlerne, bin ich aber selbstbewusst.

Ihr beide seid zuvor auf eine reine Jungs- beziehungsweise Mädchenschule gegangen. Gibt es einen Unterschied zwischen einer gleich- und einer gemischtgeschlechtlichen Einrichtung?

Ben: In einer gleichgeschlechtlichen Schule ist es so: Es gibt viele pubertierende Jungs, die so etwas nicht kennen. Wenn man sich outet, wird das nicht so gut aufgenommen. Auf meiner Fachoberschule ist es geregelter, herzlicher – weil es hier auch Mädchen gibt. Denen ist es oftmals egal. Außerdem sind die Schüler hier viel reifer.

Jenny: Das stimmt. An der FOS ist es lockerer. Noch nie habe ich hier etwas von Diskriminierung mitbekommen, auch nicht Schwulen gegenüber. Ich weiß gar nicht, ob jemand von meiner Homosexualität weiß. Ich verheimliche aber auch nichts. Neulich zum Beispiel, als das Thema „Ehe für alle“ im Deutschunterricht als Übung für eine Erörterung herangezogen wurde – da habe ich mich voll engagiert.

Jenny, du hast eine katholische Mädchenschule besucht. Wie war man dort Homosexuellen gegenüber eingestellt?

Jenny: Vor allem im Religionsunterricht hat man die Haltung von Lehrern gegen Homosexualität mitbekommen – selbst, wenn sie es nicht offen zeigen wollten. Generell hat es viel Klatsch und Tratsch gegeben. Aber am Ende wurde ich deswegen nie gemobbt. Homosexualität war eher etwas Ungewöhnliches. Einige haben versucht, mich damit zu verarschen. Das war Kindergarten und unreif. Man merkt den Altersunterschied zur FOS.

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Umgang mit Homosexualität?

Jenny: Frauen lästern mehr. Das muss man ganz ehrlich sagen. (lacht)Ich weiß nicht, ob du das auch so siehst, Ben, aber ich habe das Gefühl, dass Lesben besser akzeptiert werden als Schwule.

Ben: Das ist interessant. Das stimmt nämlich nicht. Es mag jetzt vielleicht sexistisch klingen, aber es ist oft so, dass Männer direkter sind und viele Frauen eher hintenrum reden. Natürlich stimmt das nicht für jeden.

Diesen Herbst wurde die „Ehe für alle“ ein Jahr alt. Was haltet ihr denn von der Gleichberechtigung homosexueller Paare?

Ben: Ich finde, dass es für unsere Gesellschaft unwichtig sein sollte – weil es egal ist, wer wen heiratet. Es geht nur die Leute etwas an, die das machen wollen. Andere haben da nichts mitzubestimmen. Die „Ehe für alle“ hat kaum Auswirkungen – außer, dass es mehr Hochzeiten geben wird.

Jenny: Ich war von Anfang an dafür. Lesben und Schwule wurden jahrelang in ihrem Recht gehindert. Wieso sollte diese Liebe weniger wert sein? Wieso sollten heterosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen und wir nicht? Zumal Lesben und Schwule ihre Kinder niemals ungeplant bekommen: Sie möchten ein Kind, sie wissen, was passiert, sie kennen sämtliche Voraussetzungen.

Mal angenommen, zwei Männer adoptieren ein Mädchen. Wenn es soweit sein sollte, hätten die beiden Probleme damit, ihrer Tochter die Menstruation zu erklären.

Ben: Das stimmt. Es ist schwierig für ein schwules Paar, aber machbar. Es gibt das Internet, es gibt Ärzte, es gibt Freundinnen, man kann sich informieren.

Jenny: Es gibt genügend alleinerziehende Mütter mit Söhnen und alleinerziehende Väter mit Töchtern. Denen müsste man die Kinder ja auch wegnehmen. Ich finde dieses Argument einfach nur dumm.

Nach einer Studie des Marktforschungsinstituts Dalia Research sind in Deutschland ungefähr 7,4 Prozent der Menschen nicht heterosexuell. Wie schätzt du das ein, Ben?

Ben: In der Tat ist das viel. Das Problem an solchen Studien ist: Man fragt eine bestimmte Menschengruppe und ein paar davon geben es zu. Andere geben an, trotz homosexueller Orientierung hetero zu sein. Man kann also damit rechnen, dass es mindestens 7,4 Prozent sind.

Gibt es immer noch das klassische Stadt-Land-Gefälle, wonach die Großstadt Homosexualität gegenüber liberaler ist als Dörfer?

Jenny: Auf jeden Fall.

Gibt es auf dem Land denn genauso viele Homosexuelle wie in der Stadt?

Jenny: Ja. Beziehungsweise trauen sie sich nicht oder ziehen dann in eine Großstadt. In Neuburg würde ich meine Orientierung zugegebenermaßen auch nicht jedem reinwürgen. Wir haben viele Kirchen, viele religiöse Menschen, wir haben ältere Menschen. Die Großstadt ist dahingehend offener. Man muss sich nur München ansehen: Was es da an Schwulentreffs gibt, an Lokalen, an Partys. So etwas haben wir in Neuburg nicht.

Als 30000-Einwohner-Stadt sollte Neuburg rein rechnerisch auch ein paar hundert schwule und lesbische Einwohner haben.

Jenny: Falls ja, wäre mir das nie aufgefallen. In Ingolstadt gibt es den nächsten Treff, das weiß ich. In Neuburg haben wir so etwas nicht.

Im Sexualkundeunterricht der Schulen sollen Lehrer künftig über Homosexualität und Transgender aufklären. Wie findet ihr das?

Ben: Es kommt auf die Botschaft an, die die Lehrer vermitteln. Einige werden sagen: „Das ist total krankhaft.“ Andere finden es toll. Deswegen ist es nicht wichtig, ob Homosexualität thematisiert wird – sondern wie es thematisiert wird.

Wie könnte der Unterricht konkret aussehen?

Ben: Ein neutraler Vortrag, der vielleicht ein bisschen positiv unterstreicht und homosexuellen Kindern mitgibt, dass sie sich wegen ihrer sexuellen Orientierung nicht hassen sollen. Sie sollten es nicht als unnormal einstufen.

Was sagst du dazu, Jenny?

Jenny: Es gibt Erwachsene, die wollen, dass ihr Kind nicht damit in Berührung kommt. Das sind dann meistens diejenigen Kinder, die später Schwierigkeiten mit sich selbst haben. Sie merken: „Oh, da ist dieses Mädchen, die gefällt mir. Wieso mag ich es? Hilfe, was ist los mit mir?“ Wenn man Homosexualität und Transgender von Anfang an thematisiert, darüber aufklärt, dann lernen diese Kinder auch, dass es normal ist. Schließlich werden Tiere damit geboren, es werden Menschen damit geboren. Das ist einfach so.

Interview: Jakob Licht

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