Festakt

04.10.2017

Immer wieder Luther

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Heinrich Bedford-Strohm, evangelischer Landesbischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, sprach am Montagabend zum Tag der Deutschen Einheit im Lechner-Museum Ingolstadt.

Der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm spannt in seiner Rede zur Einheit Deutschlands den Bogen von der Reformation bis zur Politik der Gegenwart

Das beste Symbol für die Wirkmächtigkeit Martin Luthers ist für Heinrich Bedford-Strohm 7,5 Zentimeter groß und aus Plastik: ein Playmobil-Luther. Das kleine Spielzeug wurde – 500 Jahre nach Beginn der Reformation – über eine Million Mal verkauft und ist die erfolgreichste Playmobil-Figur aller Zeiten. „Es gibt Eltern, die schenken ihren Kindern bewusst Martin Luther und nicht Darth Vader oder Spiderman“, sagte Bedford-Strohm, evangelischer Landesbischof und Vorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), am Montagabend in seiner Rede zur Einheit Deutschlands im Ingolstädter Lechner Museum. Für viele sei Luther noch heute ein Vorbild.

Die Stadt Ingolstadt hatte den 57-jährigen Landesbischof als Vortragsredner für ihren traditionellen Festakt zum Tag der Deutschen Einheit gewonnen. Der 3. Oktober sei „für uns alle ein bewegendes Datum“, sagte Oberbürgermeister Dr. Christian Lösel zur Begrüßung. „Die Bilder des Mauerfalls bewegen uns nach wie vor.“ Das machte sich auch in der Ausstellungshalle des Lechner Museums bemerkbar, wo die Veranstalter kurz vor Beginn noch zusätzliche Stühle bereitstellen mussten. Die Organisatoren schätzten die Besucherzahl auf bis zu 400.

Mit großer Aufmerksamkeit folgten sie der 45-minütigen Rede Heinrich Bedford-Strohms – weißes Haar, runde Hornbrille, schwarzer Talar. Während er auf dem Podium stand, warf das Scheinwerferlicht seine schwarze Silhouette an die Wand, die jede Bewegung des Landesbischofs kopierte. Ein gelungener optischer Rahmen für die Rede des Geistlichen. Darin spannte Bedford-Strohm einen weiten Bogen: von der Reformation über die Wiedervereinigung bis ins Jahr 2017. Alle drei Phasen haben nach Ansicht des EKD-Vorsitzenden ein gemeinsames Motiv: Freiheit. „Freiheit ist ein Megathema unserer Zeit“, betonte Bedford-Strohm mit kraftvoller Stimme. „Freiheit ist auch ein Megathema der Bibel und der reformatorischen Tradition.“ Luther habe sich mit der Reformation von der Angst befreit, von einem Gott nach „moralischem Punktekonto“ belohnt oder bestraft zu werden, erklärte der Landesbischof. Mit seinem Wirken habe Luther zentrale Impulse „im Hinblick auf die Gewissensfreiheit“ gegeben und den Bürgern mit seinem Drängen auf Emanzipation ein neues Selbstbewusstsein ermöglicht. „Gott hält zu dir, egal was kommt“, sagte Bedford-Strohm mit Blick ins Publikum. Diese Erkenntnis mache es möglich, Autoritäten gegenüber zu stehen.

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So wie es zum Beispiel die Bürger der DDR 1989 taten, als sie eine friedliche Revolution starteten, die, in den Worten Bedford-Strohms, „ganz Deutschland Freiheit gebracht hat“. Der evangelische Landesbischof erzählte am Montag von persönlichen Momenten der Wiedervereinigung. Er sei in Franken in der Nähe der Zonengrenze groß geworden und habe „nie zu träumen gewagt, von Neustadt nach Sonneberg zu spazieren.“ Dass das heute möglich ist, sei nicht selbstverständlich: „Mich erfassen immer noch tiefe Gefühle.“

Aber Luthers Ideen würden bis in die heutige Zeit hineinreichen, war sich der EKD-Vorsitzende sicher und nannte als Beispiel die mangelnde Bereitschaft zur Selbstkritik. Bedford-Strohm beklagte eine „Kultur der Beschuldigung, Abwertung und Anprangerung“ in der Gesellschaft und wünschte sich, dass diese einer „Kultur der Nachdenklichkeit“ weicht, die man nach Luther mit dem Begriff „Buße“ übersetzen könnte. An dieser Stelle wurde die Rede zum ersten Mal durch Applaus unterbrochen. Auch, weil Bedford-Strohm – ohne direkten Bezug zum Wahlerfolg der AfD zu nehmen – Nationalismus als „Erscheinungsform von Sünde“ verurteilte. Kritik äußerte der 57-Jährige auch an der Rolle der Medien, die aus seiner Sicht eine Mitschuld an der politischen „Unkultur“ tragen würden. Auch hier klatschte das Publikum zustimmend.

Zuletzt wagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland einen Blick in die Zukunft der Kirche. Diese könne, 500 Jahre nach der Spaltung, nur durch die Ökumene von katholischer und evangelischer Kirche erfolgreich werden, bekräftigte Heinrich Bedford-Strohm am Montagabend. Seine Überzeugung: „Was wir hinter uns lassen müssen, ist jede Form von Konfessionalismus!“

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