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Ingolstadt

16.05.2019

Interview: Bodo Wartke kommt nach Ingolstadt

Hat immer ein Lächeln auf den Lippen: Klavierkabarettist Bodo Wartke gilt als Gentleman-Entertainer.
Bild: Sebastian Niehoff

Bodo Wartke, 41, ist Klavierkabarettist. Am 28. Mai tritt er in Ingolstadt auf. Im Interview erzählt er, weshalb er nicht im Privatfernsehen auftreten möchte.

Herr Wartke, egal ob Klavierkabarett oder antikes Theater – Ihre Stücke haben eines gemeinsam: Sie reimen sich. Wie oft denken Sie im Alltag in Reimform?

Bodo Wartke: Um ehrlich zu sein, gar nicht. Mir fallen jedoch im Alltag Reime auf, die sich ergeben und dabei Dinge auf den Punkt bringen. Es ist doch das Schönste, wenn sie die Natürlichkeit der Sprache nicht kaputt machen. Ich will ja nicht nur irgendetwas sagen, sondern auch, dass es gut klingt. Die Schnittstelle zwischen Sprache und Musik – die fasziniert mich. Reime musikalisieren die Sprache.

Was begeistert Sie so an der deutschen Sprache?

Interview: Bodo Wartke kommt nach Ingolstadt

Wartke: Ihre Vielseitigkeit und ihr Variantenreichtum. Deutsch gilt ja noch immer als Sprache der Wissenschaft, weil keine andere Dinge klarer auf den Punkt bringen kann. Wir können Substantive bauen, die es vorher nicht gab. Wenn an einem Laden beispielsweise „Fußbodenschleifmaschinenverleih“ steht, ist das für uns völlig normal. Spannend ist der Blick von außen auf unsere Sprache, um zu sehen, worin ihre Schönheit besteht.

Sie sind ein Ärztesohn, haben Ihren Zivildienst im Krankenhaus absolviert – war da der Weg nicht vorgezeichnet?

Wartke: Ich dachte immer, ich kann kein Blut sehen, aber das war für mich kein Problem. Deshalb wäre der Beruf tatsächlich eine Option für mich gewesen. Meine Mutter hat einmal etwas sehr Schönes zu mir gesagt. Als ich ihr sagte: „Vielleicht hätte ich doch Arzt werden sollen. Immerhin sorgst du dafür, dass Menschen gesund werden“, meinte sie: „Vielleicht sorgst du mit deiner Arbeit aber dafür, dass die Menschen gar nicht erst krank werden.“

Wie sind Sie dann letztlich auf der Bühne gelandet?

Wartke: Weil ich das immer schon gemacht habe, auch zu Schulzeiten. Nur haben mir alle davon abgeraten, meinten, Kunst sei zwar schön und gut, aber man könne nicht davon leben. Als ich nach Berlin gezogen bin, war es aber erschreckend einfach, davon zu leben. Ich wurde vom Fleck weg als Moderator einer Varieté-Show engagiert. Ich bin oft in der Scheinbar aufgetreten – ein kleines Theater mit einer offenen Bühne, auf der sich gestandene Kolleginnen und Kollegen und auch Anfänger die Klinke in die Hand geben. Als ich denen sagte, dass ich Physik studiere, waren sie entsetzt und meinten: „Du bist doch Künstler, du lebst doch davon.“ Tatsächlich habe ich aber solange versucht, etwas anderes zu machen, bis ich mich aufgrund einer Sehnenscheidenentzündung entscheiden musste. Die Doppelbelastung war einfach zu groß. Also habe ich mich für das entschieden, was ich immer schon machen wollte.

Sie haben inzwischen mehrere Live-Programme und zwei Theaterstücke in Ihrem Repertoire und touren damit parallel durch den deutschsprachigen Raum. Wie merken Sie sich das alles?

Wartke: Es sind in der Tat derzeit fünf Programme (lacht). Das ist eine gute Frage. Zum einen kann man sich Reime besser merken. Zum anderen denke ich mir die Texte ja selber aus. Es sind Sätze, die aus mir kommen – das geht dann erstaunlich leicht. Und: Gesungene Sprache scheint in einer anderen Hirnregion abgespeichert zu sein. Es gab beispielsweise einen Patienten im Parkinson-Endstadium. Der konnte nicht mehr sprechen, wusste aber alle Beatles-Texte auswendig. Und zur Not gibt es immer Leute im Publikum, die meine Texte besser können als ich.

Sie haben also keine Angst vor Fehlern auf der Bühne?

Wartke: Fehler sind Freunde. Man darf Fehler nicht provozieren, das merkt das Publikum. Die Frage ist doch: Wie geht man mit Fehlern um? Am besten ist es, wenn man sie einfach hinnimmt. Schon alleine deshalb, um es für das Publikum zu erleichtern, damit es nicht mit dem Künstler leiden muss. Souveränität besteht darin, Fehler nicht zu vertuschen, sondern hinzunehmen und am besten noch in etwas Gutes zu verwandeln. Die erinnerungswürdigsten Momente meiner Auftritte gab es, wenn Fehler passiert sind.

In Ihrem aktuellen Programm „Was, wenn doch?“ widmen Sie sich dem Thema Liebe auch ernst. Weshalb stimmen Sie in letzter Zeit ernstere Töne an?

Wartke: Diese ernste Facette gab es bei mir schon von Anfang an. Nur nimmt sie jetzt vielleicht einen größeren Platz ein. Reinhard Mey beispielsweise spielt Lieder, die unheimlich berühren, und im nächsten Moment spielt er lustige Lieder. Ich dachte lange, das geht nicht, da die Menschen unterhalten werden wollen. Aber das werden sie auch, wenn sie berührt werden. Wenn ich zum Beispiel den Tod meiner kleinen Schwester besinge (sie starb als Säugling, Anm. der Red.), dann berührt das viele Menschen. Aber es ist doch schön, erfahrenes Leid teilen zu können.

Was ist die Botschaft des Programms?

Wartke: Das letzte Lied des Programms („Das falsche Pferd“) endet genau mit dieser Frage. Dabei geht es um die Utopie, dass Menschen nur das machen, was sie glücklich macht. Es ist doch verrückt, dass wir uns in einer der reichsten Industrienationen schlecht fühlen, obwohl es uns so gut geht. Möglichkeiten ergeben sich immer dann, wenn man die Option des Gelingens in Betracht zieht. Also: Was, wenn es doch klappt? Das ist die zentrale Botschaft.

Mit einem Protestsong gegen die Rodung im Hambacher Forst und einem religionskritischen Lied positionieren Sie sich mitunter auch gesellschaftspolitisch. Ist es Ihnen wichtig, ab und an ein Statement zu setzen?

Wartke: Total. Es handelte sich dabei um akute Bedürfnisse. Indem ich dazu Stellung beziehe, erleichtere ich mich auch selbst. Was die Kunst kann, ist schwere Themen in Form zu gießen – salopp gesagt, Scheiße in etwas Schönes verwandeln. Die Bewegung „Artists for Future“ ist gerade in der Entstehungsphase und ich bin einer der ersten Unterzeichner.

Ihr Name fällt in einer Reihe mit Größen wie Heinz Erhardt und Reinhard Mey, die im TV Millionen begeistert haben. Wäre das nichts für Sie?

Wartke: Es gibt ja keine großen TV-Shows mehr. Zudem sind die öffentlich-rechtlichen Sender sehr auf Sicherheit bedacht. Es mangelt ihnen gewiss nicht an guten Ideen, aber die haben nicht diejenigen, die Entscheidungen treffen. Und im Privatfernsehen würde ich gar nicht erst auftreten wollen, bei Sendern, die einen mit Werbejauche übergießen. Ich trage jedoch sehr gerne zur Abschaffung des Privatfernsehens bei. Ohnehin bin ich der Meinung, dass meine Kunst live am besten funktioniert. Dann, wenn mir die Leute gegenüber sitzen.

Sie stehen mittlerweile seit über 20 Jahren auf der Bühne. Gibt es noch etwas, das Sie unbedingt umsetzen wollen?

Wartke: Ja, sogar ganz konkret. Ich arbeite an einem neuen Libretto zu Mozarts Zauberflöte. Der Originaltext ist grauenvoll, rassistisch, frauenfeindlich und schlecht gereimt. Ein guter Text kann die Musik aufwerten und umgekehrt. Die Musik ist Mozart gelungen. Meine eigene Fassung will ich schon bald auf die Bühne bringen. Ich lade alle Opernhäuser ein, meinen Text als neues Standardwerk auszuwählen (lacht).

Mit seinem Klavier-Programm „Was, wenn doch?“ tritt Bodo Wartke am Dienstag, 28. Mai, im Ingolstädter Stadttheater auf. Beginn ist um 20 Uhr.

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