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Kaberett
20.10.2019

Sigi Zimmerschied sorgt in Sinning für Unbehagen in der Komfortzone

Sigi Zimmerschied war zu Gast in Sinning.
Foto: Annemarie Meilinger

Sigi Zimmerschied spielte in Sinning den „alten Drecksack“, wie schon so oft. Und es ist ihm wieder einmal gelungen.

„Den muss man schon aushalten können, den Zimmerschied“, so eine Besucherin des traditionellen Kirchweihsamstag-Kabaretts im Bürgerhaus Schlosswirtschaft, zu dem die Sinninger Initiative gegen Rechts eingeladen hatte.

Der Zimmerschied ist „seit 43 Jahren brutal präzise was Dummheit, Feigheit und Komfortzone betrifft“, so drückte es ein Capriccio-Beitrag des Bayerischen Fernsehens aus, als er mit seinem neuen Programm „Heil – vom Koma zum Amok“ im Frühjahr dieses Jahres startete. Zimmerschied, selbst 66, spielt den alten Drecksack, wie schon oft. In diesem Programm ist er die Hygienehilfskraft Sigi, ein Proll mit erlebnisreicher Vergangenheit: „Polizei, Türsteher, dazwischen mal Reha, Erbschaft, Entzug und Security – dann Kammerjäger, ein schöner Beruf mit einem Scheiß-Image“. Und zum Beweis, dass er den Tötungsverordnungs-Paragrafen 318 c kennt, macht er einer Kakerlake den schnellen Garaus.

Die Japanische Kirschessigfliege oder das schöne Trauermantelweibchen – es gäbe durchaus sympathisches Ungeziefer, doch die tote Ratte, die er demonstrativ auf gleicher Höhe aufhängt wie das Kreuz gegenüber, erinnert ihn an den Vater, der zwei Feindbilder pflegte: den Dutschke und den Konjunktiv. Mit der Mutter, der Avonberaterin, kam der Waidler im Zuge der ersten „verheerenden Flüchtlingswelle in die Stadt“, die Verwandtschaft wurde nachgeholt – quasi Wirtschaftsflüchtlinge.

Zimmerschied erzählt von zwei Kindheitstrauma auslösenden Weibern

Der Kammerjäger hat Geburtstag. Ein Blumenstrauß aus Fliegenpatschern steht auf dem Tisch, eine Flasche Wodka und der Waidlerlikör „Lusenhexe“ – beides geeignet, Tischgenossen für den Geburtstag „herzusaufen“. Ohne Schnaps ist das Leben schon schwer und mit ihm wird die virtuelle Geburtstagsgesellschaft immer illustrer. Der Manfred, vom Ignorant zum Kommandant, und der Ernstl, der Lyrik im Versmaß röchelt. Tante Berta und Tante Theres, zwei Kindheitstrauma auslösende Weiber, und Evi, der Weberknecht – „großer Kopf, lange Haxn und nix dazwischen“ – beleben die Einsamkeit. „Das Öffnen des Rentenbescheids treibt jedem ein Lächeln ins Gesicht“, dann aber fällt das Lächeln zusammen und der Kammerjäger muss sich über eine berufliche Neuorientierung Gedanken machen. Er renkt mal schnell einem Senegalesen die Schulter aus, der vor dem Mädchenpensionat lungert – quasi als Beweis für seine Fitness und Tatkraft.

Er hat die richtigen Lösungen für Pflege, Sterbehilfe und Erbschaft, die richtigen Parolen für die Demo und er beherrscht die „Ultra-Hooligan-Blutgrätsche Dachau“. Auch dem nuschelnden Imam bietet er seine Dienste an: Er könnte effektiv Ungläubige beseitigen und „Mistpritschen steinigen“, Beziehungen zum Granitwerk habe er auch. Auch die Organisation eines Massakers wäre kein Problem für den erfahrenen Ungezieferbeseitiger und als Beweis macht er den Versuch einer Inszenierung mit dem Publikum. Opfer, Täter und Schaulustige mit Smartphones sind schnell gefunden, Einladungen zu Lanz und Maischberger winken. Doch dann entscheidet der Kammerjäger sich anders, jedoch nicht ohne vorher den angesagten TV-Comedians einen kräftigen Seitenhieb zu verpassen. Keine Schenkelklopfer-Gags bei Zimmerschied, aber starkes Unbehagen in der Komfortzone, das war die Absicht des Kabarett-Urgesteins aus Passau. Und das ist ihm ein weiteres Mal hervorragend gelungen.

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