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Karlshuld

20.04.2020

Karl Seitle wird 70: Ein Geburtstag unter anderen Umständen

Karl Seitle wenige Wochen nach seiner Herz-OP. Ein bisschen angeschlagen sieht er noch aus, aber Witze reißen kann er schon wieder.

Plus Die Corona-Pandemie wirbelt nicht nur den Geburtstag des Karlshulder Bürgermeisters, sondern auch seinen Abschied aus dem Berufsleben durcheinander.

Das hat sich Karl Seitle auch ganz anders vorgestellt. Eigentlich sollte es heute Vormittag im Rathaus zugehen wie im Taubenschlag, denn Vertreter aller Karlshulder Vereine hätten dem Bürgermeister zu seinem 70. Geburtstag gratuliert. Der wäre mit seinem verschmitzten Lächeln mitten in der Menschenmenge gestanden, hätte die Glückwünsche der Gratulanten entgegengenommen und ihnen erzählt, dass er und der Papst eines gemeinsam hatten: lädierte Knie. Im Gegensatz zum Pontifex hätte er sie aber richten lassen, sodass er in einer Woche mühelos zum Volksfestplatz spazieren könne, wo er zum 36. und letzten Mal das Donaumoos-Volksfest eröffne. „Des basst grad schön zam“, hat sich Karl Seitle im vergangenen Jahr noch gefreut. Doch es kam ganz anders.

Statt in seinem Rathaus sitzt das Karlshulder Urgestein zuhause im Esszimmer. Erst vor wenigen Tagen ist er von der Reha nach Hause gekommen, doch an seinem Gesicht sieht man ihm an, dass er nach seiner Herzoperation längst noch nicht fit ist. „Des zieht sich ganz schön lang hin“, sagt er. Geduld ist wahrscheinlich nicht seine größte Stärke, insbesondere dann, wenn es um seine Gesundheit geht. Denn krank sein kennt Karl Seitle nicht. „Ich glaub, in den letzten 36 Jahren warst du keine acht Tage krank“, schätzt sein Freund und Gemeinderatskollege Peter Märtl. Er sitzt mit ihm am Esstisch, in sicherem Abstand entfernt. Beide kennen sich seit ihrer Jugend und haben 36 Jahre im Gemeinderat zusammengearbeitet. So lange hat das vor ihnen noch niemand geschafft – weder als Bürgermeister noch als Gemeinderat.

Das 50. Donaumoos-Volksfest im vergangenen Jahr war das letzte, das er als Bürgermeister eröffnen durfte.
Bild: Xaver Habermeier

Karl Seitle hat gerade erst eine Herzoperation hinter sich

Erst die ungeplante Herz-OP und dann Corona – so hatte sich Karl Seitle seinen Abschied aus dem Berufsleben wahrlich nicht vorstellt. Seit Ende Januar ist er nicht mehr im Dienst, nachdem bei den Voruntersuchungen für seine geplante Knie-Operation herauskam, dass sein Herz Probleme macht. Die Stellung hält seitdem sein Stellvertreter und Nachfolger Michael Lederer. In der letzten April-Woche will er aber nochmal ins Rathaus zurück. „Ein paar Sachen gehören noch erledigt“, sagt er.

Karl Seitle wird 70: Ein Geburtstag unter anderen Umständen

Ab 1. Mai ist Karl Seitle dann offiziell Rentner. Auf die Frage, was er in seinem Ruhestand machen möchte, antwortet er ohne Umschweife: „Ja nix! Ganz normaler Rentner!“ Seine Posten als Vorsitzender der Ambachgruppe und als Verwaltungsrat bei der Agentur für Arbeit gibt er ab, und für neue Aufgaben ist er nicht empfänglich. „Was ich schon Angebote gekriegt hab! Vorsitzender bei den Oldtimerfreunden, beim Kaninchenverein, und der Pfarrer hätt’ auch irgendeinen Posten für mich gehabt!“ Doch Seitle hat alles ausgeschlagen – auch den Vorschlag seines Freundes Peter Märtl, doch wieder Brieftauben zu züchten. Das hat er schon einmal gemacht, und zwar ziemlich erfolgreich: Seitle war einst deutscher Juniorenmeister. Als er 1984 Bürgermeister wurde, hat er das zeitintensive Hobby allerdings an den Nagel gehängt – und nach jetzigem Stand der Dinge auch nicht vor, damit wieder anzufangen. Stattdessen will sich Seitle lieber mit seinen vier Enkelkindern beschäftigten. Im Garten seines neuen Hauses, das er zusammen mit seinem jüngsten Sohn gebaut hat, wird dafür genügend Platz sein. „Die sind süß“, sagt er und zeigt voller Stolz die eingerahmten Bilder der Kinder.

Peter Märtl war ein Spitzenfußballer, der es in die Profiliga geschafft hätte

36 Jahre – und damit sein halbes Leben lang – war Karl Seitle Bürgermeister von Karlshuld. Ebenso lange saß Peter Märtl im Gemeinderat. „Wir sind zusammen 1984 gekommen und wir gehen auch zusammen wieder“, sagt der 72-Jährige. Schon in den 1960er Jahren sind die beiden bei Wind und Wetter zusammen von Karlshuld nach Neuburg in die Paul-Winter-Realschule geradelt. Später teilten sie dann ihr Interesse an der Brieftaubenzucht. Fußball war und blieb allerdings Peter Märtls alleinige Leidenschaft. Der Grasheimer schoss für seinen SV Grasheim jede Saison um die 100 Tore und hätte unbestritten das Talent für den Profifußball gehabt. Über die Jahre wollten ihn immer wieder Bundesligavereine abwerben. Doch Märtl blieb – wenngleich nicht ganz freiwillig.

Peter Märtl war zusammen mit Karl Seitle 36 Jahre im Gemeinderat.
Bild: Claudia Stegmann

Nachdem sein Vater unerwartet mit nur 40 Jahren gestorben war, wurde er als Zweitältester von fünf Kindern ungefragt in die Verantwortung genommen. Er musste die Schule abbrechen und wie sein Vater Versicherungskaufmann lernen, um mit der Agentur den Lebensunterhalt für die Familie zu sichern. Hätte er die Wahl gehabt, wäre er wohl lieber Fußballer geworden – oder Pfarrer. Denn mit diesem Gedanken hatte er sich ob seiner christlichen Gesinnung durchaus beschäftigt. „Er wollte Pfarrer werden und ich war Oberministrant – das passt auch wieder zusammen“, wirft Karl Seitle ein.

Was Karl Seite für Karlshuld in seiner Zeit als Bürgermeister erreicht hat

Karl Seitle und Peter Märtl – die beiden waren und sind sich in vielen Dingen einig. Die wesentlichen Entscheidungen im Gemeinderat hätten sie immer einvernehmlich getroffen, sagen sie: etwa die gemeinsame Kläranlage mit Königsmoos, den Bau der Dreifachturnhalle, die Sanierung der Schule – und natürlich den Bau des Kreisverkehrs am Scharfen Eck. Das war der erste im Landkreis überhaupt, darauf legt Karl Seitle wert. „Für mich ist der Karl der erfolgreichste Bürgermeister im Landkreis“, lobt Peter Märtl seinen langjährigen Weggefährten. Er habe immer vorausschauend agiert und vor allem bei Grundstückskäufen ein Talent bewiesen. „Er hat von den Bauern immer Land bekommen, und keiner von ihnen fühlte sich über’n Tisch gezogen“, sagt Märtl.

Karl Seite und seine Schreibmaschine (im Hintergrund): Einen Computer gab es in seinem Dienstzimmer nicht.
Bild: Norbert Eibel

In zwei Wochen gehen Karl Seitle und Peter Märtl in den politischen Ruhestand. Für beide hätte es in normalen Zeiten eine ordentliche Abschiedsfeier gegeben – für die Gemeinderäte und natürlich für den Bürgermeister. Dass man Karl Seitle mit einer Reise als Geschenk keine Freude machen kann, wissen seine Kollegen bereits. Zu seinem 20. Dienstjubiläum schickten ihn die Gemeinderäte mit seiner Familie für einige Tage nach Österreich. Als er zurückkam, sagte er nur: „Macht’s des ja nie wieder!“

Peter Märtl schwebt deshalb etwas anders vor. Er würde sich wünschen, dass Karl Seitle für seine Verdienste den Ehrentitel „Alt-Bürgermeister“ verliehen bekommt. Doch Seitle winkt ab und lacht: „Ja freilich, da soll der Gemeinderat beschließen, dass ich alt bin! Des brauch’ i ned!“

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