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Neuburg

24.01.2020

Realschüler lernen, wie Juden in Deutschland leben

Wie leben Juden? Welche Sitten, Bräuche und Gewohnheiten haben sie? Antworten auf Fragen wie diese will die Initiative „Meet a Jew“ geben.
Bild: Elisa Glöckner

Plus Die jüdische Kultur ist vielen Deutschen fremd. Um Vorurteile abzubauen, besucht das Projekt „Meet a Jew“ Unis, Vereine und Schulen. Jetzt war es in Neuburg.

David ist 19 und kommt aus München. Dort gehört er zu etwa 1700 jungen Menschen, die seit Oktober Informatik an der TU, der Technischen Universität, studieren. David isst kein Schweinefleisch, ohne Brille sieht er schlecht. Der Junge mag Computer, Zahlen, den Sabbat und die Tora. Er hat ukrainische Wurzeln, den deutschen Pass. Außerdem ist David Jude.

Freunde wie David, jüdische Freunde, haben nur wenige. Kaum jemand kennt einen Juden persönlich. Welche Bräuche, Sitten und Gewohnheiten seine Religion kultiviert. Das liegt auch daran, dass es hierzulande nur noch ungefähr 100.000 Juden gibt. Die Initiative „Meet a Jew“ will diese Wissenslücke schließen. Dazu vermittelt sie Referenten an Schulen, Vereine und Universitäten. Zwei davon, David und Alice, sind jetzt an die Paul-Winter-Realschule nach Neuburg gekommen, wo sie mit den Jugendlichen der achten Klassen über ihre jüdische Identität sprechen.

Was die Schüler damit verbinden, spiegelt sich in den ersten Minuten an der Tafel wider. Hier sollen sie ihre Ideen zum Judentum aufschreiben. „Religion“ und „Synagoge“ stehen dann da. Daneben „Davidstern“ und „Kippa“, „Beten“ und „Sabbat“, Weiß auf Grün.

Realschüler lernen, wie Juden in Deutschland leben

Schüler der Paul-Winter-Realschule lernen jüdische Speiseregeln

Jedes Wort greifen die Vermittler auf, erklären es. So erzählt die 20-jährige Alice – die ebenfalls in München wohnt und vier Nationalitäten besitzt – von Essgewohnheiten, die Juden praktizieren können. Lebe man etwa koscher, sagt sie der Klasse, beschränke sich der Gummibärchenkonsum auf Gummibärchen mit Fischgelatine. Wer als gläubiger Jude Fleisch esse, müsse darauf achten, dass es von wiederkäuenden Tieren mit gespaltenen Hufen stammt. Schwein? Fällt nicht in diese Kategorie.

Zu den jüdischen Speisegesetzen gehört es außerdem, Fleisch und Milch nicht miteinander zu kochen. Davids Familie, die diese Regeln befolgt, hat dafür zwei verschiedene Bestecksortimente: rote Messer und Gabeln für Fleisch, blaues Besteck für Milchgerichte. Dazu zwei Waschbecken, um sie getrennt voneinander zu säubern. Anders gestaltet sich der Alltag bei Alice. „Meine Familie ist nicht religiös“, berichtet sie den Schülern. Ihre Familie benutzt ein Besteck für alles.

Alice, 20, und David, 19, sprachen für „Meet a Jew“ am Freitagmorgen mit den Achtklässlern der Paul-Winter-Realschule.
Bild: Elisa Glöckner

Initiiert wurde „Meet a Jew“ vom Zentralrat der Juden in Deutschland, der das Projekt Ende 2019 aus den Initiativen „Likrat – Jugend und Dialog“ und „Rent a Jew“ zusammengeführt hat. Es soll Klischees entgegenwirken, sensibilisieren und den Austausch fördern. „Wir wollen eine Plattform bieten und zeigen, wie Juden leben“, erläutert Alice. Im Grunde genommen seien die nämlich nicht anders als alle anderen. Auch David bekräftigt: „Die Schüler sollen das Judentum nicht als Ganzes sehen. Wir wollen ihnen ein Gesicht geben.“ Zumal jüdische Kultur im Alltag präsent ist, oft aber nicht als solche erkannt wird.

Viele Juden möchten nicht in die Opferrolle gedrängt werden

David zum Beispiel trägt Kippa. Eine Kopfbedeckung für männliche Juden, die sie daran erinnern soll, dass es noch etwas über ihnen gibt: Gott, den Juden auch JHWH oder Jahwe nennen. Seine Kippa hat der 19-Jährige fast immer auf. Wenn er sich aber in der Stadt bewegt, versteckt er sie unter einer Mütze oder einem Käppi. Das hat einen Grund: Denn obwohl München relativ sicher sei, „weiß man nie, wem man in der U-Bahn begegnet“, sagt er. Und tatsächlich kommt es immer wieder zu Übergriffen auf jüdische Bürger. Antisemitismus ist lebendig – wie die jüdische Kultur selbst.

Darauf reduziert und permanent in die Opferrolle gedrängt zu werden, möchte Alice als Jüdin aber nicht. Natürlich, betont sie, habe es den Holocaust und das Dritte Reich gegeben. Doch sei es nicht allein diese Geschichte, die das Judentum als Religion und Kultur ausmacht. Jude zu sein hat mehr Dimensionen.

Die Leiterin der Paul-Winter-Realschule, Sonja Kalisch, lobt das Projekt „Meet a Jew“: „Der Charme daran ist, dass sich Jugendliche auf Augenhöhe begegnen.“ Juden und Nicht-Juden könnten sich auf diese Weise kennenlernen, Informationen austauschen und über den Tellerrand hinausschauen – unabhängig von Konfessionen. „Von den Schülern wird das unheimlich gut angenommen.“

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