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Rennertshofen
30.08.2019

NR-Sommerinterview: Wo Herbert Kugler Heimat empfindet

Der Fluss ist für Herbert Kugler immer auch Inspiration. Ob es die kleine Ussel ist, oder, wie hier, Donau, Themse, Rhein oder Spree.
Foto: Manfred Rinke

Der Drehbuchautor aus Rennertshofen braucht Durchhaltevermögen, bis er beruflich angekommen ist. Er erzählt vom Weg dorthin und verrät, wo er sich zuhause fühlt.

Herr Kugler, sie waren ein fester Mitarbeiter bei der Neuburger Rundschau, ein begnadeter Mundartdichter, mit eigenen Veranstaltungen im Stadtheater und Lesezeit im Radio. Eigentlich hätten Sie doch auch in Neuburg beruflich Fuß fassen können, oder?

Herbert Kugler: Tatsächlich wäre ein Volontariat bei der Augsburger Allgemeinen nach dem Studium eine Alternative gewesen. Doch wusste ich damals selbst noch nicht, in welche Richtung ich gehen wollte. Ich wollte schreiben. Doch all das, was ich in Neuburg machte, war letztlich brotlose Kunst. Ich musste nebenbei immer jobben, bei Rockwool, als Milchkutscher oder sonst was.

Und plötzlich waren Sie weg?

Kugler: Ja, 1992 ging ich mit meiner damaligen Freundin nach London. Es war eine Mischung aus Neugier und Frustration, die mich gehen ließ. In Neuburg hatte sich alles im Kreis gedreht. Dabei habe ich mich in Stepperg, wo ich zwölf Jahre gewohnt hatte, richtig Zuhause gefühlt. Ich sah mich dort schon auf dem Sterbebett liegen…

Also quasi von Null auf Hundert, von Stepperg nach London: Das war wohl nicht so einfach.

Kugler: Es war ein Sprung ins kalte Wasser und sollte die heftigste Zeit meines Lebens werden. Ich hatte zwar in der Schule Englisch gelernt. Aber in der Praxis war alles anders. Jeden Tag lief ich ins Jobcenter, aber mich nahm einfach niemand mit meinem Schulenglisch. Das ging vier, fünf Monate lang so. Ich lebte damals nur von meinem Ersparten.

Zurück in die Heimat war keine Option?

Kugler: Nein, ich wollte nicht als der Gescheiterte wiederkommen, der zu blöd war, in London Arbeit zu finden. Und letztlich hat es mir in London ja super gefallen, ich habe mich schnell auch ohne Job dort heimisch gefühlt. Ich war ein Londoner und irgendwie auch stolz darauf.

Was war dann ihr erster Job?

Kugler: Da gab es eine Polin und eine Österreicherin, die jemanden für ihre kleine Catering Company suchten. Da hab’ ich halbtags gearbeitet, vormittags Sandwiches belegt und sie danach ausgefahren und in Büros verkauft. Der Verdienst hat gerade für die Miete gereicht – toller Job mit knapp 35 Jahren (zieht die Brauen hoch und grinst). Das machte ich ein Jahr und verbesserte dabei mein Englisch deutlich. Es folgten weitere Jobs, wie der bei einem Filmverleih, wo ich Drehbücher lesen und beurteilen durfte.

Das war ja schon die Richtung, in die Sie gehen wollten.

Kugler: Genau. Doch die eigentliche Wende zum Positiven hab’ ich einem gebürtigen Neuburger zu verdanken. Klaus Tissler, Schauspieler und dann Autor, hatte ich noch vor meiner Londoner Zeit zwei-, dreimal zufällig in Neuburg getroffen. Damals hab’ ich auch erwähnt, dass ich mir vorstellen könnte, Drehbücher zu schreiben. Er rief bei mir an, weil er einen festen Autor für die ARD-Serie „Verbotene Liebe“ im Studio in Köln suchte.

Da spielte der Zufall Glücksfee für Sie. Ein geniales Angebot, oder?

Kugler: Na, klar, das sollte mein erster richtiger Job werden und damit ging es mit mir tatsächlich richtig aufwärts. Aber es ging alles so schnell. London hat mir, wie gesagt, unheimlich gut gefallen und ich dachte eigentlich, dass ich dort bleiben werde. Doch als was hätte ich gearbeitet? Als Lektor vielleicht oder in der Filmbranche, das hätte mir auch gefallen.

Sie hingen sehr an London, hört man da raus.

Kugler: Ja, London ist für mich auch heute noch eine überaus reizvolle Stadt.

Haben Sie den Schritt nach Köln bereut?

Kugler: Natürlich nicht. Das war ja das, was ich wollte und ich verdiente erstmals richtig gutes Geld. Ich betreute 350 Folgen von „Verbotene Liebe“, schrieb sie teils selbst oder überarbeitete sie als Chefautor.

War Köln letztlich der Startschuss für ihre berufliche Karriere?

Kugler: Ja. Nach eineinhalb Jahren „Verbotene Liebe“ habe ich mich selbstständig gemacht, arbeitete dann jahrelang überaus erfolgreich mit Drehbuchautor Tom Maier zusammen. Erst nach zwölf, 13 Jahren hatte ich das Bedürfnis, wieder alleine schreiben zu wollen. Und als die Branche sich nach Berlin orientierte, zog auch ich 2008 dorthin.

2012 begannen Sie dann von Berlin nach Neuburg zu pendeln. Was war denn das für ein Gefühl?

Kugler: Tatsächlich waren die ersten Tage in der alten Heimat schon komisch. Aber ich kannte ja noch viele von früher und die Frage, ob ich hier wieder Fuß fassen könnte, war nach 14 Tagen zumindest gefühlsmäßig für mich beantwortet. Beruflich war’s schon schwieriger, weil man in Neuburg natürlich ein Stück weit raus ist aus der Branche. Aber über die Jahre hat man so gute Kontakte aufgebaut, dass mich mittlerweile Produzenten oder Agenten auch hier in Neuburg anrufen. Die Pendelintervalle sind größer geworden. Ich hab’ in Neuburg ein Apartment, in Berlin aber nach wie vor meinen Hauptwohnsitz.

Würden Sie sagen, Sie sind wieder in ihrer Heimat angekommen?

Kugler: Was ist Heimat? Otti Fischer sagt, Heimat ist da, wo man die Leute aus den Todesanzeigen kennt. Ich empfinde Heimat zum Beispiel da, wo ich in meiner Stammkneipe mit dem Vornamen begrüßt werde. Das war in Pubs in London so, aber auch in Köln oder Berlin und das ist natürlich auch hier in Neuburg so.

Ganz waren Sie ja nie weg von Neuburg und Rennertshofen, ihrem Geburtsort, wo sie seit vielen Jahren auch den Festspielverein bei seinen großen Freilichtveranstaltungen unterstützen. Die Besuche waren allerdings nur sehr sporadisch. Was hatten Sie eigentlich für einen Eindruck von Neuburg, als Sie wieder fest zurückgekehrt waren?

Kugler: Ja, das war wirklich interessant. In London und Berlin habe ich in relativ armen Gegenden gewohnt, neben Menschen in prekären Lebenssituationen. Dann sitzt du hier in Neuburg in einem Café und um dich herum geht’s nur ums Hausbauen, das neue Auto oder den nächsten großen Urlaub. Da wird dir schnell bewusst, in welch reicher Ecke wir hier in Bayern leben. Anders als im Berliner Stadtteil Moabit, wo ich fünf Jahre gewohnt habe, wissen hier die Allerwenigsten was es heißt, in Existenzangst leben zu müssen.

Haben Sie sich schon einmal Gedanken gemacht, wie ihr Alltag im Herbst ihres Lebens aussehen sollte?

Kugler: Das ist genau die Frage, die ich befürchtet habe. Mein Leben hat schon viele Haken geschlagen. London und Köln kamen überraschend, Berlin war meine eigene Entscheidung. Zwar kann man sagen, dass sich der Kreis geschlossen hat, weil ich gerade wieder in Neuburg lebe. Vielleicht passiert aber erneut etwas Unvorhergesehenes und mich verschlägt es wieder irgendwo anders hin – sei es aus beruflichen oder privaten Gründen. Da ich mich derzeit aber mit um meine Mutter kümmere und an der ARD-Krimiserie „Watzmann ermittelt“ schreibe, was mir enorm viel Spaß macht, ist Neuburg als Wohnort natürlich perfekt. Denn die Serie wird in Berchtesgaden gedreht und die Produktionsfirma sitzt in München. Da komm’ ich von hieraus leichter hin. Außerdem inspirieren mich Spaziergänge an der Donau in Neuburg genauso wie Spaziergänge am Rhein in Köln oder an der Spree in Berlin. Im Moment ist ein Wechsel woanders hin jedenfalls ausgeschlossen.

Das ist Herbert Kugler

  • Herbert Kugler ist am 26. Juli 1958 in Rennertshofen geboren.
  • Nach dem Abitur am Neuburger Descartes-Gymnasium ging er nach München, um dort Kommunikationswissenschaften, Amerikanistik und Psychologie zu studieren.
  • Kugler arbeitete unter anderem als freier Journalist viele Jahre für die Neuburger Rundschau. Von 1992 bis 1995 lebte er in London.
  • Danach ließ er sich in Köln nieder, wo er als Drehbuchautor gut Fuß fasste. 2008 wechselte er nach Berlin.
  • Seit 2012 pendelt er zwischen der Bundeshauptstadt und Neuburg. Kugler lieferte Drehbücher unter anderem für „Dahoam is Dahoam“, „Rosen im Sturm“ (Rosamunde Pilcher), „Der Kriminalist“, „Ein Fall für zwei“,, „SK Kölsch“, „St. Angela“ (über 120 Folgen), „SOKO 5113“ und aktuell „Watzmann ermittelt“.
  • Privat ist er Single.

Lesen Sie hier die bisherigen Sommerinterviews der Neuburger Rundschau:

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