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Neuburg

24.11.2020

Sattelzug gegen Fahrrad: Ein Unfall in Neuburg landet vor Gericht

Unfälle mit Fahrradfahrern passieren immer wieder. Allein im vergangenen Jahr wurden deutschlandweit 87.000 Radfahrer verletzt. Besonders gefährdet sind laut Statistik ältere Radfahrer: Demzufolge waren 53,8 Prozent der Toten älter als 65.
Bild: Alexander Kaya (Symbolfoto)

Plus Weil er eine Radlerin angefahren hat, muss sich ein 44 Jahre alter Mann vor dem Amtsgericht in Neuburg verantworten. Die Frau hatte Glück – andere Fälle enden tödlich.

Eigentlich sei Corona schuld, erzählt die 62-Jährige dem Gericht. Hätte es nämlich keine Pandemie gegeben, wäre sie damals in der Schweiz gewesen, an jenem Morgen im Juni, als sie ein Mann mit einem Lastwagen anfuhr. Doch sie war nicht in der Schweiz. Stattdessen war sie unterwegs, um ihre Tochter zu besuchen. Sie radelte im Schwalbanger, er traf sie, sie stürzte.

Unfall mit Radfahrerin in Neuburg landet vor Gericht

Das Ergebnis dieses Morgens, so berichtet es Vanessa Castillo-Arauju für die Staatsanwaltschaft, ist ein schmerzhaftes: Die Verwaltungsangestellte zog sich eine Platzwunde am Kopf und eine Fraktur des Sprunggelenks zu – der Mann eine Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung.

Sattelzug gegen Fahrrad: Eine Begegnung, die in diesem Beispiel glücklich ausging. Dass es nicht immer so sein muss, zeigt ein anderer Fall aus dem Juli desselben Jahres, der sich ebenfalls in Neuburg abgespielt hat. An diesem Tag, vor einigen Monaten also, bog ein 37 Jahre alter Mann mit seinem Lastwagen von der Ingolstädter Straße nach rechts in die Monheimer Straße und erfasste dabei einen 81-jährigen Neuburger. Der Senior fuhr mit einem Elektro-Fahrrad auf dem Radweg neben der Ingolstädter Straße stadteinwärts und wollte den Einmündungsbereich der Monheimer Straße geradeaus überqueren, so die bisherigen Untersuchungen zum Unfallhergang. Auch hier stürzte der Radler. Allerdings so schwer, dass er sich tödlich verletzte. Er starb noch an der Unfallstelle.

Unfälle mit Radfahrern in Neuburg gibt es immer wieder

Unfälle mit Fahrrad- und Pedelec-Fahrern gibt es in Neuburg immer wieder. Bis jetzt zählt der zuständige Sachbearbeiter der Polizeiinspektion Neuburg 58 in diesem Jahr – in 52 Fällen hatten sich Menschen verletzt, in vier davon schwer, in einem – im Fall des 81-Jährigen – kam ein Mann ums Leben.

Betrachtet man ganz Deutschland, war 2019 jeder siebte Mensch, der im Straßenverkehr gestorben ist, auf zwei Rädern unterwegs. Insgesamt 87.000 Radfahrer wurden verletzt. Tatsächlich sind ältere Radler besonders gefährdet: 53,8 Prozent der Toten waren älter als 65, belegen die Zahlen des Statistischen Bundesamts. Bei tödlichen Unfällen mit Elektro-Fahrrädern lag der Anteil der Senioren sogar bei 72 Prozent. In 118 Fällen waren sie mit einem Pedelec unterwegs.

Dem Mann tue es wahnsinnig leid

Es tue ihm wahnsinnig leid, betont der 44 Jahre alte Kranfahrer immer wieder im Saal 42 des Amtsgerichts. Noch nie habe er irgendjemandem etwas angetan. Viele Autos seien auf der Straße gewesen. Schnell gefahren sei er nicht. An dieser Ecke sei das gar nicht möglich – an diesem Ort, der verkehrstechnisch so verteufelt sei. Die Frau habe er nicht gesehen. „Ich habe sie erst bemerkt, als sie bereits am Boden lag.“ Auch deswegen ist er zunächst davon ausgegangen, ein Verkehrshütchen oder eine Absperrung mitgenommen zu haben, zumal zu der Zeit Markierungsarbeiten stattgefunden haben. Dann habe er sie entdeckt. Wie er Richterin Sabine Seitz schildert, sei er sofort ausgestiegen, habe der Frau am Boden aufgeholfen und ein Taschentuch für die Wunde organisiert.

Entgegen der Tendenzen in Neuburg sieht es bayernweit so aus, als würde sich 2020 ein längerer statistischer Trend fortsetzen: 2015 waren 8589 Radler in Bayern verunglückt, 58 von ihnen tödlich. Diese Zahl stieg 2016 um knapp acht Prozent auf 9265, bei 46 Getöteten. Im Jahr 2017 gab es nach Datenlage des Statistischen Landesamts 9309 verunglückte Fahrradfahrer, 49 Radler kamen dabei zu Tode. Einen deutlichen Anstieg von fast 13 Prozent bei den Fahrrad-Unfällen brachte das Jahr 2018 mit sich, als 10.490 Radfahrer verunglückten, von denen 60 starben. 2019 beläuft sich die Zahl der verunglückten Radler auf 10.612, wobei 64 Todesfälle zu beklagen waren. Und 2020? Allein von Januar bis Mai berichtet das Statistische Landesamt von 5402 verunglückten Radlern auf Bayerns Straßen, 18 davon starben. Das bedeutet einen Anstieg von 18 Prozent verglichen mit demselben Zeitraum des Vorjahres.

Es gab einen Kontakt nach dem Unfall

Der Angeklagte erzählt, dass er auch nach dem Unfall noch Kontakt mit der Frau gehabt habe. Die 62-Jährige bestätigt das. „Am Abend habe ich ihn angerufen“, sagt sie. Da habe er sich entschuldigt. Noch immer aber geht die Verwaltungsangestellte auf Krücken. Auch das Fahrradfahren will noch nicht klappen. „Ich habe es vergangene Woche versucht, bin aber fast nicht mehr heruntergekommen.“

Er hat fahrlässig gehandelt – der Tatbestand sei erfüllt, bilanziert die Richterin indes nüchtern. Weil er keine Vorstrafen, sich dazu vorbildlich verhalten hat und den Unfall bereut, entscheidet sich Sabine Seitz dazu, das Verfahren gegen ihn einzustellen – für eine Geldauflage. Der 44-Jährige muss demnach 750 Euro in drei monatlichen Raten zahlen, die an die Verkehrswacht in Neuburg fließen.

Neuburg: Fahrrad-Unfälle im gesamten Stadtgebiet

Orte, an denen Unfälle mit Fahrradfahrern gehäuft passieren, gibt es in Neuburg nicht. Stattdessen, erklärt der polizeiliche Sachverständige, verteilen sich solche Unfälle über das Stadtgebiet. Trotzdem appelliert der Polizeibeamte an alle Verkehrsbeteiligten, die Verkehrsvorschriften einzuhalten und aufeinander Acht zu geben. Radfahrer sollten nicht Geh-, sondern ausgewiesene Radwege benutzen – und dabei nie in die entgegengesetzte Richtung fahren. „Das ist ein Hauptärgernis zwischen Kraftfahrern und Radfahrern“, sagt er. Wichtig gerade in der dunkleren Phase des Jahres sei es für Radler außerdem, für alle anderen Verkehrsteilnehmer sichtbar zu sein – beispielsweise durch die richtige Beleuchtung am Rad und reflektierende Kleidung.

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