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Neuburg

30.11.2017

Sport-Kolumne: Ein allzumenschliches Ende

Ein Selfie aus den letzten Tagen: Unser Autor ist geschafft vom Sport, glücklich über das Ergebnis und sich hoffentlich seiner Schwächen bewusst.
Bild: Bastian Sünkel

Was sagt die Waage der Wahrheit? Wichtiger als purzelnde Kilos und gestählte Muskeln ist das neue Körperbewusstsein, stellt unser Autor am Ende der zehn Wochen fest. Daran ändern auch vier Bier nichts.

Ich bin kein großer Fan von Helden und Happy Ends. Wenn meine Oma Dornröschen und Rapunzel vorgelesen hat, habe ich nicht geglaubt, dass das Paar bis ans Lebensende glücklich geblieben ist. Ein Prinz, der Frauen aus Türmen befreit, sehnt sich spätestens ab dem zweiten Kind nach neuen Abenteuern. Siegfried war spannender, weil er eine Schwachstelle hat, die ihn in die ewigen Jagdgründe gefallener Helden beförderte. Das Nibelungenlied hätte niemals seinen Stellenwert erreicht, wenn er Hagen und alles Böse niedergemäht hätte, weil er ja ach so unbesiegbar ist. Langweilig. Schwäche ist eine Auszeichnung. Man sollte sich ihrer nur bewusst sein.

Ich bin zwar optisch stärker geworden und zweifellos stolz, neun Wochen ein derart einnehmendes Ganzkörperprogramm durchgezogen zu haben. Meine lindenblattgeschwächte Stelle kam am Samstag trotz aller guten Vorsätze zum Vorschein – nach genau neun Wochen und einem Tag. Meine Lieblingsradiosendung war mit einer Live-Übertragung in Augsburg, ich im Publikum. Dann kam Jan und eine halbe Stunde später saßen wir uns gegenüber und jeder hatte ein Bier in der Hand. Aus dem einen Bier wurden vier Bier – dann war wieder Schluss. Sonntag geißelte ich meine Normalitätsflucht mit Kraftsport. Ich hab nur meiner Mitbewohnerin Imo von dem Ausrutscher erzählt. Sie hat ungefähr so reagiert: „Wiiieee?! Vier?! Eins vielleicht, aber vier?!“ Ja, dann war’s ja eh schon egal. Ob Hagen den Siegfried einmal oder viermal niedersticht, spielt dann auch eine eher zweitrangige Rolle. Der Status des alles überstrahlenden Helden ist damit passé. Siegfried und ich sind wieder menschlich, allzumenschlich.

Hagen ist immer da

Ohne mich rausreden zu wollen, sehe ich genau das als meinen neuen Auftrag an. Die Hagens, also die menschlichen Laster, sind eh immer da. Ich muss wissen, wie ich sie im Zaum halten kann, bevor sie mich von hinten niedermetzeln. Viele Menschen haben mir die Frage gestellt, ob ich komplett in alte Muster zurückfallen werde, wenn heute die zehn Wochen zu Ende gehen. Ich habe meistens geantwortet: „Mein Ziel sind zehn Kilo plus in sieben Tagen“, und jeder wusste, dass das Quatsch ist. Ich werde wieder Bier trinken und Pasta essen, aber die Erkenntnis, was mir und meinem Körper gut tut, wird mir keiner mehr nehmen. Fertiggerichte werde ich weiter boykottieren – das habe ich davor aber auch. Ich werde nicht mehr so spät essen und mich nur im Notfall mit Kohlenhydraten mästen. Ich weiß jetzt, welche Übungen ich machen muss, wenn es zwickt oder sich der Bauch wölbt. Ich hab gelernt, dass ich doch noch joggen kann. Meine Knieschmerzen sind auf wundersame Weise verschwunden. Ich habe auch viele Menschen getroffen, die nichts anderes machen, als ihren Körper zu trimmen. Ich habe ähnlich gelebt wie sie und festgestellt: Das will ich nicht. Was am Ende bleibt? Erkenntnis und die Sicherheit, dass ich jederzeit meinen Körper zurückerobern kann.

Trainer Markus wird mir recht geben. Er hat ja eine ähnliche Geschichte hinter sich und er ist es auch, vor dessen Augen ich mich ein letztes Mal auf die Wunder-Waage in den Vital Plus Studios stelle. In den letzten drei Tagen musste ich leider das Training ausfallen lassen, weil sich eine Erkältung angebahnt hat. Nichtsdestotrotz: Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Statt den knapp 97,8 Kilo vom 22. September zeigt das Display 88,1 Kilo an. Aber weil Kilos ja nicht alles sind, spuckt die Waage weitere Details aus: Mit 13,7 Kilogramm Körperfettmasse bin ich nach gesellschaftlichen und fitnessrelevanten Maßstäben endlich ein Normalo. Meine Muskeln wiegen 42,5 Kilo. Das ist bei meiner Größe von 1,82 Metern immerhin ein ganzes Stück im überdurchschnittlichen Bereich. Auch wenn die Skelettmuskelmasse in den zehn Wochen – im Schweiße meines Angesichts – etwas geschrumpft ist. Das macht das Fasten. Aber jetzt kommt’s: Ich bin noch ganze 600 Gramm von meinem Idealgewicht entfernt – abzüglich der Avocado, die ich vor dem Wiegen gegessen habe. Schade, dass die Waage nur eine Waage und keine Frau oder kein Freund ist. Den Satz würde doch jeder einmal gerne hören: „Wahnsinn, du siehst heute annähernd ideal aus!“

Weiter trainieren, Weizen trinken

Trainer Markus hat die richtigen Worte parat. Am wichtigsten sei, was in meinem Kopf passiert ist. Auch meinen Vier-Bier-Ausrutscher verzeiht er mir. Hauptsache ich trainiere weiter – und steige auf Weizen um. Wegen der Hefe. Gut für die Muskeln. Was im Kopf passiert ist, habe ich den Menschen zu verdanken, die mich unterstützt und in schwachen Momenten ertragen haben. Deshalb vielen Dank liebe Mitbewohner, ans Trainer-Team Simon, Markus und Mark, Ernährungsberaterin Alice, Personaltrainerin Julia, die Kollegen in der Redaktion, Freunde und Familie zwischen Chur und Köln und natürlich Danke an die Leser, die mir so oft auf die Schulter geklopft haben, als müssten sie meine schwächste Stelle schützen.

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