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Neuburg-Schrobenhausen

06.07.2020

Stehen die Kirchen in Neuburg-Schrobenhausen vor dem Aus?

Dunkle Wolken ziehen über die Kirchen im Landkreis wie hier über die Burgheimer Pfarrkirche St. Cosmas und Damian.
Bild: Andreas Dengler

Plus Immer mehr Menschen wenden sich von der katholischen und evangelischen Kirche ab. Wie die christlichen Gemeinden in Neuburg-Schrobenhausen den Schwund beurteilen.

Er wurde getauft, besuchte mit der katholischen Mutter und der evangelischen Oma regelmäßig Gottesdienste. Mit 16 Jahren ging Samuel Metz ins Neuburger Standesamt und trat offiziell aus der Kirche aus. An der Konfirmation nahm er bereits nicht mehr teil, statt Religionsunterricht wählte er in der Schule Ethik. Eine solche Glaubensbiografie teilt der junge Neuburger mit vielen Menschen – ganz egal welchen Alters oder Geschlechts.

Neuburg-Schrobenhausen: Kirchenaustritte auf Rekordhoch

Aktuelle Zahlen belegen, dass 2019 ein Rekordjahr der Kirchenaustritte war. Die beiden christlichen Kirchen mussten einen massiven Mitgliederschwund verschmerzen. Es ist ein Trend, der sich auch im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen erkennen lässt. 567 Menschen aus dem katholischen Dekanat Neuburg-Schrobenhausen verließen die Kirche. Im evangelischen Dekanat Ingolstadt, zu dem die Landkreise Neuburg-Schrobenhausen, Pfaffenhofen, Eichstätt sowie die Stadt Ingolstadt zählen, waren es 1040 Gläubige. Selbst im Corona-Jahr 2020 sind schon die ersten Gläubigen ausgetreten: Laut einer aktuellen Statistik der Stadt Neuburg haben im ersten Halbjahr bereits 88 Menschen aus Neuburg, Burgheim, Rohrenfels und Bergheim die evangelischen und katholischen Gemeinden verlassen. Und die Tendenz steigt weiter.

Die konkreten Gründe für einen Kirchenaustritt ließen sich in den meisten Fällen nur erahnen, sagt Dekan Werner Dippel. Der Pfarrer von Burgheim ist als Dekan von Neuburg-Schrobenhausen für fast alle Pfarreien im Landkreis zuständig. Vor jedem Austritt finde eine Entfremdung zur Kirche statt, erklärt er den schleichenden Prozess. Die Austreter wenden sich vor dem Gang zum Bürgerbüro jedoch nicht an einen Pfarrer und suchen kein Gespräch. Nach dem Austritt, wenn ihre Heimatpfarrei ihnen ein Brief mit einem kurzen Fragebogen zuschickt, komme meist keine Antwort, weiß Pfarrer Dippel aus Erfahrung.

Dekan Dippel: "Der letzte Schritt ist der Austritt."

In seinen 17 Jahren als Pfarrer von Burgheim hätten nur zwei Gläubige, die mit einem Austritt haderten, das Gespräch mit ihm gesucht. Einer stieg danach trotzdem aus, der andere entdeckte seinen Glauben neu. „Menschen distanzieren sich immer mehr von der Kirche und haben keinen Bezug mehr. Der letzte Schritt ist der Austritt“, schildert Dekan Dippel. Die Kirchensteuer sei nur selten die Motivation für den Entschluss. „Das gesparte Geld ist ein positiver Nebeneffekt. Wenn ich mich von etwas entfremde, will ich auch nichts mehr dafür bezahlen.“

Um der Entfremdung entgegenzuwirken, müsse sich die Kirche fragen, wie und mit was sie die Menschen künftig erreiche, betont Pfarrer Dippel. Dies sei aber eine Aufgabe der Kirche, die sie sich seit ihrem Beginn stellen musste. „Wir versuchen nah an den Leuten zu sein“, sagt der Dekan mit Nachdruck. Die Entfremdung zu stoppen, erscheint schwer. Der Glaube sei Privatsache – ein Austritt werde zumindest auf dem Land nicht an die große Glocke gehängt, weiß Dippel.

Dekan Werner Dippel
Bild: Bistum Augsburg

Die Corona-Krise und die notwendigen Schutzmaßnahmen wie das mehrwöchige Gottesdienstverbot verstärken eine Distanzierung zur Kirche. „Ich sehe hier eine Gefahr. Derjenige, der vor Corona schon mit einem Fuß draußen war, ist jetzt mit beiden Füßen draußen.“ Aber selbst für Chöre, Ministrantengruppen, die Kolpingsfamilien oder Vereine werde sich die Pandemie auswirken, befürchtet Dekan Dippel.

Dass die Austrittswelle aus der katholischen Kirche mit der Rolle der Frau, den Finanzskandalen oder dem Zölibat zusammenhänge, schließt Dekan Dippel aus. „In der evangelischen Geschwisterkirche sind die Austrittszahlen genau so hoch“, argumentiert er. Die Themen seien dennoch zu behandeln und dürften nicht zur Seite gestellt werden, betont der Geistliche.

Evangelische Kirche hat die gleichen Probleme

Die evangelische Kirche hat das gleiche Problem wie die Katholiken: Die Mitglieder werden immer weniger. „Jeder Austritt tut weh“, sagt Dekan Thomas Schwarz. Inwiefern sich die Corona-Pandemie auf die Austrittszahlen der Kirche auswirken werde, konnte er noch nicht beurteilen. „Das kann ich gegenwärtig nicht einschätzen“, sagt er. Stattdessen formuliert der evangelische Dekan einen Dreiklang, der seiner Meinung nach oftmals zum Austritt führe: Entfremdung, Traditionsabbruch und Individualismus. Die Menschen haben das Gefühl und den Eindruck, dass ihre Fragen an das Leben von der Kirche nicht zufriedenstellend beantwortet werden, führt der Theologe aus. „Jeder Austritt ist ein Austritt zu viel“, sagt Dekan Schwarz, der gemeinsam mit seiner Ehefrau Gabriele Schwarz das Dekanat Ingolstadt leitet. Für jede Pfarrerin und jeden Pfarrer sei es eine frustrierende Erfahrung, wenn ein Gemeindemitglied die Kirche verlasse. Anders als die katholischen Pfarrer verschicken die Protestanten an die Austreter jedoch keinen Abschiedsbrief. „Wir wollen den Entschluss respektieren“, erklärt der Dekan. Daher werde auf eine Kontaktaufnahme verzichtet.

Die Frage, ob ein evangelischer Pfarrer die Bestattung eines Verstorbenen, der zu Lebzeiten der Kirche den Rücken zukehrte, begleite, könne nicht pauschal beantwortet werden. „Was ist wichtiger, die Seelsorge der Hinterbliebenen oder der Toten?“, fragt Dekan Schwarz. In der katholischen Kirche wird hier strikter vorgegangen: Nur wenn der Ausgetretene sich in einem vertraulichen Gespräch an einen Pfarrer wandte, sei eine Begleitung möglich, erklärt Dekan Dippel. „Wir respektieren die Entscheidung des Verstorbenen.“

Dekan Thomas Schwarz
Bild: Dekanat Ingolstadt

Wiedereintritt ist jederzeit möglich

Trotz der Hiobsbotschaften für die christlichen Kirchen treten in den schweren Zeiten immer wieder Menschen der Gemeinschaft neu bei oder kehren zurück. „Die Tür steht jederzeit offen“, sagt Dekan Dippel, „denn den Glauben kann man nicht alleine leben.“

Lesen Sie dazu den Kommentar Warum der Gottesdienst nicht mit Yoga mithalten kann.

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