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17.02.2016

Sterbezahlen: Die Suche geht weiter

Nach dem Zweiten Weltkrieg erreichten mehr als 3000 Heimatvertriebene Neuburg. Die Bevölkerung wuchs rapide, doch erklären sie auch die hohe Sterbequote des Jahres 2015?
Bild: Stadt Neuburg, Sammlung Sayle

Phänomen Nicht nur in Neuburg sind 2015 untypisch viele Menschen gestorben. In Eichstätt fällt der Anstieg sogar noch höher aus. Nun gibt es Theorien, die neue Fragen aufwerfen

Neuburg So oft, wie im vergangenen Jahr, war Stadtpfarrer Herbert Kohler noch nie an offenen Gräbern gestanden. Er hat die Trauernden gesehen, die Einzelschicksale und viele, viele Tränen. Deshalb warnt er vor statistischen Spielereien: Es gäbe kaum ein sensibleres Thema als den Tod. Doch das Ausmaß, dieser unnatürliche Ausschlag in der Jahresbilanz, beschäftigt auch ihn.

In Neuburg sind im vergangenen Jahr mit 438 Menschen mehr gestorben, als jemals zuvor (wir berichteten). Auffällig ist vor allem der makabere Anstieg: Um 28,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr schnellte die Jahresbilanz des Standesamts in die Höhe. Alle Erklärungsansätze sind bis dahin gescheitert. Allein die Zahl gibt zu denken. Vor allem, weil Neuburg im Landkreis mit dieser Auffälligkeit auf einsamen Posten steht. In den umliegenden Gemeinde ist die Sterberate konstant geblieben, wenn nicht zurückgegangen.

Jenseits der Landkreisgrenzen gibt es allerdings einen ähnlichen Fall. Josef Zinsmeister, Standesbeamter in Eichstätt, steht wie seine Neuburger Kollegen vor einem Rätsel. Eichstätt hat 2015 sogar ein Drittel mehr Todesfälle gezählt, als noch im Vorjahr. In den Jahren zuvor lag der Höchstwert auch weit unter der Marke von 390 Verstorbenen. Im Nachbarlandkreis hat kein Seniorenwohnheim expandiert, die Bevölkerung sei nicht übermäßig gewachsen und auch andere Deutungsansätze verlaufen im Sand. Es gebe für ihn schlichtweg keine rationale Erklärung.

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Zurück nach Neuburg: Auch der Januar versprach keine Besserung. Wie Pfarrer Kohler berichtet, sind im ersten Monat des Jahres 20 Menschen in seiner Pfarrei gestorben. Das sind erneut ungewöhnlich viele, sagt der Stadtpfarrer. Auch wenn im Januar, dem dunklen Wintermonat, seit jeher mehr Begräbnisse stattfinden, als zu anderen Zeiten des Jahres, sprach er häufiger als sonst den letzten Segen.

Pfarrer Kohler hat sich Gedanken gemacht. Er senkt seine Stimme und beginnt von seinen Eindrücken zu erzählen, die er im vergangenen Jahr gewonnen hat. Zum einen habe er viele besonders alte Menschen beerdigt. Menschen, die weit länger gelebt haben, als die durchschnittliche Lebenserwartung vermuten lässt. Der medizinische Fortschritt habe seiner Meinung nach Menschen altern lassen, die in früheren Generationen eher gestorben wären und damit quasi zu einem Aufschub der Sterbequote geführt.

Tatsächlich lässt sich die Vermutung durch Zahlen belegen. Jörg Breu aus dem Einwohnermeldeamt der Stadt hat ein Diagramm der Sterbefälle erstellt. Das Ergebnis: Besonders viele Frauen (23) der Jahrgänge 1920 und 1921 sind im vergangenen Jahr gestorben. Laut Landesamt für Statistik, Stand 2012, haben neugeborene Mädchen in Bayern eine Lebenserwartung 83 Jahren und sieben Monaten. Bei älteren Generationen liegt der Wert darunter. Einen vergleichbaren Extremwert gibt es bei den Männern nicht. Dennoch sind bei einer Lebenserwartung von 77 Jahren und fünf Monaten überraschend viele Männer der Jahrgänge 1935 (10), 1931 (7), aber auch 1923 und 1924 (9) verstorben.

Pfarrer Kohler geht davon aus, dass das ein Faktor sei, der den Anstieg der Sterbezahlen erklärt. Doch er nennt weitere, die sich nicht beweisen lassen: Die Zahl der Krebstoten sei in den vergangenen Jahren beachtlich gestiegen. Ebenso habe er 2015 besonders viele Opfer von Unfällen beerdigt, sagt der Pfarrer.

Auffällig sei außerdem die Anzahl der verstorbenen Heimatvertriebenen, sagt Pfarrer Kohler. Tatsächlich sind in Neuburg jede Menge Flüchtlinge im ersten Jahr nach Weltkriegende angekommen. Zwar lässt sich die Zahl nicht genau beziffern, doch liegt sie bei mehr als 3000 Neubürger, spricht Stadtarchivarin Barbara Zeitelhack auf Nachfrage der Neuburger Rundschau von einem „Wahnsinnszustrom“ und bestätigt die Zahl. Bildet die Sterbestatistik 2015 also den Bevölkerungszuwachs der Jahre 1945/46 ab? Nachweisen lässt sich diese Theorie nicht. Doch falls etwas dran ist, würde sie immerhin erklären, warum in Neuburg die Sterberate höher ausfällt, als in den Landkreis-Gemeinden. Denn „in die Städte sind immer mehr gekommen, als aufs Dorf“, sagt die Stadtarchivarin.

Wahrscheinlich sind viele Faktoren am Sterbephänomen des vergangenen Jahres schuld. Dass es sich um einen Zufall handelt, ist ähnlich unwahrscheinlich, als dass nur eine Theorie zutrifft.

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