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Neuburg-Schrobenhausen

25.08.2019

Termin beim Facharzt: Das Warten hat ein Ende

Volle Wartezimmer oder lange Wartezeiten auf einen Termin sind bei Fachärzten die Regel. Mit den offenen Sprechstunden erhalten Patienten jetzt die Chance, früher als üblich behandelt zu werden.
Bild: Patrick Pleul, dpa

Ab September müssen viele Fachärzte offene Sprechstunden für Patienten anbieten. Hautarzt Bernhard Hildebrandt ist einer davon. Er erklärt Vor- und Nachteile.

In der Hautarztpraxis von Dr. Bernhard Hildebrandt in Neuburg geht es zu wie im Taubenschlag. In dem langen Flur zwischen Wartezimmer und den Behandlungsräumen begegnen sich die Patienten, die mitunter wochen-, manchmal sogar monatelang auf einen Termin gewartet haben. „Im Schnitt müssen Patienten sechs Wochen auf einen Termin bei uns warten – und zwar Kassen- und Privatpatienten gleichermaßen, denn ich mache da keinen Unterschied“, sagt Hildebrandt. Im Falle einer Hautkrebsvorsorge sei die Wartezeit sogar noch länger. „Da haben wir die nächsten freien Termine im Augenblick im November, wenn nicht sogar im Dezember.“

Das lange Warten auf einen Termin hat ab 1. September allerdings ein Ende – zumindest für einen Teil der Patienten. Denn das neue Terminservicegesetz schreibt unter anderem vor, dass Fachärzte, die zur wohnortnahen Patientengrundversorgung zählen, ab diesem Zeitpunkt mindestens fünf offene Sprechstunden pro Woche ohne vorherige Terminvereinbarung anbieten müssen. Dazu gehören Hautärzte genauso wie etwa Augen-, HNO- oder Frauenärzte (siehe komplette Auflistung im Infokasten).

Ungefähr 50 Patienten schafft der Hautarzt in der offenen Sprechstunde

In der Hautarztpraxis Hildebrandt wird diese offene Sprechstunde immer mittwochs von 8 bis 13 Uhr sein. Was das bedeutet, erklärt Hildebrandt so: In dieser Zeit gebe es keine regulären Termine. Wer um 8 Uhr vor der Türe steht, komme dran. Etwa 50 Patienten könne er in den fünf Stunden behandeln. Sobald diese Zahl erreicht sei, würde die Annahme geschlossen. Naturgemäß seien die offenen Sprechstunden mit Wartezeiten verbunden. Doch diese müssten nicht zwangsläufig im Wartezimmer abgesessen werden. „Wir können den Patienten ja ungefähr sagen, wann sie drankommen, sodass sie dann entsprechend später wiederkommen können.“

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Zu den offenen Sprechstunden kann grundsätzlich kommen, wer will. Ein Notfall etwa im Sinne einer allergischen Überreaktion muss nicht vorliegen. Wie diese Sprechstunden angenommen werden, ist im Augenblick nicht abzuschätzen. Und genau das macht die Planung für Bernhard Hildebrandt so schwierig. „Ich weiß nicht, was an diesen Tagen passieren wird“, sagt er. „Wenn keiner kommt, haben wir Leerläufe und verärgern all diejenigen, die mitunter monatelang auf einen Termin warten.“ Mit dem neuen Gesetz habe er das Gefühl, seine Zeit nicht mehr durchgehend optimal einteilen zu können. Das sei aber notwendig, denn die Nachfrage sei „gigantisch“, und zwar nicht nur in seiner Praxis, sondern bei allen Hautärzten in der Region.

Dr. Bernhard Hildebrandt

Dass so viele Menschen zum Hautarzt gehen, begründet Hildebrandt mit einem deutlichen Anstieg der Hautkrebserkrankungen. Operierte er vor 15 Jahren noch etwa 15 Erkrankte pro Woche, seien es heute doppelt so viele. „Das sind die Leute, die sich in den 60er und 70er Jahren in Italien ihre Sonnenbrände eingefahren haben und jetzt in ein Alter kommen, wo sie das büßen müssen, was sie damals falsch gemacht haben.“ Und das sei erst der Anfang der Welle, prognostiziert er. Er rechnet in den nächsten Jahren mit einer weiteren Zunahme von Hauskrebsfällen, denn die „Sonnensünden“ würden sich in der Regel erst 30 bis 40 Jahre später bemerkbar machen. Weil Hautkrebs – frühzeitig erkannt – aber heilbar sei, legt er seinen Patienten die gesetzlichen Vorsorgeuntersuchungen alle zwei Jahre ans Herz. Diesen Rat nehmen sie auch an – was die langen Wartezeiten beweisen.

Neuburg: Viele Hautärzte befürchten einen unkontrollierbaren Ansturm

Bernhard Hildebrandt ist einer von wenigen betroffenen Fachärzten in Neuburg, die offensiv die neuen offenen Sprechstunden bekannt machen. Wie eine Nachfrage der Neuburger Rundschau ergeben hat, haben sich viele der Ärzte noch keine konkreten Gedanken zu den offenen Sprechzeiten gemacht – oder sie möchten diese zumindest nicht an die große Glocke hängen, weil sie einen unkontrollierbaren Ansturm befürchten. Auch Hautarzt Hildebrandt ist kein Fan des neuen Gesetzes – obwohl Behandlungen während der offenen Sprechstunde höher vergütet werden. Denn das Problem, das damit behoben werden soll, haben seiner Aussage nach andere verursacht.

Die Behandlung von Kassenpatienten ist für Ärzte nämlich nur bis zu einem bestimmten Punkt lukrativ. Der errechnet sich aus dem Durchschnitt aller gesetzlich Versicherten, die in Bayern von Fachärzten behandelt werden. Wer über diese Zahl hinaus Kassenpatienten behandelt, erhält Abschläge. Das geht so weit, sagt Hildebrandt, bis am Ende nur noch die Hälfte der Leistungen bezahlt wird. Nun gibt es Facharztpraxen, insbesondere in den Großstädten, die unterdurchschnittlich wenige Kassenpatienten behandeln und sich stattdessen lieber auf Privatleistungen konzentrieren – in Hautarztpraxen sind das etwa Botox- und Laserbehandlungen, die der Patient selbst bezahlen muss. Das hat zur Folge, dass diese Praxen den bayernweiten Kassenpatienten-Schnitt nach unten ziehen und dafür sorgen, dass Ärzte in den ländlichen Regionen, die naturgemäß viele Kassenpatienten behandeln, für immer weniger Patienten den vollen Honorarsatz erhalten.

Durch die offenen Sprechstunden sollen deshalb vor allem Praxen mit bislang wenigen Kassenpatienten dazu gezwungen werden, wieder mehr gesetzlich Versicherte zu behandeln, um den Durchschnittswert nach oben zu schrauben. Mitmachen müssen aber alle Fachärzte – und das ärgert Hildebrandt. „Diejenigen, die schon immer viele Kassenpatienten hatten – so wie wir –, werden jetzt zusätzlich bestraft, indem in ihre Praxisorganisation eingegriffen wird.“

Diese Fachärzte müssen offene Sprechstunden anbieten:

  • Augenärzte
  • Chirurgen
  • Gynäkologen
  • HNO-Ärzte
  • Hautärzte
  • Kinder- und Jugendpsychiater
  • Nervenärzte
  • Neurologen
  • Neurochirurgen
  • Orthopäden
  • Psychiater
  • Urologen
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