Wirtschaft

18.05.2019

Unbequeme Wahrheiten

Ob die deutsche Autoindustrie erfolgreich bleibt, entscheide sich innerhalb der nächsten zehn Jahre, sagte IG Metall-Chef Jörg Hofmann.
Bild: Thomas Balbierer

Die deutsche Autoindustrie steht vor einer „Zeitenwende“, sagt IG Metall-Chef Jörg Hofmann. In Ingolstadt sprach er darüber, was der Umbruch bedeutet

Als die Delegiertenversammlung der Ingolstädter IG Metall am Donnerstag schon fast vorbei ist, entwirft Jörg Hofmann plötzlich ein düsteres Szenario für die Zukunft der deutschen Autoindustrie. Man stelle sich vor, sagt der Vorsitzende der größten deutschen Gewerkschaft, dass Elektroautos aus China sowie Software aus den USA die Zukunft der Mobilität bestimmten. Die Autonation Deutschland - zerquetscht zwischen zwei mächtigen Blöcken. Ein Szenario, das nicht nur in Ingolstadt viele Arbeitsplätze kosten würde. Hofmann sagt: „Es stehen zehn entscheidende Jahre vor uns.“ Es gehe nun darum, ob die Mobilitätswende gelinge oder im „Fiasko“ ende, warnt der Gewerkschaftsboss. Hunderttausende Jobs hingen in der Luft. Er appelliert an Politik und Industrie, die Weichen für einen Umstieg auf die Elektromobilität zu stellen.

Hofmann ist nicht nach Ingolstadt gekommen, um den Delegierten am Audi-Standort Angst zu machen. Deutschland habe nach der Finanzkrise 2008 viele Jahre der Hochkonjunktur erlebt, sagt der Schwabe im Haus der Gewerkschaft. Nun stehe die Industrie vor einem „massiven Umbruch“. Dieser werde angetrieben durch globalen Handel, digitalisierte Produkte und Prozesse sowie durch neue Klima- und Umweltschutzgesetze. Letztere treffen Autohersteller wie Audi besonders. Ab 2030 muss der CO2 -Ausstoß bei Neuwagen in der EU um 37,5 Prozent sinken. Um die Grenzwerte einzuhalten, müssen die Autohersteller Alternativen zu Diesel- und Benzinmotoren entwickeln. Derzeit scheint sich das Elektroauto als Auto der Zukunft durchzusetzen. VW-Chef Herbert Diess richtet die Strategie seines Konzerns zum Beispiel ganz auf das E-Auto aus.

Auch Jörg Hofmann ist überzeugt, dass Politik und Wirtschaft die Elektromobilität nun vorantreiben müssten. „Das Thema Klimaschutz ist für uns nicht verhandelbar“, sagt er vor etwa 100 Gewerkschaftern. Um jedoch nicht in einer „Sackgasse“ zu landen, müsse das Elektroauto für Kunden attraktiver gemacht werden. Zum Beispiel müsse die Politik für ausreichend Ladestationen sorgen. Umweltfreundlich sei das Elektroauto aber nur, wenn der Gesetzgeber „Mobilitäts- und Energiewende zusammendenkt.“ Derzeit komme noch zu viel Strom aus fossilen Rohstoffen, kritisierte Hofmann.

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Einige Delegierte äußern die Sorge, dass die Festlegung auf das Elektroauto voreilig sei. Jörg Schlagbauer, Aufsichtsrat bei Audi, sagt: „Ich bin kein Feind der Elektromobilität. Aber ich bin auch kein Freund der Alternativlosigkeit.“ Er frage sich, ob es neben dem Elektroauto noch einen Plan B gebe. Hofmann: „Der Zug ist abgefahren. Macht alles, damit Plan A funktioniert.“ Sonst drohe der Verlust von Arbeitsplätzen.

Die „Zeitenwende“, vor der die Branche steht, werde nicht ohne „blaue Flecken“ geschehen, sagt der IG Metall-Chef. Am stärksten werde der Wandel nicht die großen Hersteller, sondern die Zulieferer für den Verbrennungsmotor treffen. Durch den Umstieg auf E-Autos könnten sie zwischen 20 und 30 Prozent ihrer Aufträge verlieren. „Der Kuchen wird kleiner“, sagte Hofmann. 60 Prozent der Betriebe hätten noch keine Strategie, mit dem Wandel umzugehen.

Als Gewerkschaftsvorsitzender ist es die Aufgabe des 63-Jährigen, Antworten zu finden. In Ingolstadt bekräftigt er seine Forderung nach einem sogenannten „Transformations-Kurzarbeitergeld“. Es soll vom Strukturwandel bedrohten Beschäftigten helfen, sich weiterzubilden und gleichzeitig verhindern, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter einfach entlassen. Bezahlen soll das die Bundesagentur für Arbeit. Weit über hunderttausend Beschäftigte würden in zehn Jahren „nicht mehr die Arbeit machen, die sie heute machen“, sagt Hofmann voraus. Dass Arbeitgeber die Idee derzeit ablehnen, sei „dumm, blöd und daneben“, ärgert er sich. Technischer Fortschritt müsse mit sozialem Fortschritt einhergehen, so Hofmann. Deshalb fordert er auch, die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld I zu verlängern. Außerdem sieht er die Unternehmen in der Pflicht, den Umbruch nicht gegen ihre Belegschaften auszuspielen. Alterssicherung und Kündigungsschutz sind aus seiner Sicht nicht verhandelbar.

Glaubt man dem IG Metall-Chef, kommen Veränderungen nicht nur auf die Belegschaften zu. Auch die Kunden werden sich anpassen. Weil die Batterien der Elektroautos sehr teuer sind, werde man in Zukunft kein Auto mehr kaufen, so Hofmann, sondern leasen. Mal sehen, was die Zukunft bringt.

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