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Alerheim

20.02.2021

111 Kilogramm Kampfmittel aus der Wörnitz bei Alerheim geborgen

Kontrollierte Sprengung vor Ort: War der Transport von Kampfmitteln zu gefährlich, musste direkt an der Wörnitz entschärft werden.
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Kontrollierte Sprengung vor Ort: War der Transport von Kampfmitteln zu gefährlich, musste direkt an der Wörnitz entschärft werden.
Bild: Bernhard von Roda, Wasserwirtschaftamt

Plus Seit September 2020 suchten Experten bei Alerheim nach gefährlichen Rückständen aus dem Zweiten Weltkrieg. Ein Abschnitt, der sonst von der Bevölkerung als Badeplatz genutzt wird, erwies sich als besonders belastete Minengrube.

„Lebensgefahr! Betreten verboten.“ Auf dem Feldweg von Alerheim nach Rudelstetten erwartete den Spaziergänger über lange Zeit ein Schild mit dieser Aufschrift. Eine Absperrung verhindert das Durchkommen zur Brücke bei der Wennenmühle über die Wörnitz. Der Grund für die Gefahr: ein Minenfund Mitte August 2020. Dieser versetzte die gesamte Gemeinde in Aufruhr. Seit dem zufälligen Fund einer Schrapnellmine am Ufer des Flusses war der Bereich an der Wörnitz auf unbestimmte Zeit gesperrt. Seit Mitte Januar ist die sogenannte Kampfmittelräumung nun erfolgreich abgeschlossen.

Bootsfahrer finden eine Schützenmine an Wörnitz-Brücke

Die Aufregung in Alerheim begann am Sonntag, 9. August 2020, als ein Bootsfahrer während eines Ausfluges auf der Wörnitz eine Schützenmine aus dem Zweiten Weltkrieg fand. Nach dem Fund sperrte die Polizei den Bereich an der Brücke rings um die Mine weiträumig ab. Daraufhin rückte der Kampfmittelräumdienst an, um den Fund, der sich als Schrapnellmine herausstellte, zu sprengen. Da nicht ausgeschlossen werden konnte, dass sich noch weitere Kampfmittel in der Wörnitz bei Alerheim befanden, wurde das Grundstück von der Gemeinde mit Bauzäunen abgesperrt, um einen unkontrollierten Zugang zum Gewässer zu verhindern. Bürgermeister Christoph Schmid recherchierte, dass im Bereich des Fundorts der Mine vor 75 Jahren noch keine Brücke, sondern eine Furt existierte, die eine Überquerung der Wörnitz mit Panzern und ähnlichen Fahrzeugen ermöglichte. Bei der Befragung von Experten erfuhr Schmid, dass es im Bereich des Möglichen sei, dass die aufgefundene Mine Teil einer bewusst gelegten Minenkette war. Weshalb es nicht unwahrscheinlich wäre, weitere Kampfmittel in der Wörnitz zu finden. „Die Stelle, an der die Mine gefunden wurde, war jahrzehntelang ein beliebter Badeplatz für uns Alerheimer“, sagt Schmid. Deshalb sei er froh, dass sich bislang noch kein Unglück ereignete.

Nach Absprache mit Bernhard von Roda, dem verantwortlichen Leiter des Wasserwirtschaftsamts Donauwörth, entschied die Gemeinde, aufgrund der hohen Gefahr ein Fachbüro für die Kampfmittelräumung zu beauftragen. Seit Mitte August 2020 war der Feuerwerker Yavuz Burcu vom Bombenräumkommando mit seinem Team im Einsatz. Nur ausgewählte Personen, die sich zuvor bei Burcu anmelden mussten, hatten Zutritt zu dem abgesperrten Gelände.

Bombenräumkommando sucht Ufer der Wörnitz ab

Der Bereich, in dem nach weiteren Funden gesucht wurde, war auf 50 Meter flussauf- und flussabwärts vom ersten Fundort festgelegt. „Wir müssen immer vom Worst Case, also vom schlimmstmöglichen Fall ausgehen“, sagt Burcu. Deshalb gehe das Bombenräumkommando bei der Suche nach Kampfmitteln mit feinsten Messinstrumenten vor. Zu Beginn wurde das Ufer der Wörnitz untersucht. Für genaue Messangaben musste dafür zunächst der dichte Bewuchs an Land abgetragen werden. Dann konnte die Suchaktion starten. Sobald das Instrument etwas Auffälliges erkannte, wurde mit einem Spaten 20 bis 30 Zentimeter tief gegraben. Nach einer Identifizierung des Kampfmittels holte das Team den Fund aus dem Loch, erklärt Burcu. War die Mine nicht transportfähig, musste diese vor Ort gesprengt werden, wie es beim Fund Anfang August der Fall gewesen sei.

Sobald die Untersuchungsarbeiten am Ufer abgeschlossen waren, konnte im September 2020 mit den Taucharbeiten begonnen werden. Jens Conrad von der Kampfmittelräumung Fuchs war Tauch-Einsatzleiter. Das Team bestand aus vier Personen: zwei Tauchern, einem Tauchhelfer und einer Person für die Signale. In der Wörnitz bei Alerheim musste systematisch vorgegangen werden, da die Taucher so gut wie keine Sicht in dem trüben Gewässer hatten, sagt Conrad. Für die Orientierung unter Wasser wurde eine Laufleine ausgelegt. War der Fund gesichert, brachte der Fachmann die Mine ans Ufer, wo über den weiteren Fortgang entschieden wurde. „Es stehen uns ungefähr noch 3000 Quadratmeter, die wir untersuchen müssen, bevor“, sagte Conrad im September 2020.

Hundert Kilogramm Schrott finden die Taucher

Dass diese 3000 Quadratmeter das Team nochmals rund vier Monate kosten würden, war damals noch nicht abzusehen. Die Abfluss- und Wasserstände sowie die Sichtverhältnisse in der Wörnitz erschwerten die Arbeit der Kampfmitteltaucher und machten die Arbeit temporär sogar unmöglich, weshalb sich die Untersuchungen bis in den Januar 2021 zogen. Zudem stellte die unerwartete Tiefe von sechs Metern im Brückenbereich das Bombenräumkommando vor neue Herausforderungen. Ein weiterer Faktor, der die Sondierung stark verzögerte, war das Bergen von Zivilschrott. Mehrere hundert Kilogramm Schrott, darunter landwirtschaftliches Werkzeug, Fahrzeugteile, ein Ölfass sowie viele kleine Gegenstände, mussten mühsam geborgen und entsorgt werden, teilt das Wasserwirtschaftsamt Donauwörth mit.

Doch abgesehen vom Zivilschrott, der eigentlich nicht in das Gewässer gehört, wurde die vermeintliche Gefahr des jahrzehntelangen Badeortes für den Menschen richtig eingeschätzt. Insgesamt fand das Team rund 111 Kilogramm Kampfmittel in der Wörnitz. Eine Mine, verschiedene Granaten sowie Munitions- und Waffenteile konnten im Gewässer sichergestellt und geborgen werden. Dabei war mehrmals der Einsatz eines Sprengtrupps erforderlich, da aufgrund des hohen Risikos im Zusammenhang mit der Bergung der Kampfmittel auch Sprengungen am Fundort notwendig waren.

Wasserwirtschaftsamt Donauwörth: Kosten betragen rund eine Million Euro

Die Kosten für die aufwendige und unter erheblichen Sicherheitsvorkehrungen durchgeführte Maßnahme zur Kampfmittelräumung betragen rund eine Million Euro, rechnet das Wasserwirtschaftsamt vor. Dieser Kostenaufwand und die Dauer der Maßnahme seien nicht als grundsätzlicher Standard für Kampfmittelfunde zu sehen. Aufgrund der Nachforschungen zu Beginn der Untersuchung wurde die große Gefahr für Leib und Leben, die in der Wörnitz schlummerte, aber richtig erkannt und konnte – bevor etwas Schlimmes passierte – beseitigt werden, so die Experten. Das Wasserwirtschaftsamt weist an dieser Stelle nochmals darauf hin, dass bei einem Verdacht auf einen Kampfmittelfund auf keinen Fall versucht werden soll, den Fund zu bewegen und damit sein Leben zu riskieren. In den nächsten Wochen startet die Rekultivierung des Ufergeländes durch den verantwortlichen Flussmeister, um wieder einen möglichst naturnahen Zustand herzustellen. Es soll wieder Ruhe einkehren an dem idyllischen Badeplatz in der Wörnitz, der sich zwischenzeitlich als Minengrube des Zweiten Weltkriegs entpuppte.

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