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Klösterle

08.11.2019

Autismus-Drama "Rain Man" im Klösterle in Nördlingen

Der windige Autohändler Charlie Babitt (Bernhard Schnepf, Zweiter von links) hat seinen autistischen Bruder Raymond (Andreas Peteratzinger, links) entführt und wimmelt am Telefon dessen Betreuer (Andreas Gräbe, rechts) ab. Der Flughafenpolizist (Markus Wilhelm) beäugt das flüchtende Duo kritisch.
Bild: Dieter Mack

Das Landestheater Dinkelsbühl präsentiert eine gelungene Bühnenadaption des Autismus-Dramas „Rain Man“. Unser Autor meint: kurzweilig und unterhaltsam.

Lange ist es her, dass die Tragikomödie „Rain Man“ aus dem Jahr 1988 vier „Oscars“ abräumte und monatelang die Kinosäle füllte. Weil das kongeniale Schauspieler-Duo Dustin Hoffman und Tom Cruise seinerzeit Filmgeschichte schrieb, bedarf es schon einer gehörigen Portion Mut, um sich – wie das Landestheater Dinkelsbühl – an eine Bühnenversion des Klassikers zu wagen. Dieser Mut wurde belohnt, denn die rund 300 Besucher im Nördlinger Stadtsaal Klösterle zeigten sich begeistert von der gelungenen Aufführung.

Erzählt wird die Geschichte des windigen Autohändlers Charlie Babitt (Bernhard Schnepf), der mit fragwürdigen Methoden teure Nobelkarossen verhökert. Ausgerechnet als sein Laden kurz vor der Pleite steht, stirbt sein ungeliebter Vater, weshalb Charlie mit einer üppigen Erbschaft rechnet. Doch als er mit seiner Verlobten Susan (einfühlsam: Laura Mahrla) zur Beerdigung reist, erfährt er, dass er nur einen Oldtimer erben soll. Das Sieben-Millionen-Dollar-Vermögen soll dagegen sein autistischer Bruder Raymond (Andreas Peteratzinger) erhalten, der in einer Klinik lebt und von dessen Existenz Charlie bislang nichts wusste. Kurzerhand entführt er Raymond, wobei ihm jedes Mittel recht scheint, um an das Geld zu kommen („bis ich das habe, was ich verdient habe“).

Rain Man im Klösterle in Nördlingen

Der nun folgende Road-Trip des ungleichen Duos quer durch Amerika gewährt dem Zuschauer einen Einblick in die Gefühls- und Erlebenswelt eines Autisten. So ist Raymond einerseits mit außergewöhnlichen Fähigkeiten gesegnet und kann binnen einer Nacht ein halbes Telefonbuch auswendig lernen oder mit einem Blick 246 verstreute Zahnstocher zählen. Andererseits versetzt ihn „jede Abweichung von seinen Lebensroutinen in Angst und Schrecken“: Von den Fernsehserien („Richterin Judy“) bis zur Bettruhe („Licht aus um elf“), vom Essensplan („acht Fischstäbchen am Dienstag“) bis zum gebetsmühlenartig wiederholten Abbot und Costello-Sketch muss alles seine Ordnung haben. Langsam merkt Charlie, dass er mit seiner brachialen Art bei Raymond auf Granit beißt, gleichzeitig beginnt er Empathie für den Kranken zu entwickeln („ich bin wirklich froh, dass du mein Bruder bist“).

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Mit viel Gefühl für Tempo und Intensität hat Regisseur Peter Cahn den hochdekorierten Film für das Landestheater Dinkelsbühl auf die Bühne gebracht. Der Handlungsstrang orientiert sich eng an der Vorlage von Dan Gordon und dem Drehbuch von Ronald Bass und Barry Morrow. Die Szenenwechsel werden flüssig mit den passenden Bildhintergründen realisiert (Bühne: Jürgen Zinner), während stimmige Songs das Geschehen unterlegen („On The Road Again“, „California Dreamin’“).

Leistung der Hauptdarsteller ist hervorzuheben

Auf der schauspielerischen Seite sind besonders die beiden Hauptdarsteller hervorzuheben. Bernhard Schnepf zeichnet glaubwürdig den inneren Wandel des arroganten, selbstverliebten und häufig cholerischen Charlie nach: Am Ende taucht dieser tief in seine Erinnerungen ein und baut, wie beim anrührenden Lied „Somewhere Over The Rainbow“, eine persönliche Beziehung zu Raymond auf. Mit Bravour meistert Andreas Peteratzinger die äußerst anspruchsvolle Rolle des Autisten Raymond. Dessen Stereotype („definitiv“) sowie die auffällige Körpersprache, die manische Flugangst und die Panikattacken bei Berührungen erregen beim Zuschauer zunächst eine Mischung aus Befremden und Mitleid. Andererseits sorgen die regelmäßig eingestreuten komischen Szenen – wie die akribisch geführte „Liste ernsthafter Vergehen“ oder die vom Bruder übernommenen Floskeln („Iris, die letzte der tanzenden Nutten“) – dafür, dass das Stück nicht in Schwermut ertrinkt.

Mit „Rain Man“ hat das regelmäßig in Nördlingen gastierende Landestheater Dinkelsbühl das beste Stück seit Jahren vorgestellt. Trotz gefährlicher Fallhöhe und des nicht unproblematischen Stoffes gelingt eine kurzweilige und unterhaltsame Inszenierung, wobei die Regie eine stimmige Balance zwischen tragischen und komödiantischen Elementen findet. Dies kommt auch beim Publikum im Klösterle bestens an, am Schluss wird das fünfköpfige Ensemble rund um die zwei großartigen Hauptakteure mit ausgiebigem Applaus verabschiedet.

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