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Geschichte

01.03.2012

Das Leben der Wanderhure aus alten Akten rekonstruiert

Nördlingens Stadtarchivar Dr. Wilfried Sponsel mit einem Schriftstück aus der Wanderhuren-Akte.
Bild: hum

Die Dokumentation zu einem Spielfilm entstand in Nördlingen. Das Stadtarchiv begeisterte die Fernsehleute

Nördlingen Ein Fernseh-Ereignis dieser Woche war der Spielfilm im Privatsender Sat 1 „Die Rache der Wanderhure“ mit Alexandra Neldel. Direkt im Anschluss brachte der Sender eine Dokumentation über das reale Leben der Wanderhuren im Mittelalter. Dabei standen Akten aus dem Nördlinger Stadtarchiv im Mittelpunkt. Sie dokumentieren das Schicksal der aus Eichstätt stammenden Wanderhure Els von Eystett. Sie war im damaligen Nördlinger Frauenhaus (im Mittelalter die Bezeichnung für ein Bordell) in der Frauengasse als Prostituierte zugange.

Stadtarchivar Dr. Wilfried Sponsel hatte im Vorfeld einige Gespräche mit Mitgliedern des Produktionsteams, in denen er ihnen die schwer lesbaren Akten wie Frauenhaus-Verordnungen, Pachtverträge, Bewerbungs-Anschreiben der Prostituierten oder Prozessakten erläuterte sowie Fachliteratur an die Hand gab. Diese Informationen waren so ergiebig, dass daraus Konzept und Drehbuch erarbeitet werden konnten. Dr. Sponsel vermittelte auch dem schottischen Wissenschaftler Jamie Page, der intensiv in der Materie steckt, weil er unter anderem in Nördlingen über das Thema der Prostitution im Mittelalter für eine Arbeit an der St.-Andrews-Universität in Edinburgh recherchierte. So war Page denn auch effektvoll im Halblicht der Nördlinger Archivräume zu sehen und erläuterte die Materie neben weiteren Wissenschaftlern, die an anderen Orten gefilmt wurden.

Auf Basis der Akten, vor allem den Unterlagen eines Prozesses, weil die Frauenhaus-Wirtin Els einen Abtreibungs-Trank verabreicht hatte, produzierte das Team Spielszenen, die realitätsnah Alltag und Probleme der Prostituierten zeigten: Mit systematischer Verschuldung für Kleidung, Kost, Logis, Hygienemittel und Verhütungstränke wurden die Prostituierten in Abhängigkeit gehalten. Misshandlung und Betrug durch die Wirtsleute wurden ebenso ins Bild gesetzt wie die Wertschätzung der Frauen beispielsweise als „Glücksbringerinnen“ bei Hochzeiten. Hier erhielten sie regelrechte Ablöse-Geschenke, weil sie wohl den Bräutigam als Kunden verloren hatten.

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Da das „echte“ Nördlinger Frauenhaus 1988 abgerissen wurde, drehte das Team die historischen Aufnahmen großteils im Freilichtmuseum Bad Windsheim. Die Aufnahmen von Jamie Page im Stadtarchiv im Herbst letzten Jahres hat Archivar Dr. Sponsel als sehr effektiv in Erinnerung: „Das vierköpfige Team stattete einen der Archivräume regelrecht als Studio aus, was aber zügig vonstatten ging.“ An einem Tag waren die Dreharbeiten abgeschlossen – im Film sieht man Page als Kommentator vor einem prächtigen Archiv-Schrank, immer wieder Großaufnahmen der jahrhundertealten Schriftstücke sowie ein Bild des Stadtarchivs, dem Hallgebäude am Weinmarkt, in Abendstimmung vor dramatischem Wolkenhimmel.

Die TV-Dokumentation fußte auf soliden Informationen. „Von der Aktenlage zu diesem Thema und zum Mittelalter allgemein spielt Nördlingen in vorderster Reihe“, sagt Archivar Dr. Sponsel dazu nicht ohne Stolz. „Unser historisches Bewusstsein fördert die Bewahrung, Kriegs- und andere Katastrophen blieben dem Archiv ebenso erspart wie jegliche Fehlentscheidung, altes Material zu vernichten.“

Christoph Steinkamp, der verantwortliche Sender-Redakteur, zeigte sich begeistert von der europaweit einzigartigen umfassenden Dokumentation eines Schicksals, wie es über Els von Eystett hier zu finden ist. Überdies habe sich Dr. Sponsel durch eine außergewöhnliche Offenheit, Zugänglichkeit und hoch motivierte Zusammenarbeit ausgezeichnet.

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