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Zwölf Stämme

11.09.2013

Die Sekte steht zu den Schlägen: "Akt der Erziehung"

Im Fenster der Räume an der Reimlinger Straße, die von den Zwölf Stämmen früher bewirtschaftet wurden, haben die Sektenmitglieder eine lange Erklärung öffentlich gemacht. Dieses und weitere Fenster wurde von Unbekannten mit einer rotbraunen klebrigen Substanz, möglicherweise Ketchup, beschmiert.
Bild: Robert Milde

 Nach Fernsehaufnahmen geschlagener Kinder bei den "Zwölf Stämmen" musste die Polizei aufgebrachte Bürger vom Klostergut verweisen. Die Sekte steht zu den Schlägen.

In der Nacht auf Dienstag wurden im Fernsehen Aufnahmen eines Undercover-Reporters vom Privatsender RTL ausgestrahlt, die Bilder von geschlagenen Kindern der Sekte „Zwölf Stämme“ zeigten. Im Gespräch mit den Rieser Nachrichten gestern vor Ort zeigten Sprecher der Sekte kein Unrechtsbewusstsein, ganz im Gegenteil: „Die Maßnahmen der Behörden richten sich nicht nur gegen uns, sondern gegen Millionen von Christen“, argumentierte einer von ihnen. Die Bibel würde klar verlangen, Kinder streng zu züchtigen, wenn man sie liebe. Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme"

"Zwölf Stämme" bringen Bürger gegen sich auf

Die Rieser Nachrichten konfrontierten die Männer mit den bestehenden Gesetzen, die das Schlagen von Kindern verbieten, worauf ein anderer erklärte, dies zeige, dass die staatlichen Gesetze nicht mit der Bibel in Einklang stünden. „Die Polizisten, die hier waren, als unsere Kinder geholt wurden, hatten wesentlich größere Stöcke dabei. Damit will der Staat den Bürgern seinen Willen aufzwingen – was will man uns vorwerfen?“

Juristische Einzelheiten wollte man ohnehin nicht diskutieren, da sich derzeit ein oder mehrere Anwälte im Auftrag der Zwölf Stämme mit dem bevorstehenden Verfahren befassen. „Wir sind zuversichtlich, dass wir unsere Kinder bald zurück bekommen“, hatte einer der Sprecher bereits am Tag des Polizeieinsatzes gegenüber unserer Zeitung geäußert.

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"Zwölf Stämme" stehen zu den Schlägen

Den Wahrheitsgehalt der TV-Bilder stellen die Sektenmitglieder nicht infrage; es käme darauf an, wie man die Bilder interpretiere: „Das sind Züchtigungen entsprechend unserer Erziehungsmethoden, keine Misshandlungen“, so einer der Sprecher. Gerade die festgestellte emotionslose Systematik führt er als Akt der Erziehung an; wütendes Verdreschen wäre Misshandlung. Die Kinder seien physisch wie psychisch immer wohlauf gewesen, beharrt der Mann: „Man muss die juristische und die medizinische Seite klar trennen.“

Zur juristischen Gewichtung der Filmaufnahmen befragte unsere Zeitung Helmut Beyschlag, Direktor am Amtsgericht Nördlingen und damit auch öffentlicher Sprecher des Gerichtes. Entscheider sei er deswegen in dieser Angelegenheit aber nicht, betont Beyschlag, das seien die beiden Familienrichterinnen am Amtsgericht. Für die sei allerdings der TV-Beitrag Anlass gewesen, die Untersuchungen erneut zu intensivieren.

Die Aufnahmen an sich hätten nicht mehr Gewicht als die Aussagen zuverlässiger Zeugen, doch die Informationen im Film hätten beigetragen, das Aussagengerüst so weit zu verdichten, dass man handeln konnte. Bisher seien die Aussagen teilweise für sich im Raum gestanden, es habe Aussage gegen Aussage gestanden und die Fakten seien teilweise nicht ausreichend konkretisiert gewesen. Letzteres war denn auch das Problem der Staatsanwaltschaft: „Bei einer Strafanzeige wegen Körperverletzung muss genau belegt werden, wann, wo, was, wem zugefügt wurde“, so Beyschlag. Das sei bei aller Glaubwürdigkeit der Zeugen nicht möglich und ein Grund für die Staatsanwaltschaft gewesen, das Verfahren einzustellen.

Zwölf Stämme Polizeiaktion
25 Bilder
Polizeieinsatz bei den "Zwölf Stämmen"
Bild: Dieter Mack

Fernsehbeitrag zieht neue Ermittlungen nach sich

„Im Familienrecht sieht es etwas anders aus“, erläutert Richter Beyschlag. Hier sei eine zwingende Täterzuordnung nicht vonnöten, wohl aber die Überzeugung, dass eine Gefährdung des Kindeswohls mit hoher Wahrscheinlichkeit aktuell stattfindet. Der Film stehe am Anfang der erneuten Ermittlungen; auf die Aufnahmen hin habe man sechs bisherige Zeugen erneut vernommen. Die Vernehmungen hatten eine andere Qualität als zuvor, weil sie viel stärker in Bezug zueinander gesetzt werden konnten, zum Beispiel, was die lokalisierten Bestrafungszimmer betrifft.

Schließlich gelangte das Familiengericht an den Punkt, wo die „staatliche Öffentlichkeit nicht mehr zuschauen kann“, wie es Helmut Beyschlag formuliert. Die Behörden handelten.

Die Polizei hat 28 Mädchen und Jungen aus der umstrittenen Sekte "12 Stämme" mitgenommen. Das Amtsgericht Nördlingen hatte vorläufig das Sorgerecht wegen Hinweisen auf Kindesmissbrauch entzogen. Etwa 100 Beamte waren im Einsatz

Polizei ruft Bürger zu Besonnenheit auf

Gestern meldete die Polizei einen Zwischenfall, der sich nach dem Fernsehbeitrag vom Montagabend in Klosterzimmern abgespielt hat. Mehrere Personen seien nachts in ihren Autos mit quietschenden Reifen und hupend vor dem Gutshof, auf dem die Zwölf Stämme leben, hin und her gefahren. Die Polizei hat einen Platzverweis ausgesprochen und ruft zur Besonnenheit auf. Strafbare Handlungen würden konsequent verfolgt.

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