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RN-Serie (5)

29.08.2020

Die unbekannten Männer auf dem Kanzelkorb in der Nördlinger Sankt Georgskirche

Der Kanzelkorb der St. Georgskirche.
Bild: Martin Reuter

Im letzten Beitrag zur Aktion „Kinder, Kunst und Kirche“ geht es um die Kanzel der St. Georgskirche. Sie ist erst 72 Jahre nach Baubeginn in das Gotteshaus gekommen.

Die Stadt Nördlingen im Jahr 1499. Erst in diesem Jahr kommt die Kanzel in die St. Georgskirche, 72 Jahre nach Baubeginn. Die Kirche ist beinahe fertig und seit 40 Jahren wird in ihr Gottesdienst gefeiert. Sicher sind alle Nördlinger gespannt, was sie zu sehen bekommen, als an diesem Sonntag der Pfarrer zum ersten Mal von der Kanzel aus predigt. Jeder hat Muße, das Kunstwerk zu betrachten, denn eine Predigt kann damals zwei Stunden dauern. Wer seinen Hocker nicht mitbringt, steht die ganze Zeit.

Auf die Kanzel kam der Prediger über die leicht geschwungene Treppe mit einem schönen gotischen Maßwerkgeländer. Die Treppe und das Geländer sind wie die ganze Kirche aus dem Nördlinger Stein, aus Suevit. Der Kanzelkorb ist aus feinkörnigem Rothenburger Sandstein. Ein Augsburger Bildhauer hat ihn gestaltet und in vier Felder gegliedert. Jedes der Felder zeigt die Studierstube eines Gelehrten. Zwischen den Stuben stehen unter zierlichen Baldachinen, wie an Säulen gelehnt, fünf Figuren, die die Nördlinger schon an anderen Stellen in der Kirche bestaunen, anbeten oder auch nur betrachten konnten.

Ganz rechts findet man den Heiligen Georg mit seinem Drachen und ganz links Maria Magdalena. Diese beiden sind die Patrone der Kirche; ihre Geschichte kannte damals jeder. In der Mitte, gehüllt in das Grabtuch, mit der Dornenkrone auf dem Haupt, steht Christus als Schmerzensmann. Mit der rechten Hand weist er auf die offene Wunde, die ihm die Lanze geschlagen hat und scheint den Zuhörern zu sagen: „Das habe ich für dich getan“. Unausgesprochen schwingt immer die Frage mit: „Was tust du für mich?“ Links neben ihm trauert Maria, seine Mutter, und rechts sein Lieblingsjünger Johannes. Diese kleinen Figuren sind den Nördlingern vom Hochaltar her vertraut.

Wer sind die Männer auf dem Kanzelkorb in der Nördlinger Sankt-Georgskirche?

Völlig unbekannt aber und spannend sind die vier Gelehrten. Ihre gotischen Stuben sind fast wie Kirchenräume gestaltet. Die Männer tragen die mittelalterliche Gelehrtentracht, sitzen an Schreib- und Lesepulten und jeder hält ein Buch auf dem Schoß oder hat eines auf dem Pult liegen. Wer sind diese Männer? Sind es bedeutende Nördlinger?

Neben oder hinter sich hat jeder einen Begleiter stehen. An diesem Begleiter erkennen wir die Männer, wie an einem Namensschild: Engel, Löwe, Stier und Adler sind im Mittelalter die Begleiter der vier Evangelisten.

Ein Engel legt seine Hand auf die Schulter von Matthäus und blickt mit ihm in das aufgeschlagene Buch. Der Löwe steht hinter dem Evangelisten Markus, der Stier hinter dem Evangelisten Lukas, und Johannes wird von einem Adler begleitet. Sie erscheinen eher wie zahme Haustiere, weniger als wilde, ungezähmte Natur. Jeder Begleiter, nicht nur der Engel, trägt Flügel. Dies zeigt, dass sie von Gott gesandt sind.

Alle diese Wesen, Menschen und Tiere, sind konzentriert auf die vielen Bücher, die in den Stuben stehen oder liegen, wie in einer Bibliothek. Lesen und Schreiben sind ihr Kerngeschäft. Die Blicke und die Körperhaltungen der vier Männer sind ausgerichtet auf die zentrale Mittelfigur des gefolterten Christus. Es ist ganz klar, dass der Bildhauer damit ausdrückt: „Ihr vier schreibt die Geschichte dieses heiligen Mannes auf; die habt ihr erlebt und die gebt ihr an die nachfolgenden Generationen weiter.“

Der Bildhauer setzt hier die Vorstellung des Nördlinger Stadtrats um mit der Botschaft an die Bürger: „Diese vier Männer haben Christus zu Lebzeiten gekannt, haben seine Geschichte erlebt und für euch aufgeschrieben. Ihr findet sie im Neuen Testament. Wer lesen kann, kann überprüfen, ob die Predigt zu dem passt, was geschrieben steht. Deswegen ist es wichtig, dass ihr lesen und schreiben könnt.“

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