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Nördlingen

21.11.2020

Drogenbestellung im Darknet, fast wie bei Amazon: Wie ist die Drogenlage im Ries?

Der Konsum von Marihuana hat laut dem Nördlinger Polizeichef Walter Beck in den vergangenen Jahren zugenommen. Im Ries gebe es viele Konsumenten.

Plus Ein junger Nördlinger erzählt vor Gericht, wie er im Darknet mehr als 500 Gramm Marihuana bestellt. Polizeichef Walter Beck sagt, die Zahl der Konsumenten im Ries sei groß.

Richter Gerhard Schamann fragt nach: „Ist es einfach so möglich, dass Sie im Darknet von Nördlingen aus 570 Gramm Marihuana aus Spanien bestellen können?“ Der Angeklagte bejaht: „Da kann man auf ein Forum gehen, wo Leute präsentieren, was sie verkaufen. Wenn man lange genug sucht, findet man jemanden, der etwas verkauft. Man schreibt den an, macht aus, wie viel, welcher Preis. Das Geld kann man per PayPal oder Bitcoins überweisen“, schildert der Angeklagte. Das sei fast wie bei Amazon. Der junge Mann stand unter anderem wegen dieser Bestellung vor Gericht, aber auch, weil er im April diesen Jahres Marihuana verkaufen wollte. Bei einer Polizeikontrolle fanden die Beamten bei ihm acht Gramm der Substanz und weitere 150 Gramm bei ihm zu Hause sowie 645 Euro Bargeld. Dazu Amphetamine, die aber wohl eher für den Eigengebrauch waren. Wie steht es um die Drogenlage im Ries?

Drogen sind nicht erst seit Kurzem ein Problem im Ries, wie Petra Bieneck-Ratzka, Teamleitung der Suchtfachambulanz Nördlingen, erzählt: „Im Nördlinger Großraum gab es schon immer eine aktive Drogenszene.“ Seit 1984 gebe es die Außenstelle der Beratung in Nördlingen, drei Jahre zuvor startete die Beratungsstelle in Donauwörth.

Drogen: In Nördlingen sei schon immer viel los gewesen, sagt Bieneck-Ratzka

Aber in Nördlingen „war schon immer viel los, das haben mir früher schon die Kollegen berichtet“, sagt Bieneck-Ratzka. An die Anlaufstelle können sich Menschen wenden, die Probleme mit Drogen haben, aber auch Angehörige. Sie alle können sich beraten lassen, die Mitarbeiter versuchen Lösungen zu erarbeiten, Problemen auf den Grund zu gehen.

Der Landkreis sei zwar ländlich strukturiert, sagt Bieneck-Ratzka, illegale Drogen gebe es aber wie in anderen Städten: „Durch die Bestellungen im Internet ist es egal, ob das Berlin, Hamburg oder ein Ortsteil von Nördlingen ist, es wird zugeschickt.“ So wie bei dem Angeklagten im Sitzungssaal E 109 im Nördlinger Amtsgericht.

Der Mann vor Gericht erzählt, wie er Drogen im Darknet bestellte

Das Paket aus Spanien kam nie in Nördlingen an. Der Zoll fing es ab, darin mehrere abgepackte Beutel Marihuana. Schon wegen mehrerer kleinerer Verstöße im Zusammenhang mit Betäubungsmitteln war der 21-Jährige in der Vergangenheit vor Gericht, eine Geldstrafe aus dem vergangenen Jahr ist noch nicht abbezahlt. Schamann macht zu Beginn der Verhandlung klar deutlich: Ohne ein umfassendes Geständnis gebe es keine Chance auf eine Jugendstrafe mit Bewährung. Gar keine.

Der junge Mann räumt die Taten ein, erzählt von Bestellungen im Darknet, einem Teil des Internets, der verschlüsselt und zunächst nicht ohne Hilfsmittel zugänglich ist. Vieles lässt sich dort anonym regeln. Das Darknet wird nicht nur für illegale Aktivitäten verwendet – aber eben auch. Richter Schamann will wissen, wie der Angeklagte denn sicherstelle, dass er keinem Betrug aufsitze? Der 21-Jährige erzählt sehr offen, dass man zunächst kleinere Mengen kaufe, um Vertrauen zu schaffen. Es gebe teils sogar eine Paketverfolgung.

Im Ries gebe es eine Vielzahl an Drogen, so der Nördlinger Polizeichef

Das Internet habe den Zugang zu illegalen Drogen stark verändert, wie Bieneck-Ratzka sagt. Für junge Menschen sei das sehr leicht, dafür müsse man nicht einmal technisch sehr versiert sein. Doch bei der Beratungsstelle sind das große Problem nicht die illegalen Drogen – rund die Hälfte der Fälle in Nördlingen drehen sich um Alkohol. Aber auch illegale Drogen wie Opioide, Heroin, Cannabis oder Amphetamine gebe es, vor allem der Konsum von Cannabis habe in den vergangenen Jahren stark zugenommen.

Der Nördlinger Polizeichef Walter Beck stellt fest, dass eine Vielfalt an Drogen in der Region vorhanden ist: „Ob Kokain, Heroin, Amphetamine, neue psychoaktive Stoffe wie Badesalze oder Cannabis: Alle Arten von Drogen werden auch im Ries gehandelt – Tendenz steigend.“ Immer häufiger halte die Polizei Menschen an, die unter Drogeneinfluss Auto fahren. In diesem Zusammenhang stellten die Beamten dann auch allgemeine Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz fest. In den vergangenen Jahren waren das jährlich zwischen 70 und 120 Verstöße, so der Polizeichef. Im Vorjahr seien die Verstöße von 111 auf 78 zurückgegangen, doch dabei müsse man beachten, dass dies auf Kontrollen beruhe: Weniger Kontrollen bedeuten weniger Verstöße.

In den ersten neun Monaten dieses Jahres habe die Polizei 57 Drogenfahrten festgestellt. Beck bezeichnet die Entwicklung als besorgniserregend. Mittlerweile hat die Polizei Nördlingen sogar eine eigene Streife, die sich auf die Kontrolle von Fahrten unter Drogeneinfluss spezialisiert hat, schildert Beck.

Die Wege der Drogen ins Ries sind vielfältig

Immer wieder finden die Beamten Rauschgift. Allein in den Monaten September und Oktober habe es im Ries 16 Durchsuchungsbeschlüsse gegeben, in den meisten Fällen hätten die Beamten den Handel mit Betäubungsmitteln nachweisen und auch Rauschgift sicherstellen können. Die Drogen kommen laut Beck vorwiegend aus Holland, Belgien und Tschechien, auch über die Zwischenstationen Augsburg und München ins Ries.

Doch auch die vermeintliche Anonymität im Internet habe einen festen Vertriebsweg in die Region etabliert. Eine wirkliche Drogenszene wie in München sieht er im Ries nicht. „Es gibt hier jetzt keinen Brennpunkt, aber mit Sicherheit viele Konsumenten“, so der Polizeichef. Einer von ihnen war bisher der junge Mann vor dem Gericht. Staatsanwalt Daniel Kulawig bezeichnet ihn als einen cleveren Mann mit viel Potenzial. Die Vorgeschichte und der aktuelle Fall machten eine Jugendstrafe nötig, doch das helfe vielleicht, dass er die Kurve noch kriege.

Der Angeklagte bekommt eine Bewährungsstrafe

Das Jugendschöffengericht verurteilt ihn zu einem Jahr und sechs Monaten Jugendstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt werden. Dazu kommt eine Geldstrafe von 1800 Euro. Er muss regelmäßig Kontakt zu seinem Bewährungshelfer halten und sich regelmäßig Drogenscreenings unterziehen. „Es ist für Sie ernst“, sagt Schamann. Bei einem Verstoß gegen die Bewährungsauflagen oder einem weiteren Vergehen müsse er in Jugendhaft.

Petra Bieneck-Ratzka von der Suchtfachambulanz betont, dass es immer einen Weg aus der Sucht gebe. Darauf hofft auch Richter Schamann und beendet die Verhandlung in Richtung des Angeklagten mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen viel Glück.“

Info: Die Außenstelle der Suchtfachambulanz in der Außenstelle Nördlingen berät bei Problemen mit Alkohol, illegalen Drogen etc. sowie Angehörige von Betroffenen. Weitere Informationen gibt es unter Telefon 09081/2907030 oder im Internet unter www.caritas-augsburg.de/suchtfachambulanz-noerdlingen.

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