Nördlingen

21.03.2017

Ein besonderes Kind

Joschi Greno ist drei Jahre alt und ein echter Sonnenschein. Er kam mit dem Down-Syndrom zur Welt.
Bild: Silvia Izsò

Joschi Greno kommt mit Down-Syndrom zur Welt. Seine Eltern müssen diese Nachricht erst verarbeiten. Mittlerweile ist der Knirps drei Jahre alt – und ein Sonnenschein für viele.

Wahres Glück kann man nicht kaufen. Nicht dieses einfache Glück, das einem an der Losbude einen riesigen Teddy verschafft. Nein, dieses Glück, das einen strahlen lässt, das einem das Herz erfüllt, das einen sprachlos macht. Treffen dieses Glück und die Liebe aufeinander, wird aus einem Paar eine Familie. Als Tina Greno mit 40 Jahren zum dritten Mal schwanger wird, sind es Wochen, ja Monate, die voll sind mit diesem warmen Glücksgefühl.

Wundervoll war diese Zeit, erinnert sich ihr Lebensgefährte Markus Herzel: „Wir haben doch noch auf Deinem Bauch Playmobil gespielt.“ Ja, der Arzt hatte da auf mögliche Probleme hingewiesen, er hatte weitere Untersuchungen empfohlen. Und ja, irgendwie hatte Tina Greno das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Doch sich deshalb das Glück nehmen lassen?

Dann kommt Joschi zur Welt, per Hausgeburt. Und dieses Neugeborene, das erkennt seine Mutter sofort, sieht anders aus als ihre beiden älteren Töchter Inga und Maike als Babys. Was mit ihrem neugeborenen Sohn nicht stimmt, realisiert Tina Greno sofort. Ihr Lebensgefährte nicht. Sechs Stunden später bekommt Joschi keine Luft mehr. Die Hebamme ruft die Kinderärztin, die den Kindernotarzt. Und in der Kinderklinik bekommt Tina Greno genau das gesagt, was sie eigentlich schon weiß. Dass Joschi mit dem Down-Syndrom geboren wurde.

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Markus Herzel: „Ich habe einfach nur noch geheult.“

Als erstes bricht Markus, der Zuhause geblieben ist, zusammen. „Ich habe mich in die Küche gesetzt und einfach nur noch geheult.“ Joschi ist sein erstes Kind, sein einziges, und es hat eine geistige Behinderung. Immer wieder, erinnert sich der Vater heute, sei ihm durch den Kopf gegangen, dass er mit seinem Sohn nicht angeln gehen könne. Dass Joschi möglicherweise keine Angelrute halten oder werfen könnte. Dass er nicht Vespa fahren wird.

Tina Greno dagegen funktioniert erst einmal, schließlich ist sie im Krankenhaus gefordert – obwohl Joschi Glück hat, im Gegensatz zu anderen Kindern mit Down-Syndrom keine Probleme mit dem Verdauungstrakt oder mit dem Herzen hat. Erst später fällt sie in ein Loch. Realisiert, dass ihr Sohn schwer behindert ist. Sieht die Bilder im Kopf, von anderen Menschen mit Down-Syndrom, von deren Eltern, von denen sie auch als Erwachsene noch abhängig sind. „Ich habe mich immer gefragt: Wo landet dieses Kind?“

Doch es ist auch Tina Greno, die sich vergleichsweise schnell wieder aus diesem Loch heraus kämpft. Sie findet den Weg zurück zur inneren Ausgeglichenheit, zum Frieden mit dieser Aufgabe für sich und ihre Familie. Die Buchhändlerin geht einen Weg, der angesichts ihres Berufs logisch erscheint: Sie liest Bücher über das Down-Syndrom, informiert sich, wie man Joschi bestmöglich fördern kann – und auch, wie viel er lernen kann.

Kind und Eltern lernen sehr viel 

Sie geht in Nördlingen offen mit dem Thema um. Wenn sie mit dem Kinderwagen unterwegs ist, und die Leute hineinschauen, wenn die Menschen fragen, wie es dem Baby gehe, sagt sie: „Gut. Aber er hat das Down-Syndrom.“ Nicht ein einziges Mal sei sie deshalb schräg oder gar bescheuert angesprochen worden, sagt sie: „Die Menschen haben immer gemerkt, dass Joschi für uns keine Belastung, sondern eine Bereicherung ist.“

Bald meldet sie ihn in einer Kinderkrippe an, damit Joschi sieht, wie andere Kinder krabbeln, damit er von ihnen lernen kann. Es funktioniert. Und nicht nur der Kleine lernt sehr viel, auch seine Eltern. Von anderen Mamas und Papas, die ebenfalls ein Kind haben, das das Down-Syndrom hat. Von den Erfahrungen mit ihrem Sohn, der es ihnen auf eine gewisse Art auch wieder leicht macht – weil er ein genügsames Baby ist, weil er bald durchschläft, weil er zufrieden mit sich selbst spielen kann und stets etwas Positives ausstrahlt. Manches Mal, erzählt Tina Greno, wenn sie mit Bekannten gesprochen habe, hätten die zu ihr gesagt: „Leg mal die Down-Syndrom-Brille ab.“ Nicht alles, was Joschi nicht kann oder nicht will, habe mit seiner Behinderung zu tun.

Mittlerweile ist der kleine Kerl drei Jahre alt und geht in den Kindergarten. Er spricht nicht wie manch andere Kinder in seinem Alter, die so viel plappern, dass selbst die geduldigste Mutter sich auf die Ruhe nach der Gute-Nacht-Geschichte freut. Normalerweise, sagt Tina Greno, sollte er jetzt etwa so viel können, wie ein eineinhalb Jahre altes Kind.

Joschi macht gerne mal einen unerlaubten Ausflug

Doch die Förderung, die Therapien, die Fahrten zur Logopädie zahlen sich aus. „Mittlerweile sind wir schon beim Zwei-Wort-Satz“, sagt der Papa ganz stolz. Bei manchen Worten brauche man allerdings Fantasie, um sie zu erkennen, meint Tina Greno und schmunzelt. Joschi ist ein offenes Kind, aber keines, das Fremde wild umarmt. Er hat meistens gute Laune, manchmal aber nicht.

So wie an diesem kalten Frühlingstag, der für den Kleinen erst so richtig toll wird, als seine Babysitterin vorbei kommt und sich ausführlich mit ihm beschäftigt. Er macht gerne mal einen unerlaubten Ausflug, alleine, das sei typisch für Kinder mit Down-Syndrom, sagt seine Mutter. Einmal war Joschi schon auf großer Tour mit seinem Bobbycar. „Deshalb ist es auch gut, wenn alle wissen, wo er hingehört“, meint Schwester Maike.

Doch die Zukunft wird wohl mehr bringen, als die Tatsache, dass Joschi bald selbstständig Türen zu seinen Ausflügen öffnen kann. Tina Greno und Markus Herzel setzen auf Förderung. Ihr Ziel ist es, dass Joschi eines Tages so selbstständig wie möglich sein kann. Dass er vielleicht auf eine Schule für Kinder mit besonderem Förderbedarf geht, eventuell eine Ausbildung macht, in einer Wohngruppe lebt, in einem Projekt wie dem Café Samocca arbeiten kann.

Ein lieber, strahlender, kleiner Kerl

„Wir kümmern uns doch um ihn“, sagt Schwester Maike sofort. Doch die Eltern wollen den beiden großen Geschwistern nicht alle Verantwortung aufbürden. „Vielleicht hast Du dann selbst mal eine Familie, um die Du Dich kümmern willst“, entgegnet Tina Greno.

Noch ist dieses Erwachsensein weit weg, noch ist Joschi einfach nur ein lieber, strahlender, kleiner Kerl. In seiner evangelischen Kindertagesstätte An der Deininger Mauer hat er ganz offensichtlich mit seinem Charme schon manches Herz erobert. Dort gibt es einmal in der Woche einen Stuhlkreis, bei dem alle Kinder sagen dürfen, was ihnen in den vergangenen Tagen besonders gut gefallen hat, erzählt Erzieherin Alexandra Aumann. Kürzlich meldete sich ein anderes Kind und sagte: „Es ist so schön, dass es den Joschi gibt.“ Ein Satz, hinter den seine Familie wohl noch mindestens ein Ausrufezeichen setzen würde.

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