Podiumsdiskussion

23.11.2017

Einfach Schwimmen

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Streitthema Hallenbad: In der Alten Schranne in Nördlingen diskutierten (von links) Rolf Bergdolt von der DLRG, Schwimmtrainer Harald Biller, Oberbürgermeister Hermann Faul, RN-Redaktionsleiterin Martina Bachmann, Landrat Stefan Rößle und der Fachbetreuer und Sportlehrer des Albrecht-Ernst-Gymnasiums in Oettingen.
Bild: Iszó

Viele Bürger im Ries brennen für das Streitthema Hallenbad. Über die Zukunft des Nördlinger Bades und des Almarins wurde viel diskutiert. 2018 sollen endlich Taten folgen.

Der Seepferdchen-Aufnäher prangt auf immer weniger Schwimmhosen und Badeanzügen in Bayern. Weil einige Kinder entweder nicht schwimmen können oder weil es kein Bad vor Ort gibt, in dem sie die Prüfung ablegen könnten. Dabei ist das Seepferdchen eines der ersten Auszeichnungen im Leben eines Kindes, über das es so richtig stolz sein kann.

Bei der Podiumsdiskussion unserer Zeitung am Mittwochabend stand das Thema Schwimmen im Mittelpunkt, genauer gesagt die Situation der Hallenbäder im Landkreis, vor allem aber im Ries, wo es nur noch eines gibt. Auf dem Podium diskutierten neben dem Fachbetreuer Sport des Albrecht-Ernst-Gymnasiums, Johannes Vogel, auch der Nördlinger Oberbürgermeister Hermann Faul, Landrat Stefan Rößle, der stellvertretende Vorsitzende der DLRG Schwaben, Rolf Bergdolt und der langjährige Schwimmtrainer des 1. SV Nördlingen Harald Biller.

Moderatorin Martina Bachmann, die Redaktionsleiterin der Rieser Nachrichten, stellte den 200 Zuhörern zu Beginn eine wichtige Frage: „Hand hoch: Wer von Ihnen hat das Seepferdchen?“ Die Armen schnellten in die Luft. In der Alten Schranne in Nördlingen bleibt kein Zweifel daran, dass der Sprung vom Beckenrand, 25 Meter schwimmen und einen Gegenstand mit dem Händen aus schultertiefem Wasser heraufholen bei den meisten klappt. Als Martina Bachmann dann aber den Sportlehrer des Oettinger Albrecht-Ernst-Gymnasiums fragte, wie viele seiner Schüler das Seepferdchen haben, musste er passen. „Das kann ich nicht beantworten. Wir sind nicht beim Schwimmen“, sagte der Fachbetreuer, denn in der Nähe gibt es nun mal kein Schwimmbad. Allerdings habe man mit einem Schwimmcamp eine Lösung gefunden (wir berichteten). Schüler verbringen einen Tag im weiter entfernten Nördlinger Freibad. Das sei zwar nur Schadensbegrenzung, aber eben besser als nichts. Die Erkenntnis eines solchen Tages ist dennoch bitter: Viele Schüler können Vogel zufolge nicht richtig schwimmen, gerade so den Kopf über Wasser halten. Nur: Mit richtigem Schwimmen habe das wenig zu tun.

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Mangelnder Schwimmunterricht im Ries ist ein Problem

Der mangelnde Schwimmunterricht im Ries ist das eine Problem. Schwimmtrainer Harald Biller schilderte am Mittwochabend noch weitere Schwierigkeiten, die beispielsweise den Wettkampfschwimmern begegnen. Weil es in Nördlingen gerade mal vier Bahnen gibt, seien die Wettkampftage sehr lang, bis zu zwölf Stunden. Sie wären noch viel länger, würden sie nicht irgendwann Abstriche bei den Teilnehmern machen. Sein Wunsch für Nördlingen wäre ein Bad mit fünf bis sechs Bahnen, zudem ein Lehrschwimmbecken und dann noch ein kleineres Becken, in dem das Säuglingsschwimmen stattfinden könnte.

Schwimmtrainer Harald Biller sagt: „Wir sind nicht arm im Donau-Ries-Kreis und auch nicht in Bayern. Man muss beim Thema Hallenbad nur mutig sein.“
Bild: Iszó

Oberbürgermeister Hermann Faul kennt diesen Wunsch und gab Biller „voll und ganz recht“. In der Vergangenheit habe man sich aber für den Bau der Wemdinger Unterführung entschieden und weitere Projekte höherer Priorität, die sehr viel Geld kosteten: Da wäre die Erweiterung der Mittelschule, die Spitalkirche, der Bahnhof. Faul sagte aber, er möchte das Thema Bad 2018 in die Haushalsplanungen mitaufnehmen. Ein Spaßbad sieht der OB dagegen nicht im Rahmen des Möglichen. In Neumarkt in der Oberpfalz, so erzählte Faul, habe die Stadt wegen enormer Gewerbesteuereinnahmen ein Spaßbad von etwa 50 Millionen Euro bauen können. Doch Nördlingen habe 8,6 Millionen Euro Schulden und eben „nichts auf der hohen Kante“. Und das hohe Defizit, dass durch die Betriebskosten verursacht werden würde, würde dann wieder an anderen Stellen in Nördlingen fehlen.

Faul, Landrat Stefan Rößle und auch der Landtagsabgeordnete Wolfgang Fackler, der die Debatte verfolgte, informierten die Zuhörer, dass man nach Lösungen für die Bäder (auch das geschlossene Almarin in Mönchsdeggingen) suche und bereits Horst Seehofer auf die Dringlichkeit hingewiesen habe. „Das Thema ist in München präsent“, sagte Rößle. „Das Bädersterben muss aufhören.“ Der Landtagsabgeordnete Wolfgang Fackler sagte: „Wir müssen bei diesem Thema deutlich nachsteuern. Schwimmen ist so wichtig wie Fahrrad fahren.“

Wer ist für die Bäder im Landkreis zuständig?

Am Abend wurde lange über die Zuständigkeiten der Bäder diskutiert. Der Landkreis könne beispielsweise nur dann Gelder hinzusteuern, wenn im Bad Schulklassen weiterführender Schulen unterrichtet werden, sagte Rößle. Denn grundsätzlich seien Bäder die Aufgabe von Städten und Gemeinden. Da dürfe schon rein rechtlich nicht einfach so Geld fließen. Weil der Landkreis aber jetzt schuldenfrei sei und somit die Kreisumlage in den nächsten Jahren sinkt, hätte Nördlingen über mehrere Jahre gesehen wohl rund eine Million Euro mehr zur Verfügung. Rößle sagte auch, dass der Kreis nicht einfach so einen Zweckverband oder ein Kommunalunternehmen gründen könne, wodurch die Bäder betrieben werden könnten.

Mit dieser Aussage erntet er Kritik von Rolf Bergdolt, dem stellvertretenden Vorsitzenden der DLRG im Landkreis. Der Katastrophenschutz und der Rettungsdienst seien Aufgaben des Landkreises, sagte er. Bergdolt verdeutlichte, dass der DLRG die Möglichkeit für ein kontinuierliches Training fehle, seit dem das Almarin und auch das Bädle in Nördlingen geschlossen worden sind. Er sagte auch, dass den Bürgern die Zuständigkeiten der Behörden egal seien. Bergdolt: „Den Kommunen fehlt das Geld, der Landkreis sagt, er sei nicht zuständig. Den Bürgern ist es egal, wer zuständig ist. Sie verstehen nicht, warum nichts voran geht.“

Viele Mönchsdegginger erhofften sich an diesem Abend eine Antwort über die Zukunft des Almarins. Doch die kam nicht. Bürgermeister Karl Wiedenmann sagte, er habe wenig Zuspruch erhalten, als er umliegende Gemeinden um Unterstützung gebeten hat. Er appelliert deshalb erneut an Bund und Freistaat: „Von oben muss deutlich mehr Zuschuss kommen. Wir sprechen hier von 70 und 80 Prozent. Beim Breitband geht das ja auch. Schwimmen ist genauso wichtig.“ Auch für die Gesundheit der Senioren.

Der Mönchsdegginger Bürgermeister Karl Wiedenmann schlägt eine Lösung für die Schwimmbadnot vor: „Wenn wir das Geld für alle Bäder in einen Topf werfen und alle Kommunen im Landkreis sich die Last teilen, wäre das [die Sanierung des Almarins] zu stemmen.“
Bild: Iszó

Podiumsdiskussion: Was die Besucher zum Streitthema sagen

Trotz Kreuzbandriss und Krücken ist Christoph Spielberger am Mittwochabend in die Alte Schranne nach Nördlingen zur Podiumsdiskussion gekommen. Der Mönchsdegginger würde eine Wiederbelebung des Almarins begrüßen. „Das Bad war ein Treffpunkt für die Dorfjugend“, sagt er. Gespannt erwartete er die Aussagen vom Landrat Stefan Rößle.

Christoph Spielberger aus Mönchsdeggingen.
Bild: Denis Dworatschek

Das ist auch Kathrin Doppelbauer aus Appetshofen. Die vierfache Mutter habe wenig Hoffnung auf Besserung: „So lange wird schon darüber geredet, getan hat sich nichts.“ Im Fränkischen gebe es so viele Bäder und im Ries kein einziges anständiges. Doppelbauer würde den Standort Almarin vorziehen, allein schon wegen den Parkmöglichkeiten. Ihre Kinder lernen derzeit in Möttingen durch eine Kooperation der Grundschule mit der Lebenshilfe das Schwimmen. „Meine elfjährige Tochter hat es noch im Almarin gelernt“, sagt Doppelbauer.

Kathrin Doppelbauer aus Appetshofen.
Bild: Denis Dworatschek

Georg Franz aus Nördlingen ist zur Podiumsdiskussion gekommen, um sich „auf den neusten Stand“ zu bringen. „Ich möchte die Ansichten von Stadt- und Kreisverwaltung hören und welche Variante favorisiert wird“, sagt der Vater einer Tochter, die das Schwimmen im Nördlinger Hallenbad gelernt hat. Ihr habe das Almarin in Mönchsdeggingen mehr Spaß gemacht, als das nüchterne Bad in Nördlingen, sagt Franz. Grundsätzlich braucht es seiner Meinung nach nicht das allergrößte und allerbeste Bad geben. „Eher so wie in Gunzenhausen und Heidenheim an der Brenz, wo dann später Rutsche und Saunabereich ergänzt worden sind“, sagt er. Ihn habe damals gestört, dass die Stadt lieber eine Förderung für das Solar-Freibad annahm, anstatt an gleicher Stelle ein kombiniertes Frei- und Hallenbad zu bauen.

Georg Franz aus Nördlingen.
Bild: Denis Dworatschek

Nach der Podiumsdiskussion sagt Gudrun Eder aus Holzkirchen bei Wechingen: „Es ist nichts rausgekommen.“ Ein Lehrbad werde dringest gebraucht, kein Spaßbad. Eder habe in den vergangenen Jahren das Bädersterben miterlebt. Sie ist Bezirksfrauenwartin in Schwaben beim bayerischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband. „Die Kinder haben Zeit das Schwimmen zu lernen“, sagt sie. Noch keines habe einen Kurs verlassen, das nicht schwimmen konnte. Sie sieht deshalb auch die Verantwortung bei den Bürgern, sich im Freiwilligendienst zu organisieren und mitzuhelfen bei der Schwimmausbildung.

Gudrun Eder aus Holzkirchen bei Wechingen.
Bild: Denis Dworatschek

Der Nördlinger Benedikt Rasche findet, dass das Thema endlich bei den Politikern angekommen ist. „Es war auch gut, dass sich viele Bürger zu Wort gemeldet haben“, sagt er. Rasche selbst ist bei der DLRG in Mönchsdeggingen aktiv. Ihr Ziel sei es, jedem Kind die Möglichkeit zu geben, das Schwimmen zu lernen. „Dafür hat es einfach zu wenig Bäder im Landkreis“, sagt Rasche.

Benedikt Rasche aus Nördlingen.
Bild: Denis Dworatschek

Der Meinung ist auch Michael Dinkelmeier aus Wemding. „Auf die sechs Bäder im Landkreis kommen jeweils rund 21 000 Einwohner“, rechnet er vor. Er findet, dass das Streitthema von allen Seiten sehr ernstgenommen wird. „An der Publikumszahl sieht man, dass die Leute sich dafür interessieren“, sagt Dinkelmeier. Er habe nicht mit so vielen Menschen gerechnet. Selbst nach der Veranstaltung werde immer noch kräftig diskutiert, manche seien direkt auf die anwesenden Politiker zugegangen. Dinkelmeier selbst ist Pressesprecher bei der Kreiswasserwacht Nordschwaben. „Unser Ziel ist eine Schwimmausbildung für Kinder und Säuglinge“, sagt er. Aber auch die Senioren dürfen nicht vergessen werden, die durch das Schwimmen zu ihrer Gesundheit beitragen könnten. „Immerhin werden wir alle immer älter.“

Michael Dinkelmeier aus Wemding.
Bild: Denis Dworatschek

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