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02.10.2010

Franz Greno: Traditionalist, der den Fortschritt liebt

Nördlingen/Urbino Der Literat Franz Greno (62) lebte in den achtziger Jahren in Nördlingen. Von 1985 bis 1989 betrieb er die "Andere Bibliothek", wo er unter anderem ausgefallene Werke im Bleisatz produzierte. In dieser Zeit war er auch in der SPD als Ortsvereinsvorsitzender aktiv, wo er dem Wahlkampf neue Impulse verlieh. 1989 verließ Franz Greno Nördlingen.

RN: 1989 scheiterten Sie wirtschaftlich mit der "Anderen Bibliothek". War das ein schlimmer Bruch in Ihrem Leben?

Greno: Ich habe mich durch alles in meinem Leben weiterentwickelt, auch durch Niederlagen. Wichtig war mir, dass ich meine Werkstatt in die Hände der Mitarbeiter legen und alle Verbindlichkeiten vernünftig regeln konnte. Es hat mich im Anschluss ein Jahrzehnt gekostet, mein unternehmerisches Haus wieder in Ordnung zu bringen.

RN: Was arbeiten Sie seitdem?

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Greno: Meine Rolle hat sich von der eines Verlegers zu der eines Dienstleisters verlagert. Ich bringe meine Ideen in Verlage ein und entwickle Bücher für sie, das reicht vom Buchkonzept bis zum gesamten Layout.

RN: Sie arbeiten von Italien aus?

Greno: Ja, meine neuen Lebensschwerpunkte sind Donauwörth, wo ja mein Sohn Nico das Buchhaus Greno führt, und das Dörfchen Fraterosa bei Urbino, wo ich mit meiner zweiten Frau in einem alten Bauernhaus lebe.

RN: Wie arbeiten Sie von dort aus mit Verlagen zusammen?

Greno: Meine Arbeit ist punktuell. Ein Tag kann so aussehen, dass ich morgens um 7 Uhr von Mailand nach Berlin fliege, dort im Verlag arbeite, nachts zurückkomme und meine Arbeit erledigt habe. Ohne Kommunikation über das Internet wäre es nicht möglich, von einem italienischen Dorf aus zu arbeiten.

RN: Trauern Sie dem soliden Handwerk wie Bleisatzdruck nach?

Greno: Wie das ganze Leben entwickelt sich auch das Handwerk weiter. Durch Computer und Internet ist das Leben heute vielfältiger, die Welt viel reicher geworden. Das aktuelle Buch, das ich gerade mit Hans Magnus Enzensberger zusammen fertiggestellt habe, "Album", wäre schon rein optisch ohne moderne Technologie nicht möglich gewesen. Aber ich übernehme aus der Tradition der Bücher, was wertvoll und sinnvoll ist - zum Beispiel kaum mehr übliche Lesebändchen, solide Fadenheftung oder sauberen Satz ohne unharmonische Trennungen.

RN: Sie zeigen sich offen für moderne Medien und sind ja selbst relativ viel in Magazinen und im Fernsehen vertreten. Ist das wichtig für Sie?

Greno: Ohne Medien geht nichts, denn ohne sie kann man nicht genügend Menschen erreichen. Wer hätte denn früher gedacht, dass eine Neuauflage des "Kosmos" von Alexander von Humboldt 2004 in der Bestsellerliste des Magazins "Der Spiegel" landen würde?

RN: Es lässt sich aber nicht vermeiden, dass auch Sie als Person dargestellt werden.

Greno: Als Person habe ich mich selbst immer zurückgenommen. Ich mag keine Eigenreklame, schließlich ist es nicht alleine meine Leistung, um die es geht. Natürlich freut es einen, wenn bescheinigt wird, dass man mit die besten Bücher im Land macht. Aber das allein interessiert mich nicht - ich will, dass Leute gerne lesen und dazu müssen Bücher eben gut gemacht sein.

RN: Einen Teil Ihres Lebens verbringen Sie immer noch bei Ihrer Familie im Donau-Ries-Kreis?

Greno: Ja, ich habe zur Familie immer noch die besten Verbindungen. Ich bin sehr stolz, dass meine Kinder mein Vermächtnis großartig und auf soliden Beinen fortführen, meine Tochter Tina führt die Buchhandlung Greno in Nördlingen und Nico das Buchhaus Greno in Donauwörth. Mittlerweile habe ich vier Enkel; im Umgang mit ihnen lerne ich selbst sehr viel. Auch zu meiner ersten Frau Erika, die jetzt in Lübeck lebt, habe ich ein gutes Verhältnis.

RN: Haben Sie über Ihre Familie hinaus rückblickend das Gefühl, in Nördlingen etwas bewegt zu haben?

Greno: Der Lebensabschnitt in Nördlingen hat mir gezeigt, dass man in Kleinstädten viel mehr bewegen kann als anderswo. Hier ist die Realität wirksamer, man erfährt mehr, erlebt Schicksale aus nächster Nähe, kann helfend eingreifen.

RN: Sie haben auch politisch eingegriffen, waren Vorsitzender des SPD-Ortsvereins.

Greno: Ja, ich wollte helfen, der damals übermächtigen CSU etwas entgegenzusetzen.

RN: Sie haben in den Wahlkampf ganz neue Ideen eingebracht, zum Beispiel Hausbesuche oder mehrfaches Plakatieren.

Greno: Entscheidend war dabei aber eine Änderung der Grundhaltung in der SPD. Statt ständig auf Missstände zu schimpfen, verlegte ich mich darauf, Positives zu betonen, das war und ist viel ansprechender. Mit den Gegnern habe ich mich sachlich und nicht im üblichen herabwürdigenden politischen Ton unterhalten.

RN: Manfred Nozar hat 1982 die OB-Wahl gegen Paul Kling verloren. Haben Sie dennoch das Gefühl, politisch etwas erreicht zu haben?

Greno: Das habe ich durchaus. Erstens war es ein Anerkennungserfolg für Nozar, dem ja nur einige hundert Stimmen zum Sieg fehlten. Außerdem war die SPD als politische Kraft wesentlich sichtbarer als vorher etabliert. Ich denke, das hat lange nachgehallt.

RN: Wollten Sie auch durch Ihre literarische Arbeit politisches Bewusstsein beeinflussen?

Greno: Ich habe viele interessante Leute nach Nördlingen geholt, zumeist in die Buchhandlung meiner damaligen Frau. Zum Beispiel meinen Freund Volker Schlöndorff, der dann auch im Schützenhof und im Kino seinen Beirut-Film zeigte.

RN: Wie hat sich Nördlingen insgesamt aus Ihrem Blickwinkel verändert?

Greno: Insgesamt freut es mich, wie sich Nördlingen entwickelt hat. Die alte Bausubstanz ist sehr gepflegt und auch kulturell tut sich nach wie vor sehr viel, zum Beispiel der sehr aktive Kunstverein. Die Lebensqualität hier ist enorm.

RN: Wann werden Sie wieder in Nordschwaben, in der Stadt Nördlingen sein?

Greno: Im Oktober, wenn meine erste Frau hier ihren 75. Geburtstag feiert. (hum)

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