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07.11.2019

Mauer fällt und das Telefonnetz bricht zusammen

Eine Kundgebung in Stollberg im Jahr 1989: Erinnerungen aus dem Wendeherbst, als die Stimmung brodelte.
Foto: Friedemann Bähr

Samstagsthema Vertreter der Stadt Stollberg fahren nach Hof, um mit Nördlingen zu telefonieren

Nördlingen Unmittelbar nach dem Mauerfall versuchten Vertreter der sächsischen Stadt Stollberg Kontakt mit einer bayerischen Stadt auf ihrer Liste für eine Städtepartnerschaft aufzunehmen. Doch das gestaltete sich schwierig: Zig Millionen Ostbürger wollten mit ebensovielen Westbürgern telefonieren. Die Leitungen zwischen Ost- und Westdeutschland waren damals derart überlastet, dass kein Durchkommen mehr war. Also fuhren drei Vertreter der Stadt Stollberg nach Hof, um von dort aus zu telefonieren. Als erste Stadt auf ihrer Liste erreichten sie Nördlingen und der damalige Oberbürgermeister Paul Kling fackelte nicht lange: „Heute Abend ist bei uns Finanzausschuss-Sitzung – wenn sie wollen, können sie dazu kommen.“ Die Stollberger ließen sich nicht zweimal bitten, fuhren direkt von Hof aus weiter und wurden wenige Stunden später im Sitzungssaal des Nördlinger Stadtrates empfangen. Der Rest ist Partnerstadt-Geschichte. Im Zuge der Städtepartnerschaft bildete das Nördlinger Bauunternehmen Eigner Maurerlehrlinge aus Stollberg aus.

Einer davon ist Thorsten Müller, der heute noch bei Eigner als Polier arbeitet: „Ich bin im Herzen Sachse, aber meine Heimat ist das Ries.“ In der Nacht des Mauerfalls war die allgemeine Aufregung auch in Stollberg zu spüren, in den Straßen wurde demonstriert. Müllers Eltern, er selbst war damals elf Jahre alt, waren mit dabei, sie hatten nie als vorbildlich linientreu gegolten; seine Mutter wurde dann aber Sekretärin von Bürgermeister Mathias Wirth, dem ersten Bürgermeister nach der Wende. Der Mauerfall wurde von den offiziellen Medien quasi geheim gehalten – „Doch es gab auch Piraten-Radiosender, die das Ereignis sofort verbreiteten“, erinnert sich Müller. In der Nacht brach eine Euphorie aus, die sehr lange anhalten sollte. Als Müller 1995 nach Nördlingen kam, spürte er diese Euphorie auch bei uns, als er extrem herzlich aufgenommen wurde. „Die Rieser sind ein sehr offener Menschenschlag“, urteilt er heute noch ungebrochen. „Bis heute hat niemals jemand mir gegenüber schlecht über die Wiedervereinigung gesprochen.“ Paul Kling erzählt, dass die Suche nach einer Partnerschaft bereits vor dem Mauerfall begonnen hatte: „Wir hatten schon vorher bei der Hanns-Seidel-Stiftung nach einer möglichen Partnerstadt in der DDR nachgefragt und wurden auf eine Liste gesetzt.“ Auch Stollberg hatte sich an die Stiftung gewandt, doch dann kam der Mauerfall dazwischen.

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