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Prozess in Augsburg

20.04.2016

Neue Vorwürfe im Prozess gegen Zwölf-Stämme-Erzieherin

Marina P. soll als Lehrerin der Sekte «Zwölf Stämme» mehrere Kinder geprügelt haben. Im Januar wurde sie deswegen zu zweieinhalb Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt.
Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Der Berufungsprozess wegen Prügelstrafen bei der Sekte "Zwölf Stämme" hat in Augsburg begonnen. Gleichzeitig gibt es neue Vorwürfe gegen die Erzieherin.

„Wen der Herr liebt, den züchtigt er“, heißt es in einem Brief an die Hebräer im Neuen Testament. Dieses Zitat muss es der 56-jährigen Angeklagten besonders angetan haben. Als Mitglied der christlich-fundamentalistischen Sekte „Zwölf Stämme“ soll sie als Mitglied und Lehrerin der Glaubensgemeinschaft in Klosterzimmern Kinder wegen Kleinigkeiten mit Ruten geprügelt haben, manche angeblich täglich.

Dafür wurde sie im Januar in erster Instanz vom Amtsgericht Nördlingen zu einer Haftstraße von zweieinhalb Jahren verurteilt. Am Mittwoch begann vor der Jugendkammer des Augsburger Landgerichts die Berufungsverhandlung gegen die Frau, die – wie sie sagte – alle ihre Kinder geliebt und sie nur „diszipliniert“ habe, um ihnen zu helfen, sie von ihrem schlechten Gewissen zu reinigen.

Die Angeklagte, pausbackig, mit einem rückenlangen grauen Pferdeschwanz, strahlt die Sicherheit einer Überzeugungstäterin aus, die nichts Böses getan haben will, sich von der Welt und insbesondere der Justiz unverstanden fühlt. Sechs Fälle der Misshandlung von Schutzbefohlenen und der gefährlichen Körperverletzung werden ihr zur Last gelegt. So hat sie dem Ersturteil zufolge selbst ihre eigene, dreijährige Enkelin mit einer Rute geschlagen. „Das war schon emotional für mich, sie hat geweint, denn es tut schon weh“, sagt sie. Aber das Kind habe die Disziplinierung angenommen, das spüre man.

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Wann wurden Kinder bei den Zwölf Stämmen geprügelt?

Ein etwa achtjähriger Bub wurde Opfer der Erziehungspraktik, weil er beim Vorlesen eines Textes stotterte. Später stellte sich heraus, dass er kurzsichtig war. Ein Bub im Grundschulalter, so das Ersturteil, bekam regelmäßig Rutenschläge, weil er fehlerhaft schrieb – er litt aber an einer Rechtschreibschwäche. Vor lauter Angst kletterte er auf einen Baum. Ein Mädchen sollte beim Sportunterricht in einen Fluss springen, traute sich aber nicht – und bekam Hiebe. Die Angeklagte: „Es sollte seine Angst überwinden, dazu brauchte es Hilfe“.

Auch wurden Kinder geschlagen, wenn sie einnässten. Sie sei schon streng gewesen, habe vielleicht auch Fehler gemacht, bekannte die Frau. „Aber Sie sind auch streng, Herr Richter“, sagte sie zu dem Kammervorsitzenden Lennart Hoesch. Sie habe die Kinder ja nicht quälen wollen, beteuerte die Frau. „Ich wollte, dass es ihnen gut geht“. Die Ruten, laut Ersturteil bis knapp einen Zentimeter dick und bis zu 1,2 Meter lang, waren teilweise eingeölt und mit Klebeband umwickelt.

Damit die Rute flexibel bleibe und nicht so schnell splittere, begründete die Angeklagte (Verteidiger: Alexander Knief) die Sonderbehandlung der Schlaginstrumente. „Aber das steht doch nicht in der Bibel“, bemerkte der Vorsitzende Richter daraufhin. „Ja, das stimmt“, antwortet die 56-Jährige. „Aber das hat mit dem gesunden Menschenverstand zu tun“. Zehn Exemplare der Züchtigungsruten hatte Staatsanwältin Britta Füchtenbusch neben sich im Gerichtssaal platziert – als Anschauungsmaterial.

Sich selbst bezeichnete die Angeklagte als „ungläubig“, als sie zu der Sekte stieß. Das war nach der Wende. In der DDR hatte die Frau als Krippenerzieherin gearbeitet. Weil sie nach dem Mauerfall vom westlichen Gesellschaftssystem offenbar enttäuscht war, bekam sie Kontakt zu den Zwölf Stämmen, lebte zuerst mit der Gemeinschaft in Südfrankreich, später in Bremen und dann in Klosterzimmern, wo sie als Lehrerin tätig war. Sie habe sich angezogen gefühlt von der Lebensweise der Mitglieder „in Harmonie und Frieden“. Dass die Kinder geschlagen wurden, sieht sie nicht als widersprüchlich. „Die Kinder haben so einen Frieden ausgedrückt. Die Frucht war gut, also konnte die Methode nicht schlecht sein“.

In Bremen wird gegen die Angeklagte ebenfalls ermittelt

Im Prozess überraschte der Vorsitzende Richter mit der Mitteilung, dass es erneute Ermittlungen gegen die Angeklagte gebe. Und zwar in Bremen, wo die Sekte zuvor gelebt hatte. Zwei Kinder soll die 56-Jährige dort verprügelt haben. Der Vorschlag des Gerichts, dieses neuerliche Verfahren einzustellen, wenn die Angeklagte die Berufung zurücknimmt, kam aber nicht zum Tragen.

Als ersten von neun Zeugen hörte die Jugendkammer gestern Nachmittag einen inzwischen zehnjährigen Buben. Auf seinen Wunsch hin schloss das Gericht die Öffentlichkeit aus. Damit finden auch die Plädoyers von Anklage und Verteidigung – voraussichtlich am 27. April – hinter verschlossenen Türen statt.

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