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Nördlingen

11.08.2019

Rieser Poetry-Slam: Der Rock’n’Roll der Literatur

Die Finalisten (von links): Moderator Jens Hoffmann, Thomas Schmidt (1. Platz), Maron Fuchs (1. Platz), Jaromir Konecny (3. Platz).
Bild: Toni Kutscherauer

Mehr als 400 begeisterte Besucher kommen zum Rieser Poetry-Slam. Am Ende gibt es einen Doppelsieg

Hoch hatten sie gepokert und am Ende das Glück des Tüchtigen: Die veranstaltenden Fladenpiraten und Organisator Andi Weiss hatten trotz Regens bis weit in den Nachmittag auf die Alte Bastei als Veranstaltungsort gesetzt. Das Risiko hat sich gelohnt, denn bei angenehmen Sommernachtstemperaturen konnte Moderator Jens Hoffmann mehr als 400 Zuschauer zur zweiten Auflage des „Rieser Poetry-Slams“ begrüßen.

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Die Regeln bei diesem „Dichter-Wettstreit“ sind denkbar einfach: Die Probanden tragen ausschließlich selbst verfasste Texte ohne jegliche Hilfsmittel vor, wobei das Zeitlimit sieben Minuten beträgt. Der Sieger wird am Ende vom Publikum gekürt, denn Dauer und Intensität des Beifalls sind die entscheidenden Gradmesser. Eine stolze Anzahl von zwölf Kandidaten hatte sich für den Wettbewerb in Nördlingen gemeldet, die in drei Gruppen gegeneinander antraten – die jeweiligen Gewinner bestritten am Ende das Finale.

Zum Einstieg – in der Slam-Szene „Opferlamm“ genannt – trug Jens Hoffmann mit „Monster unter meinem Bett“ ein berührendes Stück über seinen kleinen Sohn vor. Mit Thomas Schichl aus Harburg eröffnete ein Rieser den Wettstreit mit drei stimmungsvollen Gedichten. Es folgten die beiden Münchner Künstler „Trulla“ (Elisabeth Wachulla) mit einem sehr persönlichen Text über „Seidenmänner“ und Bert Uschner mit einigen Limericks und dem „Tipp“, sich ruhig mal von der Alpendohle inspirieren zu lassen. Den größten Applaus der ersten Runde holte sich Jaromir Konecny mit der „Rache der Radieschen“ ab – ein „Lehrbeispiel“ dafür, wie man eine attraktive Frau im Biergarten vergraulen kann.

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Poetry-Slam in Nördlingen: In der zweiten Gruppe war das Rennen eng

Sehr eng war das Rennen in der zweiten Gruppe, die Rahel Behnisch aus Regensburg mit einem fein differenzierten Vortrag zu den Themen Feminismus und Diskriminierung eröffnete. Herrlich komisch waren der fiktive Blick von Georg Raab aus Oettingen aus einer Raumstation auf das irrwitzige Treiben der Menschen auf der Erde sowie die Ausführungen des Regensburgers Pascal Simon über die Themen Sprache und Wortklauberei (Stichwort „Spaghetto“). Für das Finale qualifizierte sich Thomas Schmidt aus Schwabach: Der Lehrer zeigte satirisch auf, wie tief die sprachlichen Gräben zum „Trendy Speak“ der pubertierenden Schüler liegen.

„Respect The Poet“ hatte Jens Hoffmann zu Beginn als oberste Regel ausgegeben, was beim Auftritt des 75-jährigen Herblingers Hubert Faußner eindrucksvoll zu beobachten war: bei den mit allem Herzblut vorgetragenen Gedichten über seine Rieser Heimat war es im Publikum mucksmäuschenstill. „Sunny“ aus Bad Endorf arbeitete in „Weil Liebe nicht leicht ist“ ergreifend eine zerbrochene Beziehung auf, bevor das Fürther Slam-Urgestein Martin Geier mit seinen durchgeknallten „Kiffer-Erlebnissen“ zwischen Party, Absturz und Milky Way die Lachmuskeln der Besucher reanimierte. Als Gruppensiegerin ging schließlich Maron Fuchs durchs Ziel, die in ihrem kritischen Appell „Sum, sum, sum“ mehr Umweltbewusstsein einforderte.

Im Finale kam es zu einer sehr knappen Entscheidung

Schon vor der Schlussrunde war klar, wieso der Poetry-Slam, der „Rock ‘n’ Roll der Literatur“ (Pascal Simon), sich zunehmender Beliebtheit erfreut. So unterschiedlich die Teilnehmer auch agierten, ob frei vortragend oder vom Blatt, ob im Fließtext, in Reimform oder im Rap-Style, ob Newcomer oder „alter Hase“ – alle sprachen das Publikum auf ihre ganz eigene Weise an. Höchst beachtlich war auch fast durchwegs die Qualität der Beiträge, die allesamt eine Botschaft trugen – egal, ob die Texte witzig-ironisch oder kritisch-nachdenklich gehalten waren.

Im Finale kam es zu einer sehr knappen Entscheidung. Platz drei ging an Jaromir Konecny, der als Tscheche mit der deutschen Sprache und seiner „misslungenen Integration“ haderte. Ein Unterschied im Applaus für Thomas Schmid mit seinem semantisch tiefgründigen „Lost in Translation“ und Maron Fuchs’ fesselndem „Ich bin jetzt live dabei“ zur Flüchtlingsproblematik war kaum festzustellen, sodass Moderator Jens Hoffmann salomonisch beide Wortakrobaten zu Siegern erklärte. Dies wurde auch vom begeisterten Publikum gutgeheißen, welches die Kleinkünstler-Truppe mit anhaltendem Beifall verabschiedete.

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