Afrikahilfe

31.05.2018

Schule statt Sportwagen

Der Landrat legte selbst Hand an, als es darum ging, das Schild für „seine“ Schule in Kunkhongo anzubringen. „Founded by Family Stefan Rößle“ – also „gegründet von Familie Stefan Rößle“ – ist darauf zu lesen.
Bild: Helmut Bissinger

Landrat Stefan Rößle engagiert sich persönlich im afrikanischen Malawi und ist von der Feier zur Eröffnung „seiner“ Bildungseinrichtung und den Menschen überwältigt.

Der sechsjährige Samuel strahlt. Der „weiße Mann“ hat ihn soeben nach oben gehoben. Der „weiße Mann“ ist Landrat Stefan Rößle. Kunkhongo im ostafrikanischen Malawi hat ihm viel zu verdanken: Rößle hat seinen Sportwagen verkauft und mit diesem Geld, mehr als 40000 Euro, die Schule in dem kleinen Dorf unweit des Malawisees finanziert. Nun ist er selbst gekommen, um bei der Eröffnung dabei zu sein.

Er, seine Tochter Elena und die anderen der achtköpfigen Delegation, die die weite Reise in das arme Land auf sich genommen haben, sind überwältigt. Als sie mit einem kleinen Bus auf dem Dorfplatz vorfahren, kreischen und jubeln 400 Kinder. Einige sitzen unterm Baum, an einer Schiefertafel unterrichtet dort eine Lehrerin. Im Hintergrund wird noch gearbeitet. Die ganze Nacht haben Handwerker angepackt, um die Schule doch noch rechtzeitig fertigzustellen, nachdem wochenlange Regenfälle zu einer Verzögerung geführt hatten.

Nicht nur der kleine Samuel strahlt, sondern auch der Chef des Landkreises Donau-Ries. Rößle muss selbst noch Hand anlegen, hilft ein Spenderschild anzubringen, aus Lautsprechern ertönen malawische Volksweisen. Unter einem anderen Baum beobachten die Dorfältesten das Treiben vor dem Fest. Es ist ein Tag, wie ihn Kunkhongo noch nicht erlebt hat. Etwas weiter entfernt pumpen emsige Frauen Wasser für den täglichen Bedarf.

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„Das war die richtige Wahl“, sagt der Landrat später. Die Hilfsorganisation „Fly & Help“, eine Stiftung des Weltumrunders und ehemaligen Touristikunternehmers Reiner Meutsch, hatte ihm Malawi als Standort für die Grundschule vorgeschlagen. Fly & Help setzt sich für Bildung in Entwicklungsländern ein. Spenden fließen direkt in das jeweilige Projekt. Als Rößle Meutsch kennenlernte, war er so begeistert, dass er in die eigene Tasche griff. Nun steht er überwältigt in der Menge der Schüler. Mit dabei ist Gunther Freissle als bayerischer Sprecher des Reiseunternehmens Derpart, das sich ebenfalls für die Schulbauten engagiert.

Die Schule am See in Malawi ist die 200., die von der Organisation verwirklicht wird. „Wir legen großen Wert darauf, dass die Spendengelder nicht versickern“, versichert Pia Schmitz-Formes, eine Mitarbeiterin von Fly & Help. Immer wieder lässt sich Rößle das Schulsystem erklären, will wissen, wie es nach dem Bau nun weitergeht und spaziert durchs Dorf, um sich in den einfachen Häusern umzusehen.

„Sie haben eigentlich nichts und sind glücklich“, sagt er. Man spürt, dass ihn die Begegnungen berühren. Das ganze Dorf ist auf den Beinen. Alle sind gekommen: die Distriktoberen, natürlich der Bürgermeister und Vertreter der malawischen Regierung. Die Delegation darf bei großer Hitze unter einem schützenden Zelt Platz nehmen und ein Programm erleben, wie es für jeden einzelnen unvergesslich bleiben wird. Mystische Figuren treten auf, die Kinder haben einen großen Kreis gebildet, es wird gesungen und getanzt – und natürlich gibt es Ansprachen. Auch Rößle sagt einige Worte in wohlgewähltem Englisch. Schließlich darf jeder der deutschen Gäste einen Baum pflanzen.

Zwei Klassenzimmer und eine Küche beherbergt das stabile Gebäude, das so auch der Regenzeit trotzen kann. Vorbei ist die Zeit, als unter dem Dorfbaum unterrichtet wurde. 450 Schüler haben nun ein Dach über dem Kopf. „Wir hoffen, dadurch noch mehr Familien zu motivieren, ihre Kinder zur Schule zu schicken“, sagt Renate Krzywón-Schramm. In Malawi gibt es keine Schulpflicht. Krzywón-Schramm lebt seit mehr als einem Jahrzehnt in der malawischen Hauptstadt Lilongwe und ist für die Welthungerhilfe der Kontakt von Fly & Help.

Von den rund 16 Millionen Einwohnern Malawis leben die meisten als Kleinbauern in ländlichen Regionen. Der Binnenstaat hat teilweise mit extremer Trockenheit zu kämpfen, während es in anderen Teilen zu heftigen Regenfällen kommt. Im Ergebnis führt beides zu Missernten. Die Hälfte der Menschen hat keinen Zugang zu sauberem Wasser, nur acht Prozent zu Elektrizität.

„Es ist gut, dass die Regierung von Malawi die zahlreichen Hilfsorganisationen zulässt“, freut sich Rößle. Am Abend vor der Eröffnung hatte die Welthungerhilfe-Repräsentantin von den Verhältnissen im Land berichtet, von der hohen Bedeutung, die Bildung für die Zukunft der dortigen Menschen hat. Die Welthungerhilfe kümmere sich aber nicht nur darum, sondern auch um einfachste Hygieneunterweisungen. „Gegen die Malaria, die immer noch im Land wütet, können wir nur wenig unternehmen“, erzählt die Polin Krzywón-Schramm, aber „die äußeren Lebensumstände der Menschen können wir verbessern.“ Viele im Land wüssten nicht, dass sie beispielsweise durch häufiges Waschen der Hände gefährliche Krankheiten verhindern können.

Rößle hat sich am Ende in Malawi verliebt. Immer wieder sucht er auch in den Tagen nach der Schuleröffnung das Gespräch mit den freundlichen Menschen, schaut sich ein wenig im Land um. Fast ehrfürchtig sitzt er in einem kleinen Boot am Shrine River, als eine Herde mit 40 Elefanten rechts und links vorbeizieht, keine zehn Meter vom Boot im Liwonde-Nationalpark entfernt.

Insgeheim schmiedet Rößle in Zusammenarbeit mit Fly & Help neue Pläne. Richtig damit rausrücken möchte er noch nicht. Nach dem Trip in diese andere Welt scheint aber sicher, dass er zum einen wiederkommen wird – zum anderen noch mehr Initiativen ergreifen möchte, um zu helfen. „Den Spaß, den ich hier mit den Kindern hatte, hat mir der Sportwagen nie geben können“, so der Landrat.

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