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Nördlingen

08.09.2019

Sogar geheiratet wird auf dem Nördlinger Stadtmauerfest

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3 Bilder
Tanja Müller und Uwe Eisenkolb heirateten kirchlich auf dem Stadtmauerfest, die Trauung führte Pfarrer Klaus Haimböck durch.
Bild: Jochen Aumann

Auf dem Stadtmauerfest gab es viel zu erleben. Ein ganz besonderer Moment ist eine kirchliche Trauung. Eine ungemütliche Taufe erleben die Drucker. Und gemeinsam tanzen die Bürger auf dem Marktplatz.

Das Brautpaar küsst sich. Die Hochzeitsgesellschaft bricht in Jubel aus, ein Horn ertönt und eine Frau spielt auf einem Dudelsack. Der Geruch von Lagerfeuer weht herüber, kleine Aschestücke wehen auf die frisch Vermählten zu, doch darauf achten Uwe Eisenkolb und Tanja Müller nicht. Sie küssen sich. Sie haben auf dem Stadtmauerfest kirchlich geheiratet.

Das war sein großer Traum, erzählt Uwe Eisenkolb. Er sei eigentlich eingefleischter Junggeselle gewesen – doch wenn er einmal heiraten würde, dann sollte das auf dem Stadtmauerfest sein. Jetzt hat er sich seinen Traum erfüllt: „Das war Wahnsinn, bombastisch.“ Natürlich heirateten die beiden im historischen Gewand. Tanja Müller im prachtvollen roten Brautkleid mit goldenen Verzierungen, ihr Ehemann im schicken grauen Gewand mit silbernen Knöpfen, eine lange weiße Feder auf dem Hut. Auch der Wallersteiner Pfarrer Klaus Haimböck trug einen Kragen mit Spitze. Mittelalterlich sei seine Tracht nicht ganz, man könne sie wohl im 17. Jahrhundert verorten. Einen Talar, wie er ihn trage, habe es in dieser Zeit wohl schon gegeben: „Wir haben versucht, es so zeitgemäß wie möglich zu machen.“ Dazu zählte zum Beispiel auch, dass die Hochzeitsgäste standen. Für Haimböck war es das erste Mal, dass er eine solche Trauung durchgeführt hat: „Das Paar hat gesagt, dass es kein Event, sondern ihnen ein Bedürfnis ist.“ Es war eine Trauung, die trotz des Trubels beim Stadtmauerfest ehrfurchtsvoll ausfiel.

Gautschfeier im Innenhof der Druckerei C.H. Beck

Nicht ganz so respektvoll ging es am Samstagmorgen im Innenhof der Druckerei C.H. Beck zu. Eine grüne, mit Holz verkleidete Wanne stand im Mittelpunkt – neben den ausgelernten Lehrlingen und denjenigen Mitarbeitern der „schwarzen Kunst“, die keinen sogenannten Gautschbrief vorweisen konnten. Sie wurden gegautscht, das heißt, ihre Kollegen packten sie und tauchten sie im Becken unter. Gautschmeister war Wolfgang Holik, der Johannes Gutenberg ehrte und dankte: „Er hat’s erfunden, das Geld macht Beck.“ Nach jedem Untertauchen sprach Holik einen kurzen Reim und rief schließlich: „Packet an!“ Und die Packer gingen zu den noch nicht Gegautschten, packten an und trugen ihn oder sie zum Becken. Manche ließen es über sich ergehen, andere strampelten wild. Die bekamen einen nassen gelben Schwamm ins Gesicht gedrückt, wurden schon auf dem Weg zum Taufbecken mit einem Gartenschlauch gespritzt oder mit einem Eimer Wasser übergossen. Den kippten die Packer mit so viel Schwung über ihren Kollegen, dass dabei auch so mancher Zuschauer nicht trocken blieb. Am Taufbecken wehrten sich einige der Ausgelernten so sehr, dass manche Fünfergruppe Mühe hatte, ihren Kollegen ins Becken zu schmeißen. War er drin, tauchten sie ihn unter. Einmal, zweimal, manchmal zehnmal. Einige mussten mehrere Sekunden unter Wasser aushalten. Und war jemand frech und rief „Weiter bitte“, kamen die Kameraden dem Wunsch gerne nach.

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Die Gautschfeier im Video:

Video: Jan-Luc Treumann

Auch sonst gab es auf dem Stadtmauerfest viel zu entdecken. Am Schäfflesmarkt trieb der Duft von Stroh durch die Luft, während die Alerheimer Flegeldrescher historische Einblicke in die Arbeit gaben, die heute ein Mähdrescher erledigt. Immer wieder peitschten die Holzflegel durch die Luft und schlugen dumpf auf dem Weizen am Boden auf. Nicht ganz authentisch trugen die Vereinsmitglieder dabei die Rieser Sonntagstracht – man wolle ein bisschen was hermachen, verriet Heinz Husel. Was die Rieser früher bei der Arbeit und am Sonntag trugen, zeigte die Brauchtumsgruppe Pfäfflingen.

Auf dem Handwerkerhof präsentierten Maurer, Schmiede oder Straßenbauer ihre Kunst. Bei Spengler Florian Strasser und dem früheren Betrieb Zeitelhack wurden Dinge aus Blech hergestellt. Aus einer kleinen runden Metallplatte konnte ein Teller entstehen. Auch Strassers Tochter Paulina versuchte sich daran, klopfte mit dem Hammer auf das Metall. Als das Mädchen wegschaut, ermahnt sie der Vater: „Du musst schon schauen, wo du hinklopfst.“ Als Paulina mit mehr Kraft zuschlug, hatte der Vater dann doch Angst um seine Finger und hielt das Blechstück mit einem Meterstab fest.

Besucher lauschen der Saupredigt in Sankt Georg

In der St. Georgskirche lauschten die Besucher andachtsvoll der Saupredigt, die Steffen Höhn, Mitglied des Vereins Alt Nördlingen, hielt: „Doch wer sie kennt, der lächelt nicht, die Saupredigt ist meine Pflicht.“ In Reimen trug Höhn vor, wie sich die Geschichte abspielte, wonach ein Schwein Nördlingen rettete. Danach gab es eine Armenspeisung.

Am Abend tanzten hunderte Bürger gemeinsam im Dunklen. Sie bildeten große Kreise, die sich in flüssigen Bewegungen zusammenzogen und auseinandergingen. Wildfremde Menschen fanden sich zusammen, raunten sich ein „Hallo“ zu und gingen nach mehreren Tanzschritten zum nächsten Partner weiter. Wieder ein kurzes „Hallo“, zwei Schritte nach links, zwei nach rechts, eine Drehung. Kinder und Erwachsene ließen so zusammen den Abend ausklingen.

Mehr Bilder vom Historischen Stadtmauerfest gibt es unter anderem hier:

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158 Bilder
Stadtmauerfest: Eine Gautschfeier und Rieser Brauchtum
Bild: Szilvia Izsó
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