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Nördlingen

10.05.2020

Stabenfest: 600 Jahre alte Tradition fällt wegen Corona aus

Diese Ansicht zeigt die Einweihung des neuen Schulhauses in Nördlingen – pünktlich am Tag des Stabenfestes 1830.

Plus Normalerweise würden die Nördlinger Kinder heute beim Stabenfest durch die Stadt ziehen. Ein Blick in die Geschichte.

Wenn man heuer in Nördlingen das Stabenfest nicht feiern kann, so soll doch in Form dieses Beitrags an diese Veranstaltung, deren Wurzeln bis auf das Jahr 1406 zurückreichen, erinnert werden. Das Fest der Nördlinger Schuljugend dürfte mit einer solch frühen Erwähnung zu den ältesten Festen dieser Art in Deutschland zählen.

Die erste bisher bekannte Erwähnung eines Nördlinger Frühlingsfestes der Schuljugend findet sich im Rechnungsbuch der Stadtkammer, heute Stadtkämmerei, des Jahres 1406: „Item 1 Pfund der Burger jungen Töchtern zu ihrem Rayentag geschenkt.“ Das soll heißen, dass die Stadt einen finanziellen Beitrag zum „Rayentag“ der Nördlinger Bürgermädchen gab. Der „Rayen“ – das war nichts anderes als der Reigen, der Tanz der Mädchen, in den freilich auch bald die Buben einbezogen wurden.

Beispiel für ein Stabenlied mit kunstvoll gestalteter Titelseite aus dem Jahr 1884.

In den Quellen finden sich jedoch auch andere Bezeichnungen. So heißt es zum Beispiel: „In die Ruten gehen“, eine Wendung, die erstmals 1519 belegt ist. Das „in die Ruten“ gehen dürfte so etwas wie ein Schulausflug gewesen sein. Wir können darin eine weitere Wurzel des späteren Stabenfestes vermuten.

Und die Bezeichnung „Staben“? Diese rührt von den mit Blumen, Grünzeug oder bunten Bändern verzierten „Stäben“ der Buben her, die diese im Festzug mittrugen. Belegt ist der Begriff „Staben“ erstmals in einem Ratsprotokoll des Jahres 1659. Und 1690 wurde den Findelkindern im Spital am „Stabentag“ der „Stabenkreuzer“ bewilligt. Ziel des Festzuges war von alters her die „Kaiserwiese“ vor dem Baldinger Tor, der traditionsreiche Festplatz der Stadt. Hier ergötzte man sich an allerlei „Kurzweil“, das heißt an Tanz, Spiel, Essen und Trinken. An der Kaiserwiese als Festplatz hielt man fest, auch wenn es im 19. Jahrhundert Bestrebungen gab, das Stabenfest auf die Marienhöhe zu verlegen.

Das erste Stabenfest nach dem Zweiten Weltkrieg fand 1949 statt. Das Stabenlied dieses Jahres lautete: „Das Stabenfest ist wieder da, ihr Mägdlein und ihr Buben! Es klinget schon von Fern und Nah: Holt Fahn’ und Kränzchen schnell herbei ...“



Im 18. Jahrhundert war das Stabenfest bei der Obrigkeit nicht sehr beliebt, ja, man wollte den Kindern sogar den „Stabentanz“ verbieten. So berichtet Gustav Wulz, Nördlingens einstiger Stadtarchivar, dass 1748 den Schulmeistern sogar gedroht wurde, eingesperrt zu werden, wenn sie noch einmal ein Gesuch um den „Stabentanz“ einreichen würden. Offensichtlich befürchtete man, dass mit solchen Lustbarkeiten die Disziplin der Bevölkerung leiden würde. Zu einem Volksfest entwickelte sich das Stabenfest wohl erst in der Zeit, als Nördlingen 1802/03 an Bayern gekommen war.

Johannes Kellermann hielt um 1900 das Stabenfest mit seiner Kamera fest. Deutlich zu sehen sind die Verkaufsstände und die festlich gekleideten Damen, Herren und Kinder.

So stammen aus dem frühen 19. Jahrhundert auch die ersten Stabenlieder, die in Form von kunstvoll gestalteten Blättern an die Schuljugend verteilt wurden, wobei nicht selten jedes Jahr ein neues Stabenlied verfasst wurde. Schon 1818 ist ein eigens für dieses Fest komponiertes Lied bezeugt. Um diese Zeit wird auch das Zuckerbackwerk genannt, das den Kindern in den „Stabengucker“ gegeben wurde. Der Chronist Ammerbacher berichtet für das Jahr 1825 von den Karussells, den Verkaufsständen mit ihrem Angebot an Speisen und Spielwaren, von Tanzmusik im Schießhaus und von der großen Teilnahme der Bevölkerung an diesem Fest der Nördlinger Schuljugend.

Das wohl älteste Foto des Nördlinger Stabenfestes wurde um 1900 aufgenommen.






Was gehört sonst noch zum Stabenfest? Neben dem Festzug und dem Vergnügen auf dem Festplatz vor allem die Huldigung der Kinder gegenüber Oberbürgermeister und Stadtrat, die früher auf dem Weinmarkt, heute auf dem Marktplatz, stattfand. „Stabenbier“, „Stabenwürste“ und „Kletterbaum“ wären weitere Stichworte, die das Fest der Nördlinger Schuljugend zu einem einzigartigen, jedes Jahr sich wiederholenden Ereignis machen.

Nur eben 2020 nicht.

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